Kabarett

Unterm Strich: Henning Venske rechnet ab

Foto: Ulla Michels

Neukirchen-Vluyn.   Der 79-jährige Kabarettist gastierte mit „Summa Summarum“ in der Kulturhalle in Neukirchen-Vluyn. Wie gewohnt nahm er kein Blatt vor den Mund.

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„Oh Gott“ flüstert die Frau in der vorletzten Reihe ihrem Mann zu. Damit fasst sie den Ton des Abends treffend zusammen. Denn was Henning Venske direkt am Anfang klar macht: Gelacht wird hier nicht!

Der 79-jährige Altmeister des Kabaretts ist mit seiner „langjährigen persönlichen Bigband“, dem Akkordeonspieler Frank Grischek, auf großer Abschiedstour. Nach 58 Jahren auf der Bühne sagt er „Dankeschön und leben Sie wohl“. Nicht, ohne die letzten Jahre noch einmal Revue passieren zu lassen. Seine Kritik ist harsch, die Wortwahl derb. Dafür ist er bekannt. Seine scharfzüngigen Aussagen bescherten ihm des Öfteren Probleme. Bis hin zu Kündigung und Sendeverbot. Seither gilt er als Deutschlands meist gefeuerter Satiriker. Ein Ruf, dem Venske gerne gerecht wird.

Ausstrahlung eines Animateurs an der Käsetheke

Knapp 130 Leute sitzen am Samstagabend im Publikum der Kulturhalle. Voll ist sie damit noch lange nicht. Doch das scheint den Mann, der hinter seinem mobilen Rednerpult auf der Bühne steht, nicht zu interessieren. Die Zeitreise beginnt, genau so wie Venskes Leben, mit dem zweiten Weltkrieg. Den er, genau wie jeden darauf folgenden, radikal verurteilt.

Auf seinem Weg durch die deutsche Geschichte bleibt keiner verschont. Deutschlands Bundespräsidenten seien allesamt überbezahlte männliche Parteipolitiker „mit der Ausstrahlung und der natürlichen Autorität eines Animateurs an der Käsetheke von Edeka“, die Kanzler und die Kanzlerin durchweg „medioker und ohnehin austauschbare und obsolete Angestellte“. Die Aussage „Nicht Politik verdirbt den Charakter, sondern miese Charaktere verderben die Politik“ wird mit lautem Beifall beklatscht. Wenn er allerdings Helmut Kohl als „170 Kilogramm Fett und Sakko“ beschreibt und die Menschen auf den Straßen als „Fettwanste und Riesenärsche“ betitelt, ist sich das Publikum nicht sicher, wie es reagieren soll.

„Wir haben den Sozialstaat abgebaut“

Am Ende des Abends wird er leiser. Ein Programm, das sich ‚Summa Summarum’ nennt, kommt nicht ohne eine abschließende Bilanz aus. Und hier rechnet Venske mit sich und seiner Generation, der Mehrheit des Publikums, ab: „Wir haben den Sozialstaat abgebaut.“

Ganz zum Schluss geht der den ganzen Abend sehr förmliche Mann auf der Bühne zum Duzen über und appelliert: „Findet euch nicht mit den politischen, sozialen oder gesellschaftlichen Verhältnissen ab.“ Sein Ausblick trotzdem ein überraschend positiver: „Ich denke, eines Tages werden die Wählerinnen und Wähler nicht mehr die größten Angstmacher wählen, sondern die, die Lust darauf machen, in diesem Land zu leben und auch hier zu bleiben. Und schon bald wird jede und jeder einen Flüchtling, oder einen Homosexuellen, einen Muslim, einen Juden oder Afrikaner, vielleicht sogar einen Veganer als Familienmitglied kennen oder mit ihm liiert sein. Und dann können wir unserem Goethe nur Recht geben: Der Zweck des Lebens ist das Leben selbst.“ Belohnt wird er dafür mit Beifall und einem „Grandios, grandios!“ aus der anfangs kritischen vorletzten Reihe.

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