Freundschaften

Wecker über Hüsch: Er war ein richtig guter, enger Freund

Kostantin Wecker

Kostantin Wecker

Foto: dpa

Moers.   Der Liedermacher Konstantin Wecker gastiert in Moers, der Heimat seines Freundes Hanns-Dieter Hüsch. Ein Gespräch darüber, was beide verband.

Der Kabarettist Hanns-Dieter Hüsch aus Moers und der Liedermacher Konstantin Wecker aus München waren enge Freunde. Am kommenden Samstag, 10. November, kommt Wecker mit seiner Band und dem Programm „Poesie und Widerstand“ in die Geburtsstadt seines langjährigen Weggefährten. Die NRZ sprach mit dem Musiker darüber, was ihm Hüsch bedeutete und warum beide so verbunden waren – künstlerisch wie menschlich. Noch im Gespräch nahm sich Konstantin Wecker (71) vor, bei seinem Auftritt in der Enni-Eventhalle einen Text von Hanns-Dieter Hüsch vorzutragen.


Herr Wecker, Sie stehen kurz vor einem Gastspiel am 10. November in Moers, der Geburtsstadt von Hanns-Dieter Hüsch (s.u.). Es ist bekannt, dass Sie beide Freunde waren. Können Sie beschreiben, wie nahe Sie sich standen?

Hanns-Dieter Hüsch und Konstantin Wecker sind mehrfach zusammen aufgetreten. Dieses Bild ist 1991 in der Garderobe des Mainzer Unterhauses entstanden. Foto: Bernd Weisbrod/Quelle: Deutsches Kabarettarchiv Konstantin Wecker: Sehr nah! Ich hab den Hanns-Dieter als Fan bewundert, ich war in seinen Konzerten und Lesungen, da wusste er gar nichts von mir. Irgendwann habe ich mich geoutet. Wir haben uns nahe gestanden, aber mehr noch war er mein Lehrmeister, mein wichtigster Lehrmeister. Dies gilt auch für die Liedermacherei, mehr noch als Franz-Josef Degenhardt und Hannes Wader. Ich habe mich am meisten an Hanns-Dieter orientiert. Später, als wir uns gut kannten, haben wir festgestellt, dass wir beide dem Expressionismus entstammen. Unsere große Liebe gilt den Dichtern des expressionistischen Jahrzehnts, sie sind unsere Vorbilder gewesen. Ich habe als Zwölf-, Dreizehn-, Vierzehnjähriger die Dichter des Expressionismus verschlungen. Anscheinend Hanns-Dieter auch. Wahrscheinlich waren wir uns auch deshalb so nah.


Haben Sie sich auch abseits der Bühne getroffen?

Mein Ritterschlag von Hanns-Dieter war die unglaublich schöne Kritik, die er zu meiner LP „Genug ist nicht genug“ geschrieben hat, da haben mir fast die Tränen in den Augen gestanden. Dann hat er begonnen, mich in seine Veranstaltungen und seine Rundfunksendungen einzubauen, er hat mir als Künstler wirklich auf die Beine geholfen, er hat mich gefördert. Ich habe dem Hanns-Dieter, und später dem Dieter Hildebrandt, unglaublich viel zu verdanken, sehr viel, menschlich sowieso, aber auch künstlerisch. Wir haben uns dann, nachdem wir ein oder zwei gemeinsame Veranstaltungen hatten, natürlich auch privat getroffen und viele Abende schön weinselig miteinander verbracht. Was meinen Sie konkret, wenn Sie sagen, er war mein Vorbild und Lehrmeister?

Die Art, wie er seine Prosastücke vorgetragen hat. Die ganze Hagenbuch-Reihe, zum Beispiel, war für mich geradezu eine Initiation. Und dann: Ich habe früher zwischen meinen Liedtexten ein bisschen erzählt, ein paar Ansagen gemacht, manchmal eher holperig. Dann habe ich durch Hanns-Dieter gemerkt, dass man zwischendrin auch Gedichte vortragen kann oder Satiren. Das war für mich ein ganz wichtiger Punkt, um meine Dramaturgie neu zu erfinden. Sie schreiben in Ihrer Biografie, Sie hätten sich in Ihrer frühen Phase „hemmungslos und ohne Skrupel bei Hüsch bedient“...

