Soziales

100 Jahre Caritas Mülheim: Sozialverband trotzt auch Corona

Die beiden Caritas-Vorstände Martina Pattberg (links) und Regine Arntz in der Pfarrkirche St. Mariae Geburt

Die beiden Caritas-Vorstände Martina Pattberg (links) und Regine Arntz in der Pfarrkirche St. Mariae Geburt

Foto: Werbeagentur Schröter

Mülheim  Die Caritas Mülheim ist stolze 100 Jahre alt. Wir sprachen mit den beiden Vorständen auch darüber, wie Corona die Sozialarbeit verändert hat.

Seit 100 Jahren machen sich Mitarbeitende des katholischen Sozialverbandes Caritas in Mülheim für Menschen in Not stark. Wie hat sich die Sozialarbeit der Caritas seit 1920 verändert und welche Kontinuitäten gibt es? Ein Gespräch mit die beiden Caritas-Vorständen Regine Arntz und Martina Pattberg.

Was haben die Mitarbeitenden der Caritas im Jahr 2020 noch mit der Gründungsgeneration der Mülheimer Caritas gemein?

Regine Arntz: Heute wie damals gilt für uns das Motto: Der Mensch steht im Mittelpunkt und wir wollen nah bei den Menschen sein. Damals wie heute gibt es viel Not in unserer Stadtgesellschaft. Damals wie heute müssen wir erkennen, dass es administrativ und organisatorisch gut aufgestellte und in der Stadtgesellschaft verankerte Strukturen braucht, um Menschen in Not wirkungsvoll beistehen zu können.

Aktivierende Sozialarbeit steht heute bei der Caritas im Mittelpunkt

Wie hat sich die Sozialarbeit der Caritas in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Martina Pattberg: Ging es früher vor allem um die Fürsorge, also darum, Menschen in Not Aufgaben aus der Hand zu nehmen und sie damit zu entlasten, geht es heute um aktivierende Sozialarbeit. Wir schauen heute ganz genau hin, welche Ressourcen unsere Klienten haben und wie wir sie zur Hilfe zur Selbsthilfe anleiten können. Die Hilfesuchenden sollen soweit verselbstständigt werden, dass wir als Sozialverband uns langfristig bei ihnen überflüssig machen. Wir haben im Laufe der vergangenen Jahrzehnte immer wieder neue Aufgaben übernommen, etwa die Betreuung der Kinder und Jugendlichen in der Offenen Ganztagsschule, die Sozialarbeit in Mülheimer Schulen, die Integrationsberatung von Zuwanderern sowie die ambulante und stationäre Betreuung von seelisch erkrankten Menschen.

Wie hat die Coronavirus-Pandemie die Arbeit der Caritas verändert?

Regine Arntz: Trotz des Lockdowns bleiben alle unsere Beratungsstellen am Start. Sie müssen zurzeit sogar einen steigenden Beratungsbedarf bewältigen. Das gelingt, weil unsere Mitarbeitenden sehr kreativ und motiviert sind. Wir haben unsere Präsenz-Beratung durch telefonische Beratung, Video-Beratung und Beratung to go ersetzt. Letzteres bedeutet, dass sich unsere Mitarbeitenden mit ihren Klienten unter Beachtung der geltenden Coronaschutz-Bestimmungen an der frischen Luft zu einem gemeinsamen Spaziergang verabreden, bei dem dann alle Probleme besprochen werden. Jeder weiß, dass ein Spaziergang an der frischen Luft den Kopf für neue Gedanken und Entscheidungen freimachen kann. Die Caritas-Zentrale an der Hingbergstraße ist zurzeit Corona-bedingt für den Publikumsverkehr geschlossen. Und wir haben inzwischen viele Mitarbeitende der Caritas mit einem Tablet ausgestattet, so dass sie auch Videoberatungen durchführen und Kontakt zu allen Klienten halten können.

"Wir spüren in den Gesprächen eine tiefsitzende Existenzangst"

Mit welchen Fragestellungen wird die Caritas zurzeit konfrontiert?

Martina Pattberg: Wir spüren in den Gesprächen eine tiefsitzende Existenzangst, etwa die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren und dann nicht mehr die laufenden Kosten des eigenen Haushaltes finanzieren zu können. Besonders hart trifft es alleinerziehende Eltern, wenn sie in Kurzarbeit gehen müssen oder ihre Arbeitsstelle ganz verlieren. Da bricht dann gleich alles zusammen, während es in Familien mit zwei Elternteilen vielleicht noch ein Elternteil gibt, der mit seinem Einkommen den Familienunterhalt sicherstellen kann. Besonders hilfsbedürftig sind auch Personen, die zu den sogenannten Risikogruppen gehören, also Menschen über 60, die zum Teil mit mehreren Erkrankungen zu kämpfen haben. Für sie haben wir zum Beispiel ehrenamtliche Helfer mobilisiert, die einen Einkaufsservice anbieten. Wir sind dankbar dafür, dass wir als Arbeitgeber bisher keine Kurzarbeit beantragen mussten. Dafür bekommen wir auch positive Rückmeldungen von den Mitarbeitenden, die erleben, wie durch die Kurzarbeit ihres Partners das Familieneinkommen geschmälert wird.

