Homeoffice

Corona: So arbeitet die WAZ-Redaktion Mülheim im Homeoffice

Redaktionsleiter Mirco Stodollick bekommt Unterstützung von seiner fünfjährigen Tochter.

Redaktionsleiter Mirco Stodollick bekommt Unterstützung von seiner fünfjährigen Tochter.

Foto: Mirco Stodollick

Mülheim.  Das Coronavirus hat das Leben aller Bürger extrem verändert. Auch die Mülheimer WAZ-Redaktion arbeitet jetzt ganz anders – und von zu Hause.

Eine Stadt im Ausnahmezustand, eine Redaktion im Ausnahmezustand. Die Coronavirus-Pandemie ist auch für unsere Lokalredaktion eine nie dagewesene Herausforderung. Wir haben nicht nur eine „Lage“, wie wir Journalisten das Unübersichtliche nennen. Was gerade noch Priorität in der Recherche hatte, droht minütlich von anderen Entwicklungen überholt zu werden. Die Corona-Krise ist für die Lokalredaktion eine „Dauer-Lage“. Ein Stresstest. Tag für Tag. Mindestens über Wochen, gar über mehrere Monate?

Der Verlag hatte früh erkannt, dass ein Notfallplan her musste, sollte sichergestellt sein, dass Sie, verehrte Leserinnen und Leser, weiter mit unseren Recherchen, Berichten, Einschätzungen rechnen können. Der Virus war schneller. War eigentlich für vergangenen Mittwoch noch ein Probelauf für eine dezentrale Mülheimer Nachrichten-Produktion im Homeoffice geplant, erreichte uns am späten Montag die Direktive der Chefredaktion: Ab morgen – und bis auf Weiteres – ab ins Homeoffice!

Corona-Auftrag: Bestmöglich mit Informationen versorgen

Na klar: Es hat gehakt – hier, da und dort. Die schnelle Online-Berichterstattung, immer wieder aktualisiert, die Pflege unseres Corona-Newsblogs, die tiefergehenden Recherchen rund um das Krisenmanagement und öffentliche Leben in Mülheim, dem der Virus in rasantem Tempo den Garaus gemacht hat... Auf einmal war da: nichts mehr von dem Mülheim, wie wir und Sie es kennen.

Wir arbeiten weiter vernetzt miteinander, aber eben räumlich getrennt voneinander. Nicht optimal. Aber wir leben weiter unser Ideal: Wir wollen Sie bestmöglich mit Informationen versorgen. Hier lesen Sie, wie Kollegen ihr Home Office erleben.

Mirco Stodollick: Sorgen um Omma, Mutta, Vatta, Nachbarin Conny - alle: Risikogruppe. Kita zu. Betreuungsproblem – nicht XXL, aber ein Problem. Unser Familienleben war Anfang vergangener Woche ohnehin herausgefordert. Dann auch noch dies: Sofort ins Homeoffice! Ein Sprung ins kalte Wasser. Ein Team ohne Blickkontakt, ohne schnellen Zuruf, verstreut in alle Richtungen. Chat hier, Chat da und dort.

Das Telefon schellt noch weit häufiger als sonst. Arbeiten in webbasierten, teils ungewohnten Programmen. Tab für Tab auf zwei Laptops verteilt, die nicht miteinander korrespondieren. Gerade am Text, bimmelt sich wieder eine WhatsApp in die Gedanken, fast zeitgleich ein Anruf. Ich greife beim Annehmen des Gesprächs zum Smoothie, schüttele ihn kräftig – und schicke sogleich einen Fluch hinterher: Es war gar kein Deckel mehr drauf. Das Grün-Klebrige verteilt über die ganze Breite des Zimmers, über die Tastaturen und Bildschirme der Laptops. Der Trost: Am Fenster zu meinem Gartenzimmer, das mir als Homeoffice dient, leuchten mir zwei kleine, blaue Augen entgegen. Meine Fünfjährige haucht mir eine Kusshand an die, durch die Fensterscheibe.

Weiter geht’s! Und es wird besser. Von Tag zu Tag. Neue Routinen, Krisen-Routinen entwickeln sich. Trotzdem sehne ich nichts mehr herbei als Tag X, wenn die Redaktion als Team wieder im Mülheimer Medienhaus zusammen sein wird. Weil ein Team ein Kabine braucht, in der es sich bespricht, auch im Streit um die Sache, und sich dabei tief in die Augen schaut.

