Jahresserie

12,5 Kilometer Ruhr in der Stadt stecken voller Geschichte

Leinpfad in Mülheim.

Leinpfad in Mülheim.

Foto: Volker Sperlich/Gebhard Brinkmann

Mülheim.   Zum Auftakt unserer Jahresserie blättern wir im Geschichtsbuch der Stadt. Erste Siedler ließen sich bereits im 9. Jahrhundert am Fluss nieder.

Um zu erfahren, wie Mülheim an die Ruhr kam, müssen wir weit zurück blättern im Geschichtsbuch der Stadt. Bis ins Jahr 883: Denn eigentlich begann alles mit den Wikingern. Mit dieser wilden Bande Männer, die mordend und brandschatzend im neunten Jahrhundert über das damalige Ruhrgebiet herfielen. In Duisburg landen sie mit ihren Schiffen und plündern Bauernhöfe, brutal ermorden sie Menschen, die sich ihnen in den Weg stellen. „Um sich vor den Wikingern zu schützen, errichtet man um 883/84 das erste hölzerne Fort an der Ruhr – aus dem später das Schloß Broich hervorgeht“, erklärt Dr. Kai Rawe, Leiter des Mülheimer Stadtarchivs.

Geopolitisch günstig gelegen zum Siedeln

Die Landschaft hat zu diesem Zeitpunkt freilich zu diesem Zeitpunkt noch nichts mit dem heutigen Stadtgebiet zu tun. „Die Ruhr fließt hier durch bergiges und flaches Gelände“, sagt Rawe. Die Natur ist unberührt, es gibt nur vereinzelte Häuserhaufen, die zu den jeweiligen Herrschaftsgebieten gehören. Die Menschen transportieren Güter über die Hellwegroute zwischen den Siedlungen, die von der Ruhr unterbrochen wird. „Der Fluss stellt für sie zunächst ein Hindernis dar.“ Am Ufer ist der Reisende also gezwungen, eine Rast einzulegen. Am Dort kann er sich überlegen, wie er den Strom am besten quert. „Mülheim bietet hier aufgrund der Seichte und Breite an einigen Stellen gute Möglichkeiten.“

Ohnehin ist dieser Ort geopolitisch günstig gelegen zum Siedeln, auf der gegenüberliegenden Seite zur späteren Burg Broich entstehen daher auf dem heutigen Kirchenhügel weitere Hütten und Häuser. „Im frühen und hohen Mittelalter liegt Broich auf der einen und Mülheim auf der anderen Ruhrseite.“ Verbunden durch eine Furt im Fluss.

Anschluss an die Häfen der Welt

Immer mehr Menschen siedeln sich am Fluss an, sie nutzen die Wasserkraft der Ruhr, um ihre Mühlen anzutreiben – sie schaffen die Energie, um Papier zu pressen oder Korn zu mahlen.

Als Transportweg wurde die Ruhr immer genutzt, „zunächst allerdings nur in eine Richtung, mit dem Strom“. Denn nur von der Mündung in den Rhein in Duisburg-Ruhrort bis nach Mülheim ist die Ruhr ohne Hindernisse schiffbar. In diese Richtung gelingt dem noch kleinen Mülheim der Anschluss an die Häfen der großen Welt – von den Niederlanden aus werden erste Kolonialwaren wie Tee oder Kaffee über die Ruhr nach Mülheim verschifft.

Erst als 1780 die erste Schleuse am heutigen Wasserbahnhof entsteht, kann der Fluss auch in Richtung Quelle befahren werden. „Bis zum Bau der Schleuse hat es keinen nennenswerten Schiffsverkehr oberhalb von Mülheim gegeben“, sagt Rawe. Pferde und Ochsen ziehen die vollbeladenen Schiffe über den Leinpfad mühsam ruhraufwärts. „Das ‘Treideln’ der Lastschiffe gibt es bis Mitte des 19. Jahrhunderts.“

Pioniere der Industrialisierung erobern neue Ufer

Den Kohlehandel auf der Ruhr hat es zwar schon vorher gegeben, jedoch erfährt dieser mit der Schleuse einen echten Aufschwung. So siedeln sich immer mehr Unternehmen am Ruhrufer an: Mitte des 17. Jahrhunderts finden Gerber beste Bedingungen an der Ruhr. Denn das für die Lederherstellung in großen Mengen benötigte fließende Wasser liefern die vielen Zuflüsse der Ruhr. Wenn die Abfälle der Gerbereien durch den offenen Rumbach fließen, stinkt die Innenstadt vor allem im Sommer bestialisch.

Die Pioniere der Industrialisierung erobern neue Ufer: Johann Caspar Troost gründet 1791 eine Weberei, Hugo Stinnes 1808 seine Schifffahrtscompanie und 1811 entsteht die Friedrich-Wilhelms-Hütte als Eisengießerei. „Im Jahr 1862 endet die Kohleschifffahrt auf der Ruhr mit dem Anschluss Mülheims an die Eisenbahn“, sagt Rawe. Mit der Großindustrie wächst die Stadt weiter, jedoch auch die Verschmutzung der Ruhr. Um 1900 ist das Gewässer nahezu tot, weil nicht nur Industrie, sondern auch ungeklärte Abwässer der Bürger in den Fluss fließen.

Die Ruhr als Ort der Erholung

Erst mit der Einführung fester Arbeitszeiten entdecken die Menschen ihre Freizeit – und den Fluss als Ort der Erholung. Zum Ende des 19. Jahrhunderts werden erste Touren mit dem Dampfschiff oder dem Kanu angeboten. 1927 wird schließlich die Mülheimer Flotte gegründet. „Wer den ganzen Tag unter Tage malocht hatte, wollte raus in die Natur.“ Im 20. Jahrhundert verbessern sich die sozialen Verhältnisse der Mülheimer weiter, und das Bedürfnis, seine Freizeit am Wasser zu verbringen wächst – bis heute.

