Verkehr

Wo Radfahrer in Moers die Radwege ignorieren dürfen

Nur auf diesen Straßen in der Karte (Screenshot; mehr Infos auf der Karte im Bericht) muss der Radweg noch benutzt werden. Quelle: Stadt Moers

Nur auf diesen Straßen in der Karte (Screenshot; mehr Infos auf der Karte im Bericht) muss der Radweg noch benutzt werden. Quelle: Stadt Moers

Moers.   Die Stadt Moers hat nach einem Gerichtsentscheid ihren Schilderwald durchforstet. Radfahrer müssen nur noch an wenigen Straßen den Radweg nutzen.

Rad- und Autofahrer verhalten sich im Straßenverkehr häufig wie Katz’ und Hund: Sie mögen sich nicht. Das Verhältnis wird in Moers seit Kurzem auf eine besondere Probe gestellt. Denn die Stadt hat ihren Schilderwald durchforsten lassen. Ergebnis: Radfahrer dürfen die meisten Radwege in Moers ignorieren – und auf der Straße fahren. Doch es gibt kuriose Ausnahmen.

Nur noch an 14 Straßen in Moers müssen Radler den Radweg nutzen. Und nur an fünf Straßen davon gilt diese Pflicht durchgehend: Es sind die Pattberg-, die Rheinland-, die Theodor-Heuss- , die Olof-Palme- und die Mollbergstraße (siehe Karte unten).

Straße ist vielfach sicherer als Radwege

Die Stadt hat damit auf eine höchstrichterliche Vorgabe reagiert, die Kommunen bundesweit zum Handeln zwingt: „Eine Radwegebenutzungspflicht darf nur angeordnet werden, wenn aufgrund der besonderen örtlichen Verhältnisse eine Gefahrenlage besteht, die das allgemeine Risiko einer Rechtsgutbeeinträchtigung erheblich übersteigt.“ So hat es das Bundesverwaltungsgericht bereits im November 2011 entschieden. Denn es hat sich längst erwiesen: Vielfach ist es sicherer, wenn Radler auf der Straße fahren, weil man dort besser von Autofahrern gesehen wird.

Wer als Radler auf Verkehrsschilder achtet, dem könnte auffallen, dass es von den blauen Schildern mit Radsymbol in Moers nun deutlich weniger gibt. Und nur auf gemeinsamen Geh- und Radwegen – die durch die zweigeteilten blauen Schilder mit Fußgänger- und Fahrrad-Symbol ausgewiesen sind – heißt es in der Stadt weiterhin: Radler müssen auf den Radweg!

40 Meter Radwegpflicht an der Römerstraße

An der mehr als neun Kilometer langen Römerstraße gilt für Radler nur an drei kurzen Teilstücken die Pflicht, den Radweg zu nutzen. An der Real-Zufahrt im Stadtteil Hochstraß gilt das sogar für ein nur etwa 40 Meter kurzes Gehwegstück. Radler sollen just dort von der Straße auf den Gehsteig wechseln, wo eine Bushaltestelle ist, um direkt dahinter wieder auf der Straße zu fahren.

Die Begründung der Stadtverwaltung klingt kurios: Weil der Radweg sonst nicht zu erkennen wäre, hätten Radler die Straße an dieser Stelle sogar benutzen müssen. „Somit würden wir den unsicheren schutzbedürftigen Radfahrern die Möglichkeit ‘wegnehmen’, an diesen Stellen auf einem sicheren Radweg zu fahren“, sagt ein Stadtsprecher auf Anfrage.

Stadt will „noch einmal nacharbeiten“

Gleichwohl räumt man bei der Stadt ein, die Lösung ist nicht ideal: „Auf dem Abschnitt zwischen Jüchenstraße und Real-Zufahrt haben wir aufgrund der zeitlichen Dringlichkeit der Maßnahme erst einmal diese Regelung getroffen“, heißt es entschuldigend. Bei der Stadt verspricht man: „Wir werden hier noch einmal nacharbeiten.“

Auf der Römerstraße sieht Karl-Heinz Degen, seit kurzem Sprecher der ADFC-Ortsgruppe Moers/Neukirchen-Vluyn, weitere „Negativ-Beispiele“ aus Radfahrer-Sicht: „Von der Franz-Haniel-Straße endet der Radweg rechts neben einer Rechtsabbiegerspur – höchst kritisch, wenn man als Radler geradeaus weiterfahren will!“ Und hinter der Bismarckstraße wechselt der Radweg in Richtung Norden auf die linke Straßenseite und ist nur über eine Ampel zu erreichen. „Im weiteren Verlauf ist die Sicht an der Glückaufstraße durch Sträucher eingeschränkt“, sagt Degen. Das provoziere Unfälle mit Autos. Auch würden Linksabbieger von der Römerstraße dort „häufig nicht auf den Gegenverkehr achten“ – und Radler auf dem Radweg übersehen.

Radfahrclub fordert mehr Tempo-30-Zonen

Aus Sicht des ADFC hält man viel davon, dass Radler auf der Straße fahren. „Am besten sind vernünftige Radwege“, sagt Degen - mit Betonung auf „vernünftig“. Aber daran hapere es überall in Deutschland, wo Radwege meist zu schmal sind, oft in schlechtem Zustand und zu weit weg von der Fahrbahn.

Indes haben Untersuchungen gezeigt, dass Radwege nicht in allen Fällen sicherer für Radler sind. „Wenn ein Radweg mehr als zwei Meter von der Fahrbahn weg ist, ist er sogar gefährlicher“, sagt Siegfried Brockmann, Unfallforscher beim Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft. Unfallträchtig seien vor allem Kreuzungen und Zufahrten, weil dort Radler leicht übersehen werden. Brockmann: „Der ideale Radweg in punkto Sicherheit ist am Straßenrand - weil sich Auto- und Radfahrer dann besser sehen.“

Dass Radler nun in Moers vielerorts auf der Straße fahren dürfen, selbst wenn parallel ein Radweg verläuft, ist aus Sicht des ADFC sinnvoll. Einschränkungen würde man sich deshalb für den Autoverkehr wünschen. Karl-Heinz Degen: „Wir bräuchten viel mehr Tempo 30 auf den Straßen in der Stadt.“

>> Info: Wer auf dem Gehweg Rad fahren darf

Die Stadt Moers listet etwa 430 Kilometer eigene Straßen auf. Auf etwa 100 Kilometer Länge kommt das Radwegenetz. Nicht gezählt sind Straßen, um die sich der Landesbetrieb Straßen.NRW kümmern muss.

Laut Polizei wurden 2014 insgesamt 145 Radfahrunfälle mit Verletzten in der Stadt gezählt - der Höchstwert zwischen 2012 und 2016. Im vergangenen Jahr wurden 113 gezählt, im ersten Quartal diesen Jahres waren es 22 - im Vergleich zum Vorjahr ein Unfall mehr.

Wo es nur einen Gehweg gibt, dürfen Radler ihn benutzen – wenn das Gehwegschild den Zusatz hat „Gehweg für Radfahrer frei“. Dort aber dürften Radfahrer nur Schrittgeschwindigkeit fahren, erklärt ein Stadtsprecher: „Grundsätzlich dürfen seit der letzten Änderung der Straßenverkehrsordnung Ende 2016 Eltern ihre Kinder bis zum 8. Lebensjahr auf dem Gehweg begleiten – auf dem Fahrrad. Kinder dürfen allein bis zum vollendeten 10. Lebensjahr den Gehweg benutzten. Dann müssen Kinder - wie Erwachsenen auch - Radwege/Fahrbahn oder freigegebenen Gehweg nutzen.

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