Geburtshilfe

Warum es in Kamp-Lintfort viel zu wenig Hebammen gibt

Tanja Wendt aus Kamp-Lintfort berichtet über den Hebammen-Mangel.

Tanja Wendt aus Kamp-Lintfort berichtet über den Hebammen-Mangel.

Foto: Volker Herold / FUNKE Foto Services

Kamp-Lintfort.  Tanja Wendt hat eine eigene Hebammenpraxis in Kamperbrück. Immer öfter muss sie Familien absagen. Sie hat aber einen Tipp für werdende Eltern.

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Mütter, die in Kamp-Lintfort und Umgebung Nachwuchs erwarten und ihren gesetzlichen Anspruch auf Betreuung durch eine Hebamme wahrnehmen wollen, müssen sich immer früher auf die Suche machen. Der Grund: Es gibt zu wenig Hebammen. „Am besten meldet man sich schon an, wenn der Schwangerschaftstest positiv ist“, weiß Tanja Wendt, die in Kamperbrück eine eigene Hebammenpraxis betreibt.

Der Hebammenmangel ist kein typisches Kamp-Lintforter Problem. Der Deutsche Hebammen Verband bildet die deutschlandweite akute Unterversorgung auf seiner Homepage auf einer Landkarte ab. Er ruft Frauen dazu auf, sich zu melden, wenn sie keine Hebamme finden – und das den Krankenkassen zu melden.

„Schwierig wird es vor allem, wenn der Geburtstermin in die Ferien oder um Weihnachten herum fällt“, sagt Tanja Wendt. Auch sie muss Familien regelmäßig absagen. „Die Absagen in einer Woche bewegen sich bei mir im zweistelligen Bereich.“

Drei Hebammen gibt es aktuell in Kamp-Lintfort, werdende Mütter werden hier aber auch von Hebammen aus den Nachbarstädten mitversorgt. Die Berufskolleginnen tauschen sich untereinander aus und vertreten sich gegenseitig. Einige Hebammen haben wegen des hohen Termindrucks allerdings Abstand von Hausbesuchen genommen.

Die Hebamme möchte nicht auf Hausbesuche verzichten

In diesen Fällen müssen die Mütter zu ihnen in die Hebammenpraxis kommen. „Diese Entwicklung ist relativ neu, aber leider nötig, damit die Frauen überhaupt jemanden finden.“ Auf Hausbesuche zu verzichten, hält Tanja Wendt für problematisch: „Man ist als Hebamme zwiegespalten, weil man das häusliche Umfeld nicht mehr sieht.“ Sie selbst setzt deshalb immer noch ausschließlich auf Hausbesuche. Vier bis sechs davon macht die in Teilzeit arbeitende zweifache Mutter am Tag. Pro Hausbesuch, egal wie lange dieser dauert, gibt es für die freiberufliche Hebamme 38,46 Euro plus Wegegeld.

Warum es zu wenig Hebammen gibt? Schlechte Bezahlung, die Arbeitsbedingungen an Kliniken und die hohe Haftpflichtprämie für Hebammen, die freiberuflich Geburtshilfe anbieten, zählt die 37-jährige Hebamme als Ursachen auf. Und: „Man hat nie wirklich frei“, sagt Tanja Wendt. Eine Hausgeburt in Kamp-Lintfort sei „nahezu unmöglich, weil nur wenige Hebammen in der Umgegend das anbieten“. Wenn man allen Frauen eine 1:1 Betreuung durch eine Hebamme anbieten könnte, ließen sich sicherlich viele Kaiserschnitte vermeiden, glaubt Tanja Wendt.

Das kürzlich in Moers vorgestellte Projekt „Kinderheldin“ sieht sie kritisch. Wendt: „Jede Frau hat das Anrecht auf Hebammenhilfe und diese wird von der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) gezahlt. Bei ‘Kinderheldin’ entstehen Kosten, weil nicht jede GKV das Projekt finanziert. Auch finde ich persönlich es schwierig, bestimmte Dinge online oder per Skype zu klären. Aber wenn es darum geht, erste Fragen zu beantworten, falls eine Hebamme oder der Kinderarzt nicht erreichbar ist, ist dieses Projekt positiv zu sehen. Vor allem, weil Fachkräfte dahinter stehen und keine Laien wie so oft in diversen Foren.“

In Kamp-Lintfort gibt es für werdende und junge Mütter eine besondere Anlaufstelle – den Familienstützpunkt an der Montplanetstraße 4. Dort gibt es montags eine offene Hebammensprechstunde, dienstags Babymassage und mittwochs das Zwergencafé als feste von Hebammen geleitete Kurse. Dazu kommen Rückbildung und Geburtsvorbereitung. Außerdem im Angebot: Kinderspielgruppen und verschiedene Beratungsangebote. Auch Tanja Wendt gehört als Hebamme zum Team, den Familienstützpunkt hält sie für eine wichtige Einrichtung.

Warum sich Tanja Wendt vor 20 Jahren für diesen Beruf entschieden hat? „Das ist Herzblut. Man hat die Ehre, bei etwas ganz Besonderem dabei sein zu dürfen,“ sagt sie spontan. Und: „Das Weitergeben von Wissen macht Spaß – und die Dankbarkeit, die man dabei erfährt.“

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Anspruch auf Hebammenhilfe haben Frauen von der Feststellung der Schwangerschaft bis zum Ende der Stillzeit. Werdende Mütter können auch im Internet auf die Suche nach einer Hebamme in der Nähe ihres Wohnort gehen, dafür gibt es das Portal www.hebammensuche.de. Dabei ist darauf zu achten, dass nicht jede Hebamme alle Leistungen anbietet.

Wer sich weiter über das Thema informieren will: Am Donnerstag, 9. Januar, gibt es bei der VHS in Kamp-Lintfort, Diesterwegforum, Vinnstraße 40, von 17 bis 19 Uhr einen unentgeltlichen Vortrag über die aktuelle Situation in Kamp-Lintfort und hilfreiche Tipps bei der Suche nach einer Hebamme. Um Anmeldung unter 02841/201-565 wird gebeten

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