NRW-Landtagswahl

SPD-Politiker übt Selbstkritik nach NRW-Wahl - "Wir verstehen uns nicht mehr"

Für den SPD-Landtagsabgeordneten René Schneider brachte die NRW-Landtagswahl einige nachwirkende Erkenntnisse.

Foto: Ulla Michels

Für den SPD-Landtagsabgeordneten René Schneider brachte die NRW-Landtagswahl einige nachwirkende Erkenntnisse. Foto: Ulla Michels

Kamp-Lintfort/Rheinberg/Xanten.   Der Kamp-Lintforter Abgeordnete René Schneider will aus der SPD-Schlappe bei der NRW-Wahl Lehren ziehen. Er will raus aus seiner "Filterblase".

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In der Nacht nach dem Wahlabend war er noch in Jubelstimmung: Mit nur etwas mehr über 1000 Wählerstimmen hatte der Kamp-Lintforter SPD-Politiker Renè Schneider seinen Wahlkreis Wesel II bei der NRW-Landtagswahl am 14. Mai knapp gewonnen. "Das ist einfach großartig", jubelte Schneider, dessen Wahlkreis den Bereich Rheinberg, Sonsbeck, Xanten, Alpen, Kamp-Lintfort und Teile von Neukirchen-Vluyn umfasst. Zwei Tage danach schlägt der SPD-Abgeordnete nachdenkliche Töne an. Dieser Wahlkampf würde seine Arbeit als Abgeordneter "grundlegend verändern".

Auf seiner Internet-Seite sinniert der 40-jährige SPD-Politiker, der erstmals 2012 in den NRW-Landtag gewählt wurde, in einem Blogbeitrag über seine Lehren aus dieser Landtagswahl, bei der die rot-grüne Landesregierung so krachend scheiterte. Seine dabei "wichtigste Beobachtung": Schneider bekam zu spüren, wie es um das Verhältnis zwischen Politikern und Wählern mittlerweile steht - man hat sich voneinander entfremdet.

"Wir verstehen uns nicht mehr"

Seit 1997 engagiere er sich aktiv im Wahlkampf, schreibt Schneider. Jeder Wahlkampf sei "anders" gewesen, aber der jüngste habe nachhaltige Wirkung bei ihm. Schneider sei erstmals bewusst geworden, wie sehr "wir Politiker in unseren Filterblasen" steckten und "nicht mehr spüren, worum es dem anderen tatsächlich geht".

Beim Wahlkampf auf Märkten, Plätzen und in Kneipen habe sich bei Schneider das Gefühl breit gemacht, "als gebe es da eine unsichtbare Schranke zwischen mir und den Menschen". Schneiders dramatische Erkenntnis: "Wir verstehen uns nicht mehr".

Zwei weitere "Beobachtungen" hat Schneider notiert:

  • "Der Klassische Infostand auf dem Markt stirbt aus und ist an vielen Stellen bereits tot". Wahlkampf mit Infostand, rotem Schirm, Kugelschreibern und Einkaufswagen-Chip in SPD-Farbe seien zur Gewohnheit geworden, die man nur auf sich nimmt, weil man glaube, dass es manche der Wähler - vor allem Ältere - erwarten würden. Doch der organisatorische Aufwand stehe für Schneider "in keinem Verhältnis mehr zu den Menschen, die wir damit tatsächlich erreichen". Zumal der Partei zunehmend Mitstreiter fehlten.
  • "Ohne Online-Werbung funktioniert kein Wahlkampf mehr". Mit einem Internet-Video mit Hilfe "engagierte Jusos als Darsteller" habe Schneider "seinen Anspruch, Politik mit einem Lächeln zu machen" verbreiten wollen. Mehr als 25.000 erreichte Menschen auf Facebook, fast 500 Reaktionen und "über 50 fast ausschließlich positive Kommentare" seien Beweis dafür, dass Wahlkampf ohne begleitende Online-Aktivitäten nicht mehr funktioniere.

Dieser Landtagswahlkampf war für Schneider "ein Wendepunkt"

Sorgen und Nöte der Menschen zu verstehen und danach zu handeln - das ist aus Schneiders Sicht Aufgabe von Poltikern. Der jüngste Landtagswahlkampf habe Schneider deutlich gemacht, dass es im Verhältnis zu den Menschen "kein 'Die und Wir'" geben darf: "Wir alle zusammen müssen wieder aufeinander zugehen", lautet sein Appell. Dabei helfe letztlich "kein Internet und auch keine sogenannten sozialen Medien", meint Schneider, sondern "einzig und allein das persönliche Gespräch".

Schneiders Botschaft ist denn eine Ankündigung für die kommenden fünf Jahre seiner Arbeit als Landtags-Abgeordneter: "Ich will raus aus meiner eigenen Filterblase und möglichst viele andere zum Platzen bringen. Ich möchte Menschen helfen mit dem, was ich selber kann und als Abgeordneter bewirken darf. Dafür werde ich noch mehr rausgehen an Orte, die nicht ohnehin auf meinem Weg liegen. Damit wir alle uns endlich wieder richtig gut verstehen."

Mit seinem Beitrag scheint Renè Schneider vielen Genossen seiner Partei aus der Seele zu sprechen. Ein Oberhausener weist dabei jedoch in seinem Kommentar unter Schneiders Text auf noch einen Aspekt hin: "Wahlkampf und das damit verbundene „Gedöns“ sind aber nur äußerer Ausdruck, Werbung halt. Die kann noch so gut sein, wenn die Inhalte nicht stimmen. Und und an denen gilt es jetzt zu arbeiten." Denn der nächste Wahlkampf naht: zur Bundestagswahl am 24. September.

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