Herausforderung: Neuen Alltag der Kinder strukturieren

Linda Heinrichkeit: Als es losging mit dem Homeoffice, hatte ich Urlaub und das war vermutlich ein Segen, geprägt aber auch von dem schlechten Gewissen, dass die Kollegen sich gerade abkämpfen mit einer völlig neuen Arbeitsweise vor dem Hintergrund sich ständig verändernder Nachrichtenlagen.

So konnte unsere Familie aber ganz in Ruhe eine Struktur in den ungewohnten neuen Alltag bekommen: Schulaufgaben für den Zweitklässler-Sohn, Spaß-Arbeitsblätter für die Vorschul-Tochter, Tanzen zu Youtube, Fahrradfahren, Nintendo… Ein Betreuungsproblem haben wir zum Glück nicht, weil mein Mann als Lehrer zu Hause ist. Und so hatte sich die Familie gut eingegroovt, als ich meinen ersten Tag im Homeoffice verbracht habe. Was eigentlich meinem Mann als Arbeitszimmer dient, ist nun mein Raum – klein, mit altem Holzschreibtisch und Blick ins Grüne.

Die Technik funktioniert, der Kaffee schmeckt, mittags gibt es Kuchen im Garten, nur ab und an kommt ein weinendes Kind, weil der Bruder oder die Schwester mal wieder geärgert hat. Eigentlich alles ganz gut, wären da nicht die Kollegen, die fehlen, der tägliche Plausch mit der weltbesten Sekretärin, die meist alleine in der Redaktion die Stellung hält. Aber bald haben wir das hoffentlich alles wieder – und können dann ab und an mit Gelassenheit ins Homeoffice wechseln.

Annette Lehmann: Wie schon das Selfie mit seinen Unschärfen verrät, ist Homeoffice bei mir ein Provisorium. Der Laptop steht wahlweise auf dem Küchentisch, mit Blick in den Garten (Betätigungsfeld für den nächsten freien Tag), oder im Wohnzimmer. Daneben ist meist noch ein zweites Notebook plus Diensthandy im Einsatz.

Technisch funktioniert das besser als befürchtet. Aber es ist eben auch so: Unseren Beruf kann man als Sitzmensch nicht so machen, wie es unser Anspruch ist und unsere Leser es verdienen. Daher hält im Wechsel einer oder eine von uns in der Lokalredaktion die Stellung, geht auch vor die Tür, um mit den Mülheimern persönlich über ihre Sorgen zu sprechen – natürlich treten wir niemandem zu nahe.

Das Thema Arbeitskleidung spielt bei der Homeoffice-Debatte häufig eine Rolle, da will ich meine persönliche Ansicht nicht verschweigen. Mir verleiht es Sicherheit, feste Schuhe zu tragen, wenn ich dienstlich telefoniere. Ich will es niemandem zumuten, auf Socken interviewt zu werde.

Bettina Kutzner: Eine Freundin fragte mich, ob ich eigentlich im Homeoffice in der Jogginghose arbeite - säh’ doch eh’ keiner. Natürlich nicht, so viel Haltung muss schon sein. Das einzige Zugeständnis: Ich gehe in Schlappen zum Arbeitsplatz.

Der ist ein paar Stufen höher unter dem Dach. Ein Raum, der als zweites Wohnzimmer, Gästezimmer, Fernsehzimmer, Sportraum dient. Und da steht auch noch ein Schreibtisch, so dass ich nicht am Küchentisch arbeiten muss, wie einige meiner Kollegen. Homeoffice mag in manchen Ohren nach Gemütlichkeit klingen, ist aber, besonders in den Tagen der Eingewöhnung, schon viel mehr Aufwand.

Nichts geht jetzt mehr auf Zuruf mit den Kollegen, alles muss telefonisch oder schriftlich geregelt werden. Eins der beiden Handys meldet sich immer, dauernd blinken Nachrichten aus dem Redaktions-Chat auf dem Monitor. Dazwischen entstehen die Texte für die gedruckte Zeitung und online.

Doch die Technik läuft, die Recherchen auch – sind doch viele der Gesprächspartner jetzt in genau derselben Situation. Da fällt nun auch mancher persönliche Satz. Denn allen fehlt sie wohl, die kleine Info-Pause an der Kaffeemaschine im Büro mit den Kollegen und der kreative Austausch. Ab und zu bekomme ich einen Kaffee hochgebracht, und wenn ich vom Monitor aufblicke, kann ich weit über den Stadtteil schauen.

