Stadtgeschichte

Als man noch Schiffe baute

Foto: NRZ

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Am 2. August 1954 feierte Mülheim sein gleichnamiges Flaggschiff der Weißen Flotte

Haben Sie am Wochenende schon etwas vor? Wenn nicht. Wie wäre es dann mit einem Ausflug an Bord der Weißen Flotte? Rund 85 000 Fahrgäste genießen derzeit jährlich eine Bootstour de Ruhr mit Blick ins Grüne.

Vor 55 Jahren, als die alte Mülheim an der Ruhr am 2. August 1954 vom Wasserbahnhof aus zur Jungfernfahrt aufbrach, waren es pro Saison noch knapp 490 000 Ausflügler, die sich eine Schiffstour durch das Ruhrtal gönnten. Es war das Wirtschaftswunder, das der Weißen Flotte wundervolle Fahrgastzahlen bescherte. Kein Wunder, dass der damalige Stadtkämmerer Friedrich Freye, der auch Stadtdirektor und Leiter der städtischen Verkehrsbetriebe war, bei der Jungfernfahrt seiner Hoffnung Ausdruck gab, dass die neue Mülheim, die 300 Fahrgästen Platz bot, möglichst bald zusätzliche Geschwister bekommen möge.

Heute staunt man ob solcher Flottenexpansion. Denn die Weiße Flotte hatte damals bereits sieben Schiffe. Heute fahren nur noch vier Motorschiffen unter ihrer Flagge. Betriebe-Mitarbeiter Aldis Müller hat gestern für die NRZ im Firmenarchiv der Betriebe recherchiert und herausgefunden, dass sich die Stadt ihr damaliges Flagschiff Mülheim 200 000 Mark kosten ließ. „Heute müsste man für ein vergleichbares Schiff wahrscheinlich bis zu 750 000 Euro bezahlen”, schätzt der Geschäftsführer der städtischen Betriebe, Joachim Exner. Heute denkt man bei den Betrieben nicht mehr über Expansion, sondern nur noch über Bestandssicherung nach. Allein die Wartung der vier Flottenschiffe schlägt derzeit jährlich mit rund 80 000 Euro zu Buche. Zur Erinnerung: Das wären rund 160 000 Mark. Davon hätte man 1954 also schon fast ein ganzes Motorschiff neu bauen lassen können.

Apropos Bauen. Gebaut wurde die alte Mülheim, die später auch unter dem Namen Oberhausen über die Ruhr schippern sollte auf der Schiffswerft Clausen in Oberwinter. Das Ergebnis überzeugte, wie man in der NRZ anno 1954 nachlesen kann: „Wir Mülheimer können uns beglückwünschen,” heißt es da: „Man fährt in diesem Schiff so geräuschlos und erschütterungsfrei, wie in einem Segelboot.”

Auch bei Werftbesitzer Ferdinand Clausen, der für die Jungfernfahrt extra aus Oberwinter nach Mülheim angereist war, war der Stolz des Schiffsbauers herauszuhören, wenn er feststellte: „Es wurden höchste Anforderungen an uns gestellt. Wir haben gezeigt, was zu leisten, wir imstande sind. An Fleiß hat es uns nicht gefehlt. Noch während der Bauzeit (von April bis Juli 1954) haben wir laufend Neuerungen erdacht und eingebaut.” Ganz nebenbei revidierte der Mann vom Rhein sein Weltbild, wenn er angesichts der Jungfernfahrt durch das Ruhrtal einräumte: „An der Ruhr gibt es nicht nur rußige Fabriken, sondern auch prächtige Landschaften.”

Friedrich Freyes Wunsch nach einem weiteren Geschwisterschiff für die neue Mülheim (die alte Mülheim wurde nach Bottrop verkauft) sollte sich schon im Frühsommer 1955 erfüllen. Das neue Schiff wurde sogar auf seinen Namen getauft. Doch dessen Jungfernfahrt erlebte Freye nicht mehr. Er starb 66-jährig, kurz nach seiner Pensionierung im Januar 1955 an den Folgen eines Herzinfarktes. Erfüllen sollte sich auch der Wunsch des damaligen Oberbürgermeisters Heinrich Thöne, „dass diese wertvolle Arbeit ein Werk des Friedens bleiben wird.” Thöne hatte dabei den Zweiten Weltkrieg vor Augen, als Schiffe der Weißen Flotte von der Kriegsmarine zweckentfremdet worden waren.

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