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Den Menschen eine Bühne

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Flüchtlinge - schon die Bezeichnung signalisiert ein Problem. Dabei ginge es ganz einfach: Menschen. Sie stammen aus anderen Ländern, aus anderen Kulturen, sprechen andere Sprachen. Aber die 140 Menschen, die demnächst nach Styrum kommen, sind eben das: Menschen. Daraus folgt ein Anspruch, wie die Gesellschaft diesen Personen begegnen sollte: Sie trifft hier nicht auf potenzielle Sozialfälle und auch nicht nur auf bloße Opfer, sondern auf ganz viele Individuen, die die Gesellschaft bereichern. Das klingt für manche vielleicht pathetisch, vielleicht zu sehr nach Sonntagsrede, in Wirklichkeit ist diese Perspektive aber vor allem eins: menschlich. Und diese Erkenntnis ist alles andere als abstrakt. Zumindest wird das klar, wenn man Roberto Ciulli und Adem Köstereli zuhört.

Da ist Ciulli, der Gründer des Theater an der Ruhr, der gebürtige Italiener, der selbst vor fünf Jahrzehnten nach Deutschland eingewandert ist und der von Anfang an die internationale Arbeit in den Mittelpunkt seines Theater-Konzeptes gestellt hat. Und da ist Adem Köstereli, 27 Jahre alt, studierter Ökonom, in Styrum aufgewachsen, mit türkischen Wurzeln und seit elf Jahren dem Haus verbunden. Damals trat er in das Junge Theater ein, weil er dort ein Mädchen beeindrucken wollte. Das Mädchen ist längst vergessen, stattdessen hat sich eine Liebesbeziehung zum Theater entwickelt. „Das ist mein zweites Zuhause“, sagt Köstereli. Durch das Theaterspielen hat er eine ganz bestimmte Haltung zum Leben. Und die ist auch der Grund dafür, dass er nun in seiner Freizeit nicht Fußball spielt - seine zweite große Leidenschaft - , sondern eine Theatergruppe mit Menschen aus Afghanistan, Usbekistan, Serbien, Marokko und Syrien leitet. Sie alle verbindet, dass sie nach Deutschland geflüchtet sind. Die „Ruhrorter“ nennen sie sich und vor kurzem feierten sie mit ihrem Projekt „Zwei Himmel“ Premiere an der Ruhrorter Str. 110, einer alten Halle im Industriehafen, wo früher tatsächlich einmal Flüchtlinge untergebracht worden waren. Das Projekt wird vom Land gefördert, viel Unterstützung gibt es auch von der Stadt. Und längst steht fest: Es wird weitergehen.

Wenn man aber nun Ciulli und Köstereli eine Weile zuhört, wie sie über ihre Erfahrungen berichten, dann wird klar, dass dieses Theaterprojekt nicht irgendeine Sozialmaßnahme ist, von denen es viele geben mag, und von denen ganz viele vielleicht gut gemeint, aber nicht wirklich gut sind. Die Perspektive, die hier beim gemeinsamen Spiel eingenommen wird, ist existenzieller. Denn sie geht vom Menschen aus, jedem Einzelnen. Und der Mensch, so sind die zwei überzeugt, ist das Wesen, das verstanden werden will. Und das zweite: Der Mensch ist das Wesen, das Theater spielen kann.

„Theater ist dafür da, damit die Menschen ihre Ängste verlieren“, sagt Roberto Ciulli. Es war schon zu spüren, dass die Nachricht von den Flüchtlingen, die in die Stadt kommen, Ängste auslösen. „Aber den Menschen, die diese Ängste schüren, dürfen wir nicht den Raum überlassen.“ Abgesehen davon: „Welche Ängste haben erst die Menschen , die hierher kommen.“ Ciulli kann sich daran erinnern, welches unangenehme Gefühl er selbst früher hatte, wenn er die Grenze zu Deutschland überschreiten und seinen Pass vorzeigen musste. Und das freilich unter weitaus harmloseren Umständen. Wie aber können diese Ängste gebändigt werden. „Durch das Spiel“, davon ist Ciulli überzeugt. Oder noch konkreter: „Durch Vertrauen und Freiheit. Das Theater eröffnet dem einzelnen Schauspieler einen Freiheitsraum.“ In diesem Raum bekommt er die Möglichkeit, sich frei auszudrücken. Und das, was er dort zeigt, was von ihm zu sehen und gehört wird - das ist das, was die Zuschauer von ihm verstehen können. Er drückt es ästhetisch aus. Seine Darstellung ist Teil eines Kunstwerkes, eben einer Theaterinszenierung.