Draußen ist es still. Wenige Autos, keine spielenden Kinder. So ruhig ist es beim Arbeiten sonst nur im Sonntagsdienst. Vor allem, weil mein Mann die Proben mit seinem Saxophon netterweise auf den Abend verlegt hat.

Kristina Mader: Ein Bericht aus dem Homeoffice? Mit Foto?! Dann muss ich mir ja eine richtige Hose anziehen... Na gut. Also: raus aus dem Jogger, rein in die Jeans. Zugegeben, so viel Etikette bin ich nach anderthalb Wochen Heimarbeit nicht mehr gewohnt. Zu groß ist die Versuchung, sich – unbeobachtet von den Kollegen – gleich nach dem Frühstück ungeschminkt und in Schlabberhose an den Schreibtisch zu fläzen. Soll ja auch Vorteile haben, das Homeoffice. Immerhin kann man nebenbei Pakete annehmen, die Waschmaschine anschmeißen oder gemeinsam mit der Familie zu Mittag essen, anstatt sich wie sonst im Büro ein Brötchen am Schreibtisch reinzuziehen.

Die Heimarbeit hat aber auch Nachteile. Zwar bin ich zuhause unbeobachtet von Kollegen, dafür registriert mein knapp anderthalbjähriger Sohn ganz genau, wann ich mich ins Arbeitszimmer verziehe und kommentiert das anschließende Türschließen mit lautstarkem Protest.

„Mamamamaaaa“, jammert er regelmäßig während ich telefoniere – obwohl Papa alles gibt, um ihn abzulenken. Nur gut, dass es bei vielen meiner Gesprächspartner derzeit ähnlich im Hintergrund quengelt und krakeelt. Und vielleicht sitzen auch sie gerade im Jogger am anderen Ende der Leitung…

Andrea Bay: Einsam und verlassen habe ich die ersten Tage seit Corona in der Redaktion die Stellung gehalten. Ich auf der einen, meine Kollegin auf der anderen Etage. Ruhig ist es zur Zeit in einer Redaktion. Da, wo sonst das Leben tobt, Konferenzen stattfinden, das Telefon pausenlos klingelt, Termine zu koordinieren sind, die Kolleginnen und Kollegen an einem vorbei zur Kaffeemaschine laufen um dann ein paar Worte zu wechseln. Alles im Ruhemodus.

Die Kommunikation findet nur noch per WhatsApp, E-Mail oder Telefonkonferenz statt. Aber auch ich werde die Erfahrung machen, wie es ist von zu Hause aus zu arbeiten. Da, wo sonst Auflauf und Co stehen, ist alles fürs Homeoffice eingerichtet. Auf dem Tisch im Esszimmer steht der Laptop, Telefon, Block und Kuli liegen bereit. Leserwünsche lassen sich hoffentlich auch vom Esszimmertisch aus erfüllen, hoffentlich! Ich bin gespannt wie es ist, zu Hause zu arbeiten.

Andrea Müller: Still ist es um mich herum – fast den ganzen Tag. Keine Kollegen, die sich gegenseitig Informationen zurufen oder lauthals telefonieren, kein Lärm von der Eppinghofer Straße, an der unsere Redaktion liegt. Ich sitze an meinem Schreibtisch und schaue auf Nachbars Garage. Der Blick von meinem Bürofenster auf die Kurt-Schumacher-Platte ist interessanter. Dafür höre ich hier die Hühner von nebenan gackern.

Homeoffice – eine neue Situation, an die man sich ein bisschen gewöhnen muss. Das Arbeiten klappt eigentlich ganz gut. Festnetztelefon und zwei Handys liegen auf meinem Tisch, mit denen ich mit den Kollegen telefonieren oder chatten kann und Absprachen treffe. Auch den ein oder anderen Hilferuf setze ich ab – technischer Art. Bei den Telefonkonferenzen reden manchmal alle auf einmal los, aber irgendwie klappt es doch. Nur mein Rechner schleicht vor sich hin – ist eben ein altes Schätzchen, das eigentlich schon in den Ruhestand gehen sollte.

Eine Kollegin habe ich hier zu Hause doch: meine Tochter, die eine Etage höher fürs Abi lernt – und dafür sorgt, dass ich mittags ein warmes Essen kriege. Lasagne zum Beispiel oder Spinatstäbchen. Das ist allemal besser als die Brötchen oder Brezeln, die ich sonst in der Pause beim Bäcker kaufe. Allerdings muss ich mich daheim auch manchmal zügeln. Die Versuchung ist groß, in die Küche zu gehen und nach Süßem zu fahnden.

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