Soviel zur Vergangenheit. Wagen wir den Blick in die Zukunft: Wie werden wir den Fluss in 100 Jahren nutzen? „Die Ruhr wird sicher kein Datenfluss“, sagt Kai Rawe und lacht. „Die Wasserqualität verbessert sich weiter, durch die Renaturierung könnten sich neue Tierarten ansiedeln.“ Bestimmt zieht es die Menschen immer mehr raus aus ihren Büros und ran ans Wasser. Aber fischen wir nicht im Trüben – träumen wir lieber: von der Aussicht auf die Ruhrauen.

12,5 Kilometer fließt die Ruhr mitten durch Mülheim

Wenn es um Fakten zum Fluss geht, sind Gabriele Wegner und Jürgen Klingel die Fachleute – sie befassen sich täglich mit dem Wohl des Gewässers. Über 12,5 Kilometer fließt die Ruhr mitten durch Mülheim – so wie in keiner anderen Stadt. 7,5 Kilometer davon sind Landeswasserstraße, etwa fünf Kilometer werden vom Bund bewirtschaftet. „Es ist unsere Aufgabe, sie zu unterhalten“, erklärt Jürgen Klingel, der bei der Bezirksregierung Düsseldorf das Dezernat Wasserwirtschaft leitet. Er hat den Fluss von Duisburg bis Hagen im Fokus – ab dem Sauerland ist die Bezirksregierung Arnsberg zuständig. „Wir sind etwa für das Setzen von Bojen verantwortlich, für die Instandhaltung und den Betrieb der Bauwerke oder auch für das Ausstellen von Motorbootscheinen.“

Weitere Renaturierung der Ruhr und ihrer Nebenarme 

Großes Ziel des Landes und der Kommune ist es, die Ruhr und ihre Nebenarme in den kommenden Jahren zu renaturieren. „Wir haben zwar eine gute Wasserqualität, aber von den Strukturen her ist die Ruhr in einem keinen guten Zustand“, sagt Klingel. Gemessen wird das an Anzahl der Fische, Kleinstlebewesen und Pflanzen. Etwa 30 Fischarten sind in der Ruhr heimisch. „Die Artenvielfalt müssen wir verbessern.“ Grund dafür ist, dass die Ruhr an vielen Stellen nicht staufrei fließen kann. „Sie gilt als erheblich verändert durch Wehre und zahlreiche Staustufen.“

Gabriele Wegner, stellvertretende Leiterin des Amtes für Umweltschutz, hat die Umsetzung der Maßnahmen im Blick. In ihren Bereich fällt etwa die Renaturierung in den Saarner Ruhrauen, südlich der Mendener Brücke. Im Laufe des Jahres werden auf 1,2 Kilometern von Essen aus bis nach Mülheim auf der rechten Ruhrseite Schottersteine entfernt, das Ufer abgeflacht. „Damit schaffen wir Raum und geben Arten wie dem Eisvogel Chancen, sich anzusiedeln“, erklärt Jürgen Klingel. Zudem soll der Leinpfad geöffnet, die Böschung gelichtet werden. „Beide Maßnahmen unterstützt das Land mit 2,5 Mio. Euro.“

Die Ruhr auf gutem Weg noch artenreicher zu werden

Grund für die Maßnahmen ist die europäische Wasserrahmenrichtlinie. Diese gibt vor, Flüsse und Seen bis 2027 in einen „guten Zustand“ zu versetzen. Ob alle Maßnahmen bis dahin umgesetzt werden können? „Das wird schwierig“, glaubt Gabriele Wegner. Schließlich verschieben sich oft Baumaßnahmen wegen Brutzeiten oder Hochwasser. Bislang sei aber schon viel passiert und die Ruhr auf einem guten Weg noch artenreicher zu werden. Von der Forelle über den Eisvogel bis zur Kreuzkröte: „Je mehr Vielfalt wir erreichen, desto besser.“

Für den Schutz der Ruhrufer könne übrigens jeder Einzelne seinen Beitrag leisten, betont Gabriele Wegner: „Etwa indem man seinen Müll richtig entsorgt und nicht in die Schutzgebiete kippt.“ Hundebesitzer sollten zudem darauf achten, die Tiere anzuleinen, damit diese nicht wildern. Nur so lasse sich das grüne Biotop mitten in der Metropolregion gemeinsam erhalten.

Wir widmen der Ruhr unsere Jahresserie 2018 

Was wäre Mülheim ohne die Ruhr? Sicherlich nur halb so schön und halb so viel wert. Der Fluss ist identitätsstiftend, die Ruhr schlängelt sich als Lebensader mitten hindurch und macht den grauen Stadtalltag ein ganzes Stück grüner. Sie ist nicht nur Ort für Naherholung und Sport, sondern auch Werbeträger der Stadt, ihrer Unternehmen und Menschen. Daher widmen wir der Ruhr in 2018 eine Jahresserie, die den Fluss, seine Flora, Fauna und die Menschen, die ihn nutzen, aus vielen verschiedenen Perspektiven beleuchten soll.

Ganz persönliche Erinnerungen an die Ruhr

Wie wird unser Trinkwasser gewonnen? Wie wohnt es sich am teuersten Ort der Stadt? Wir spazieren mit Naturexperten durch die Schutzgebiete, werfen einen Blick auf aktuelle Bauprojekte und stellen die Ruhrufer als Lernort für Kinder vor. Natürlich geht es auch um die Entwicklung des Gewässers, das Baden und um ganz persönliche Erinnerungen an die Ruhr. Es gibt viel zu entdecken – also: auf zu ihren Ufern!

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