Aber genau dadurch bekommen die einzelnen Schauspieler, die Möglichkeit ihre Stärke in den Vordergrund zu stellen. Sie können ihrer Individualität Ausdruck verleihen. In dem Projekt wird bewusst ein dokumentarischer Ansatz abgelehnt, wo also nur die jeweilige Fluchtgeschichte nacherzählt würde. „Das wäre eine Reduzierung“, urteilt Köstereli. „Das sind doch auch genau die Geschichten, die sie auf dem Amt erzählen müssen. Bei uns muss niemand etwas erzählen.“ Es herrscht eben die Freiheit des Spiels. „Ich habe schon viele solcher dokumentarischen Stücke gesehen. Aber die Menschen und ihre Schicksale werden politisch instrumentalisiert.“ Vielleicht sogar für eine politische Auffassung, die gut gemeint sei, aber eben doch den Einzelnen und sein Schicksal nicht ernst nehme. Am Ende stünde dann ein falsches Mitleid. „In Wirklichkeit fehlt aber die eigentliche Sensibilität.“

Woher soll aber diese Sensibilität herkommen: „Durch das genaue Hinsehen, das genau Zuhören. Man muss den Mut zur Geduld haben.“ Roberto Ciulli erklärt diese Erfahrung an einem Beispiel, das ihn in seiner Jugend geprägt hat: „Ich habe damals sehr viele Filme im Kino gesehen. In Italien gibt es anders als in Deutschland keine Synchronisation. Die Filme waren also in einer fremden Sprache. Aber trotzdem kann man die Handlung verstehen. Eben wenn man genau hinsieht und hinhört. In diesem Sinne verstehe ich auch Theater als eine universelle Sprache.“

Keine Frage, diese Geduld aufzubringen, den anderen in dieser Weise verstehen zu wollen, kostet Anstrengung. Aber am Ende steht eine großartige Erfahrung: Die Empfindung, dass der andere Mensch ein Geschenk ist. Allerdings muss man auch selbst etwas schenken. „Der Zuschauer, der sich die Theateraufführung anschaut, schenkt zwei Stunden seiner Lebenszeit.“ Und mit dieser Lebenszeit gilt es aufmerksam umzugehen.

Und hier wird vielleicht der Unterschied zu anderen Projekten am deutlichsten: So wie vom Zuschauer erwartet wird, dass er sich auf das Geschenk einlässt, das ihm die Schauspieler bei der Aufführung präsentieren. So ist ebenso selbstverständlich, dass die Schauspieler verantwortlich mit der Zeit umgehen, die ihnen das Publikum schenkt.

Wir haben einen künstlerischen Anspruch. Wir verfolgen einen ästhetischen Ansatz.“ Am Ende soll eine Aufführung stehen, die einen künstlerischen Eigenwert hat, ganz unabhängig vom sozialen Hintergrund der Schauspieler. Gerade so entsteht ein wichtiger Effekt: „Theater führt zur Verstärkung des Selbstbewusstseins“, sagt Ciulli. Dieses Selbstbewusstsein lässt sich nicht von Sozialarbeitern herbeizaubern, sondern es wird hart in Proben erarbeitet und auf der Bühne erspielt. Mit großen Wirkungen: „Wir merken es durch Rückmeldungen von den Ämtern. Die Menschen bekommen ein Gesicht. Sie sind nicht mehr nur irgendwelche Aktenvorgänge. Bei einem Mädchen aus Ägypten, das depressiv war, weil es lange in einem engen Raum eingesperrt war, konnten große Veränderungen festgestellt werden“, berichtet Köstereli. Das ist, was Roberto Ciulli meint, wenn er das Theater den Raum der Freiheit nennt. Und natürlich ist die Tür zu diesem Raum offen: „Ab jetzt haben alle Asylbewerber freien Eintritt bei uns. Und auch die Spenden, die bei den Weißen Nächten zusammenkommen, werden für die Flüchtlingsarbeit verwendet werden.“

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