Gesundheit

Untergrenze stellt Krankenhäuser am Niederrhein vor Probleme

Im Krankenhaus

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Foto: Fabian Sommer

Moers/Kamp-Lintfort.   Bereits ab 1. Januar 2019 sollen Untergrenzen für Pflegepersonal gelten. Die einzuhalten, ist aber schwierig, es fehlt ein wichtiger Baustein.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will ab Anfang 2019 verbindliche Untergrenzen für Pflegepersonal in Krankenhäusern einführen. Was sich für Patienten nach mehr Sicherheit anhört, stellt die Kliniken der Region vor echte Probleme.

Vor drei Tagen hat Jens Spahn (CDU) seinen Plan angekündigt. Danach sollen ab 1. Januar 2019 in vier Abteilungen (Intensivstationen, Kardiologie, Geriatrie und Unfallchirurgie) verbindliche Untergrenzen für Pflegepersonal eingeführt werden. Ein Beispiel: Künftig soll, statistisch gesehen, auf der Intensivstation tagsüber ein Pfleger für maximal 2,5 Patienten zuständig sein, nachts für höchstens 3,5 Patienten. Die Personalschlüssel in der Unfallchirurgie und der Geriatrie: 1 Pfleger für maximal 10 Patienten (nachts 20); Kardiologie: 1 Pfleger für maximal 12 Patienten (nachts 24).

Berechnungen laufen seit Wochen

Thomas Weyers, Pflegedirektor im St. Josef Krankenhaus , verfolgt die Entwicklung seit einiger Zeit: „Das Thema ist schon zwei Jahre alt. Die Vorgaben kommen jetzt von Jens Spahn, weil die Spitzenverbände sich nicht einigen konnten.“ Deshalb bereitet sich das St. Josef bereits seit Jahren auf mögliche Untergrenzen für Personal vor.

„Die Berechnungen laufen schon seit Wochen, vor allem aber geht es um geeignetes Personal“, sagt Thomas Weyers, der für die Intensivstation, die Unfallchirurgie und die Kardiologie planen muss. Eine Geriatrie gibt es am St. Josef nicht. Schwierig sei besonders die Personalakquise für die Intensivstation. Allerdings sei hier bereits jetzt der ab Januar geforderte Personalschlüssel erreicht. In den anderen beiden Abteilungen würden zwei bis drei Vollzeitkräfte fehlen, eine Umverteilung aus anderen Abteilungen bringe aber nichts.

Regelung betrifft 25 Prozent der Betten

Zurzeit gibt es am St. Josef 233 Planstellen für Pfleger und 23 für Hilfskräfte. Von der neuen Regelung seien 25 Prozent der Betten betroffen. Besonders wichtig ist für Thomas Weyers natürlich auch die Finanzierung, denn die Mindestgrenzen für Pflegepersonal schlagen sich auch im Krankenhausetat nieder.

Am St. Bernhard Hospital in Kamp-Lintfort bereitet sich Pflegedirektor Willi van Stiphoudt ebenfalls intensiv auf die künftige Situation vor. „Der Krankenhaus-Zweckverband Rheinland hat ermittelt, dass 75 Prozent der Krankenhäuser die Anforderungen nicht schaffen.“

Der Arbeitsmarkt ist leergefegt

Gleichwohl hält es van Stiphoudt für möglich, dass die Quoten bis zum 1. Januar unter anderem durch „interne Umstrukturierungen“ geschafft werden könnten. Mehr Personal sei vor allem am Wochenende notwendig, doch auch hier macht der leer gefegte Arbeitsmarkt dem Fachmann einen Strich durch die Rechnung. Der Zeitdruck sei „extrem hoch“. 33 Prozent der Betten sind betroffen.

Vom Bethanien-Krankenhaus meldete Pressesprecher Dirk Ruder am Mittwoch, dass man zurzeit noch nichts sagen könne. Auch die Zahl der betroffenen Betten sei zurzeit nicht bekannt.

Gewerkschaftler Detlef Raabe bezeichnet den Plan von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn für Untergrenzen beim Pflegepersonal in Krankenhäusern als „bescheiden“.

Raabe, der aus Moers kommt und in Berlin für die Gewerkschaft Verdi als Bereichsleiter arbeitet, berichtete am Dienstagabend im Haus Engeln vor 20 Zuhörern auf einer Versammlung des SPD-Stadtverbandes zum Thema Pflege. „Die Vorgaben für die vier Abteilungen gelten nur für 15 Prozent der Betten in den Krankenhäusern. Um das Personal in diesen Abteilungen den neuen Vorgaben anzupassen, wird in anderen Abteilungen gespart.“ Er bezeichnete den Plan am Dienstagabend als „klassische Blendgranate“.

Detlef Raabe äußerte sich auch zur Situation in der Altenpflege. Hier fehlten zurzeit 63 000 Stellen. Die Ankündigung von Jens Spahn, 13 000 neue Stellen schaffen zu wollen, reicht für ihn „hinten und vorn nicht aus“. Bis 2030 gebe es bundesweit eine Million mehr Pflegebedürftige in der Altenpflege. Um der Entwicklung gerecht zu werden, brauche es schnell eine qualitativ anerkannte und entsprechend bezahlte Ausbildung und mehr Personal.

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