Ja. Zum Beispiel: „Ich sing’ für die Verrückten / die seitlich Umgeknickten“ – das ist ja ein Satz von Hanns-Dieter. Den habe ich in mehrere meiner Texte eingebaut. Das ist für mich Allgemeingut. Ich habe mich auch bei Bertolt Brecht bedient, bei Gottfried Benn, bei vielen Dichtern. Aber ich habe sie nicht im Ganzen kopiert, sondern immer mal wieder eine Zeile verwendet. Zum Beispiel in einem Lied aus meiner Anfangszeit, „Du ich lebe immer am Strand / unter dem Blütenfall des Meeres“ – das ist eine Zeile aus einem Gedicht von Gottfried Benn. Ihm habe ich dieses Lied aus Dankbarkeit gewidmet. Ich habe mich einfach von den Dichtern, den Meisterinnen und Meistern inspirieren lassen, das finde ich auch legitim. Man lässt sich animieren. Ich habe Gedichte gelesen und dann habe ich eigene geschrieben. Hüsch und ich haben aus den gleichen Quellen geschöpft.


Können Sie als Bayer eigentlich etwas mit Hüschs Niederrhein-Geschichten anfangen, diesen Küchentisch-Texten? Oder kennen Sie die Dialoge aus Ihrer Heimat, eben auf Bayerisch statt auf Platt.

Ich finde das köstlich und den niederrheinischen Dialekt wunderbar. Ich kann diese Geschichten eins zu eins umsetzen in ein bayerisches Dorf. Die reden halt anders, die würden’s nicht so pointiert sagen, sondern gedehnter. Aber im Prinzip beschreibt Hüsch doch einfach den Menschen, nur eben in seinem Dialekt.

Hüschs Texte sind aktuell.

Ja, „Das Phänomen“, „Lied vom runden Tisch“ zum Beispiel, natürlich sind die aktuell. Was mich etwas betrübt, ist, dass Hanns-Dieter Hüsch nicht mehr wirklich vorkommt. Ich habe das Gefühl, er wird langsam vergessen. Was ich dazu beitragen kann, dass er nicht vergessen wird, das will ich tun. Auch in meiner schweren Zeit – es ist ja kein Geheimnis, dass ich eine harte Zeit hatte – ist er fast väterlich mit mir umgegangen. Ich konnte mich auch immer an ihn wenden. Ich wusste, wenn ich ein Problem habe, dann habe ich einen Freund. Hanns-Dieter war ein richtig guter, enger Freund.


Sie vermissen ihn, oder?

Ich vermisse ihn sehr. Und viele sehen ihn als Kabarettisten. Aber für mich war er ein Dichter, ein Lyriker, ein Poet. In erster Linie ein Poet.


Das Gespräch führte NRZ-Redakteur Thomas Wittenschläger.

>>> Karten für das Konzert von Konstantin Wecker <<<

2017 starteten Konstantin Wecker und seine Band anlässlich des 70. Geburtstages des Musikers die Jubiläumstour „Musik und Widerstand“, die in diesem Jahr fortgesetzt wird. Am Samstag, 10. November, gastiert das Ensemble in der Enni-Eventhalle am Solimare. Karten gibt es noch im NRZ-Leserladen am Kö in Moers und auf www.wecker.de.

Konstantin Wecker kam am 1. Juni 1947 in München zur Welt. Klavier spielt er seit seinem sechsten Lebensjahr. Ab Ende der 60er Jahre machte er sich in der Kleinkunstszene einen Namen. 1977 gelang ihm mit dem Album „Genug ist nicht genug“ der Durchbruch. Im selben Jahr erhielt er den Deutschen Kleinkunstpreis, der 1972 zum ersten Mal verliehen worden war – übrigens an Hanns-Dieter Hüsch. Beide, Wecker und Hüsch, sind zweimal mit diesem renommierten Preis ausgezeichnet worden.


Wecker ist verheiratet mit Annik Berlin und Vater zweier Söhne.

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