Soziales

Missbrauch: Pro Schulklasse ein bis zwei Kinder betroffen

Das Forum, hier mit Center-Manager Daniel Wahle (l.), unterstützt Barbara Kusch von der Awo. Heiner Jansen (r.) will als Ehrenamtlicher Unternehmen von der Bedeutung des Projektes überzeugen.

Das Forum, hier mit Center-Manager Daniel Wahle (l.), unterstützt Barbara Kusch von der Awo. Heiner Jansen (r.) will als Ehrenamtlicher Unternehmen von der Bedeutung des Projektes überzeugen.

Foto: ah

Mülheim.   Die Leiterin der Awo-Beratung spricht von einem "unfassbar flächendeckendem Problem". In jeder Schulklasse seien ein bis zwei Kinder betroffen.

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Mit einer intensiven Aufklärungskampagne an Mülheimer Grundschulen, in Kindertageseinrichtungen und an weiterführenden Schulen will die Awo den sexuellen Kindesmissbrauch in Mülheim bekämpfen, zumindest aber eindämmen. „Wir haben es hier mit einem unfassbar flächendeckenden Problem zu tun“, sagt Barbara Kusch, Leiterin der Awo-Beratungsstelle für Schwangerschaftskonflikte, Partnerschaft und Sexualität. In jeder Grundschulklasse seien ein bis zwei Kinder von sexueller Gewalt betroffen.

Seit vielen Jahren kümmern sich Mitarbeiter der Awo-Spezialeinrichtung um dieses Problem, seit 25 Jahren bieten sie Projekte zum Schutz und zur Prävention vor sexueller Gewalt an. 15 Jahre lang betrieben sie das „Elefon-Hilfsprojekt“, bei dem sich betroffene Kinder und Eltern kostenlos und anonym Beistand holen konnten. Das Telefon gibt es in der Form nicht mehr, den Missbrauch schon.

Eine Million Kinder bis zum 13. Lebensjahr betroffen

Bundesweit, so die Schätzungen sind etwa eine Million Kinder bis zum 13. Lebensjahr betroffen. In einer Stadt wie Köln sind es etwa 13 000. Zwei Drittel der Opfer sind Mädchen. „Zwei Drittel der Übergriffe erfolgen in der Familie, durch Väter, Mütter, Großeltern, Geschwister, Onkel“, berichtet Barbara Kusch. Insgesamt 80 Prozent der Taten erfolgten im sozialen Nahbereich. Eltern selbst seien fassungslos, wenn sie von dem Missbrauch erführen, der sich in der eigenen Familie ereignet habe. „Es ist in der Regel nicht der Unbekannte, der im Einkaufszentrum an der Rolltreppe steht und das Kind anspricht.“

In Workshops in Schulen sollen die Kinder erfahren, dass sie mit dem Problem nicht alleine sind, dass es Hilfen gibt, dass es nicht normal und erlaubt ist, wenn jemand ihnen zwischen die Beine greift, dass sie nicht schweigen müssen, wenn sie das erleben, dass sie ein Recht haben, Nein zu sagen und das auch sollten, egal, wer vor ihnen steht. Sie sollen auch lernen, dass sexuelle Gewalt ihnen jederzeit widerfahren kann, die meisten Erwachsenen aber nicht missbrauchen.

Lehrer und Erzieher suchen Unterstützung

Lehrer und Erzieher „stünden Schlange“ bei der Beratungsstelle, um Unterstützung zu bekommen. „Lehrer berichten uns, wie schockiert sie sind, wenn sie von sexuellen Übergriffen hören und zugleich erfahren, dass manche Kinder dies sehr lange schweigend ertragen haben.“

Lehrerfortbildung gehört zu der Beratung, die unter dem Titel „Die Neue Generation „Ele-Phone“ läuft. Dabei geht es nun auch um die Risiken für Kinder in den sozialen Netzwerken. „Auch darauf muss Prävention eingehen“, betont Barbara Kusch, die unter anderem als Diplom Heilpädagogin ausgebildet ist. In den sozialen Netzwerken suchten sich die Täter gezielt Kinder aus, die allein im Netz unterwegs seien, erschlichen sich ihr Vertrauen und bereiteten dort ihre sexuellen Übergriffe vor. Die Klassen-Workshops gehen darauf ein.

In die Lage versetzen, Nein zu sagen

Die Workshops kosten Geld, rund 160 Euro. Schulen, die sich daran beteiligt haben, hätten dies aus ihrem oftmals kleinen Schuletat bezahlt. Ein Workshop ist gut, zwei seien besser. Die Finanzierung soll künftig über Spenden erfolgen. Rund 20 000 Euro im Jahr werden benötigt. Das Forum gehört zu den ersten Einrichtungen, die das Projekt unterstützen. Center-Manager Daniel Wahle überreichte der Awo-Beratungsstelle 1000 Euro.

Einer der sich an die Spitze der Förderer gestellt hat, ist der Unternehmer Heiner Jansen (80), der lange Zeit als Präsident an der Spitze des Hauptausschusses Groß Mülheimer-Karneval gestanden hat. Von dem Posten hat er sich zurückgezogen, aber gleichzeitig hatte er angekündigt: „Ich engagiere mich jetzt an anderer Stelle in der Stadt; es gibt genug Menschen, die Unterstützung gebrauchen können“

Heiner Jansen setzt sich nun für den Kinderschutz ein

Das macht er nun, nachdem er selbst von Missbrauch an Kindern erfahren musste und schockiert war. Jansen ist in der Stadt bekannt, er hat in seiner Karnevalszeit viele Kontakte aufgebaut, Netzwerke geknüpft bis in die Spitzen von Unternehmen. Viele aus den Spitzenpositionen in Wirtschaft, Verwaltung und Politik konnte er bewegen, sich für das Kulturgut Karneval zu engagieren. Jetzt will er dafür werben, sich für den Kinderschutz einzusetzen, zu helfen, dass Kinder in die Lage versetzt werden, sich zu wehren – und wenn es mit einem einfachen, deutlichen Nein ist.

>>> BETROFFENE KÖNNEN SICH AN DIE AWO WENDEN

Als Kind gilt man bis zur Vollendung des 13. Lebensjahres.

Kinder in Not, betroffene Eltern, Erzieher und Lehrer können sich auch direkt an die Awo-Beratungsstelle wenden. Sitz der Einrichtung ist an der Heinrich-Melzer-Straße 17. Erreichbar sind Beraterinnen und Berater unter 45003-225 oder per Mail unter sch.konf@awo-mh.de

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