Firmen-Geburtstag

Blinde Frauen ertasten Tumore in der Brust

Eine Medizinisch-Taktile Untersucherin tastet die Brust einer Patientin sastematisch ab. Die Taststreifen dienen dabei als Raster.

Eine Medizinisch-Taktile Untersucherin tastet die Brust einer Patientin sastematisch ab. Die Taststreifen dienen dabei als Raster.

Foto: discovering hands

Duisburg.   Vor zehn Jahren ging „discovering hands“ mit der ersten ausgebildeten MTU an den Start. Die spezielle Tastuntersuchung der Brust wird bekannter.

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Aus einem „Geistesblitz unter der Dusche“ ist ein expandierendes Sozialunternehmen geworden. Als der Gynäkologe Dr. Frank Hoffmann aus Mülheim auf die Idee kam, blinde Frauen als Tastuntersucherinnen für die Brustkrebsvorsorge ausbilden zu lassen, hätte er nicht gedacht, dass das Projekt „discovering hands“ so wachsen würde. In den zehn Jahren, auf die er und seine Mitstreiter nun zurückblicken können, wurden 40 Medizinisch-Taktile Untersucherinnen (MTU) ausgebildet, die an über 50 Standorten in Deutschland gegen den Krebs kämpfen.

Wird ein Tumor in der Brust frühzeitig entdeckt, ist Heilung möglich. Deshalb sei es wichtig, auch schon kleinste Knötchen aufzuspüren, erklärte Hoffmann bei der Jubiläumsfeier von „discovering hands“ im Haus der Wirtschaft. Blinde Menschen mit ihrem ausgeprägten Tastsinn könnten das besonders gut. Sie fänden beim Ertasten mehr Auffälligkeiten als der Frauenarzt oder die Frauen selber – auch, weil sie einfach mehr Zeit für die Untersuchung hätten (etwa 30 bis 50 Minuten).

Neunmonatiges Trainingsprogramm

Die Erfolgsgeschichte der Firma „discovering hands“ wurde mit dem Thema Ausbildung eingeläutet: Dr. Martin Hoffmann entwickelte zusammen mit Katrin Zirke vom Berufsförderungswerk Düren und Projektentwickler Stefan Wilhelm das Curriculum für ein neunmonatiges Trainingsprogramm für blinde Frauen. 2008 begann die erste MTU zu arbeiten. Zur ersten Ausbildungsstätte in Düren sind weitere dazugekommen: in Mainz, Halle, Nürnberg.

Den Schritt in den Markt wagte man 2011 mit Hilfe der Organisation „German Ashoka“, die Sozialunternehmen unterstützt. Man gründete auch eine Tochtergesellschaft für das operative Geschäft und einen Berufsverband. „Die meisten MTUs haben einen Arbeitsvertrag mit uns, sie werden tageweise in Praxen vermittelt“, erläutert Arndt Helf, Geschäftsführer. Geld verdient die Firma aber nicht mit den MTUs, sondern mit dem Verkauf selbstentwickelter „Orientierungsstreifen“ für das systematische Betasten der Brust. Die Tastuntersuchung werde von 13 (und bald mehr) Krankenkassen bezahlt (Kosten: 46,50 €). „discovering hands“ ist nun auch international aktiv: in Österreich, Kolumbien, Indien. Einsteigen will man bald in Mexiko, Polen, Spanien.

Untersuchung um 15-17 Prozent erfolgreicher

Mit der Reinhard Frank-Stiftung fand man einen Unterstützer, der es ermöglichte, eine wissenschaftliche Studie in Auftrag zu geben – im Brustzentrum der Uniklinik Erlangen. 104 Patientinnen wurden, so Dr. Paul Gaß, zum einen von Arzt und MTU und auf der anderen Seite per Mammographie untersucht. Dabei stellte sich etwa heraus, dass eine Untersuchung um 15 bis 17 Prozent effektiver ist, wenn zusätzlich zum Arzt eine MTU tätig wird. Der Einsatz der Frauen könne die Sterblichkeit senken, die Untersuchung könne als Vorsorge-/ Screening-Methode dienen, so ein Fazit.

Neue Anwendungsfelder erschließt „discovering hands“ auch. Im Rahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements in großen Firmen (Rheinenergie, Bogestra, Deutsche Bank) hat man die Taktile Brustuntersuchung durchgeführt. Zudem bietet man Trainings zur Selbstuntersuchung der Brust an. „Eine MTU leitet eine Frau ganz individuell an“, so Arndt Helf. Diese Schulung werde bereits in vielen Fitnesscentern angeboten.

Die Tastuntersuchung durch blinde Frauen erhöht die Überlebenschancen für Brustkrebspatientinnen, davon ist Frank Hoffmann überzeugt. Sie entlaste auch die öffentlichen Kassen um Zehntausende Euro pro Frau. Und sie bringe blinde Frauen auf den ersten Arbeitsmarkt. Sein Wunsch ist daher: „Ich möchte irgendwann der 1000. MTU die Hand schütteln.“

MTUs fühlen Knoten von sechs bis acht Millimetern

- In Deutschland gibt es jährlich rund 71 000 Brustkrebserkrankungen und 18 000 Todesfälle durch Brustkrebs.

- Bei der Selbstuntersuchung können Frauen laut Dr. Hoffmann, Knoten mit einem Durchmesser von 2,5 Zentimetern ertasten, ein Arzt spüre ein bis zwei Zentimeter große Tumore auf.

- Eine geschulte MTU finde Knoten von sechs bis acht Millimetern. 94% der Frauen würden laut Studie eine Untersuchung durch die MTU erneut machen lassen, 98% empfehlen sie weiter.

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