Wir wirken sich Kirchenaustritte auf die Finanzierung der Caritas aus?

Regine Arntz: Die Kirchenaustritte machen uns große Sorgen. Denn die meisten unserer Hilfsdienste werden durch eine Mischfinanzierung aus Fördermitteln der Stadt, des Landschaftsverbandes Rheinland, des Landes NRW und des Bistums Essen finanziert. Wenn die Austrittswelle anhält und die Kirchensteuereinnahmen des Bistums weiter sinken, kann das für uns bedeuten, dass wir Beratungszeiten einschränken und vielleicht auch ganze Abteilungen und Einrichtungen der Caritas schließen müssen.

Welche Rolle spielt die katholische Konfession heute noch in der Arbeit des katholischen Sozialverbandes Caritas?

Martina Pattberg: Schon vor neun Jahren haben wir mit der interkonfessionellen und interkulturellen Öffnung der Caritas begonnen. Wir haben heute nicht nur katholische und evangelische, sondern auch muslimische oder andersgläubige Mitarbeitende in unseren Reihen. Unsere kostenfreien Beratungen werden allen Menschen, unabhängig von ihrer Konfession, Religion oder Nation angeboten. Wir erwarten aber von all unseren 240 Mitarbeitenden eine den Menschen wertschätzende Grundhaltung, die mit den Grundsätzen des christlichen Glaubens vereinbar ist.

Was wünschen Sie der Caritas zu ihrem 100. Geburtstag?

Regine Arntz: Dass sie auch in den kommenden 100 Jahren für das Prinzip der Solidarität mit ihrer Sozialarbeit und mit ihrer Lobbyarbeit für benachteiligte Menschen vor Ort einstehen kann und diese Sozialarbeit immer wieder ausreichend von unseren Geldgebern finanziert werden kann.

STATIONEN DER CARITAS

Der damalige Pfarrer von Sankt Mariae Geburt, Stadtdechant Pastor Konrad Jacobs (1874 bis 1931), war nicht nur Seelsorger, sondern auch Sozialreformer. 1919 kam er als Pfarrer nach Mülheim und gründete im Folgejahr den hiesigen Caritasverband.

Das ehemalige Garnisonslazarett an der Dimbeck, das heute als Seniorenresidenz dient, war das erste Caritas-Zentrum. Es nannte sich Josefshaus und bot ab 1921 jungen unverheirateten Müttern und schwererziehbaren Jugendlichen Zuflucht und Betreuung. Auch die Gründung des Franziskus-Hauses, das zunächst als Waisenhaus und später als Pflegeheim betrieben wurde, geht auf Konrad Jacobs und die Caritas zurück.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stellte sich der Caritasverband breiter auf

Im Laufe der nachfolgenden Jahrzehnte haben die Mitarbeitenden der Caritas immer wieder neue soziale Arbeitsfelder entdeckt und aufgegriffen. Dazu gehören zum Beispiel Hilfe und Beratung für Suchtkranke und für psychisch erkrankte Menschen, Schwangeren- und Erziehungsberatung, Beratung von Zuwanderern, Familienhilfen und die sozialpädagogische Mitarbeit im Bereich der offenen Ganztagsschule.

Seit 2007 befindet sich das Caritas Zentrum in der ehemaligen Kirche Sankt Raphael an der Hingbergstraße 176. Seit 2007 wird der katholische Sozialverband von einer weiblichen Doppelspitze geführt.

Caritas betreut zurzeit 1872 Kinder und Jugendliche

Im Jubiläumsjahr tragen Regina Arntz und Martina Pattberg als Vorstände die Verantwortung für die vielseitige Sozialarbeit von insgesamt 230 hauptamtlichen und 220 ehrenamtlichen Mitarbeitenden. Arntz und Padberg stehen in der Tradition von Maria Blasweiler, die 1957 als erste Geschäftsführerin des Caritasverbandes ihr Amt antrat.

Die Caritas betreut zurzeit 1872 Kinder und Jugendliche im Rahmen ihrer Schulsozialarbeit. Außerdem haben in diesem Jahr 225 Kinder und Jugendliche an ihrer Lernförderung teilgenommen.

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