Stadtgeschichte

Als Mülheim-Speldorf noch ein Vergnügungsviertel war

Der Jägerhof in Mülheim gehörte zu den größten Vergnügungs-Gaststätten Westdeutschlands.

Der Jägerhof in Mülheim gehörte zu den größten Vergnügungs-Gaststätten Westdeutschlands.

Foto: Martin Möller / FUNKE Foto Services

Mülheim.  Eine Ausstellung bringt Besucher 110 Jahre zurück, als an Mülheims Raffelberg die Post abging. Kurgäste besuchten auch „sündige Etablissements“.

Auf alten Zeitungsanzeigen ist „Etablissement“ zu lesen. Diese gab es wohl damals zwischen Wolfsburg und Raffelberg. Kurgäste, die ab 1909 im Solbad Linderung suchten, brauchten nach den Atmungs- und Badegängen Erbauung. „Rund um die Monning sind zahlreiche Gasthäuser und Hotels entstanden, die Bespaßung aller Art boten.“ Das hat Bernd Simmerock herausgefunden. Mit seinen Kollgen präsentiert er eine Ausstellung über das „Mülheimer Vergnügungsviertel“ in Speldorf. Zu sehen sind etwa 100 Postkarten sowie Anzeigen, Programme, Zeitungsartikel und Bücher, die anschaulich eine Epoche örtlicher Geschichte wiederbeleben. Zu sehen sind die Stücke im kleinen Laden „Kunst und Geschichte“ an der Oberstraße 27.

Hatte Mülheim früher eine „sündige Meile?“ Der Hobbystadtforscher Simmerock geht davon fest aus. „Früher kamen die Leute in Scharen an den Raffelberg. Beiderseits der Duisburger Straße reihten sich die Vergnügungstempel zwischen Stadtgrenze und Raffelberg aneinander. Nur wenige davon haben bis heute überlebt.“

Die Wolfsburg war Kur- und Waldhotel

Bereits vor 1900 sind die ersten Gasthäuser am Rande des Mülheim-Duisburger Waldes bekannt. „Damals brachte die Dampfstraßenbahn zahlreiche Ausflügler aus beiden Städten nach Speldorf. Bald waren es nicht nur Wochenendausflügler, die am Raffelberg Sommerfrische und Unterhaltung suchten. Daher ergänzten Wirte der bestens laufenden Lokale und Säle ihre Häuser mit mietbaren Fremdenzimmern.

Die Wolfsburg, einst auf dem Hügel weit sichtbar und als Gegenstück zum Aussichtsturm auf dem Kaiserberg gedacht, wurde 1906 erbaut. „Das genaue Eröffnungsdatum ist noch unbekannt“, sagt Simmerock. „Es gibt keinen Hinweis in den Zeitungen dazu.“ Ihr Erbauer Böllert wollte es als Privathaus nutzen. Aber es diente ab 1907 als Kur- und Waldhotel des Solebades Raffelberg.

6000 Gäste kamen zur Solbaderöffnung

Die Wolfsburg war jahrzehntelang ein beliebtes Ausflugslokal im Speldorfer Wald. Im Ersten Weltkrieg diente sie als Heilstätte für verwundete Soldaten. „Im Zweiten Weltkrieg bezog dort ab Mai 1942 bis April 1945 die Verwaltung der 4. Flak-Division ihr Quartier. Danach wohnten dort britische Offiziere. 1958 kaufte das neue Bistum Essen die Burg und baute sie zur bundesweit bekannten Katholischen Akademie aus.

Auf den 15. Mai 1909 ist die Eröffnung des Kurhauses Raffelberg datiert. „Anhand der Einnahmen wurde errechnet, dass 6000 Gäste sich zum Fest im großen Park getroffen haben“, hat Bernd Simmerock in den Quellen gefunden. Das Kindersolbad folgte am 1. Juli 1909. Die salzhaltige Sole kam immer von der Zeche Concordia im nahen Oberhausen-Alstaden.

Vergnügungsetablissement mit Hippodrom und Likörstube

Das Gasthaus Monning sowie der Raffelberger Hof (eröffnet 1909) zeugen noch heute vom ehemaligen Vergnügungsviertel. Verschwunden sind der Jägerhof („größtes Vergnügungs-Etablissement Westdeutschlands“, mit Hippodrom, Rodelbahn, Kunstglasbläserei, Likörstube und Weißbierpavillon), der Ruhradler, das Vier Jahreszeiten und das Westfälische Bauernhaus, später Märchenland.

Später hießen die Lokale „Tanzpalast Okay“, „Okay-Dancing“, „Der Gelbe Elefant“ oder „Vergnügungszentrum Monning“. Der Glanz der Speldorfer Feiermeile ist verblasst. Auf der „sündigen Meile“ stehen heute Wohnwagen – etwas weiter blickgeschützt vom Wald.

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