Impulse-Festival

Die Gewaltspirale dreht sich unaufhörlich

In lauen Sommernächten wird an der Drehscheibe nach den Aufführungen munter diskutiert.

In lauen Sommernächten wird an der Drehscheibe nach den Aufführungen munter diskutiert.

Foto: Robin Junicke

In „The Automated Sniper“ wird es unbehaglich. Es geht um Drohenkrieg und die Manipulierbarkeit des Menschen

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In dem beklemmendsten Moment des Stücks erscheint der Laserpunkt im Gesicht des Schauspielers. Wenig später feuert der Schütze, der in einer Kabine an Bildschirm und Joystick sitzt, die Farbpatrone ab, die auf der gläsernen Gesichtsmaske des Darstellers zerplatzt und einen großen grünen Farbflatschen hinterlässt. Während der Getroffene zusammensackt, ist auf einer Projektion zu sehen, wie sich der Schütze über den Volltreffer freut. Es ist einer von drei Freiwilligen, die bei „The Automated Sniper“ von Julian Hetzel spontan mitmachen. Alles nur ein harmloses Spiel? Keinesfalls.

Es geht um die Manipulierbarkeit von Menschen, Gehorsam und die Veränderung von Krieg. Hetzel möchte auch zeigen, welche Rolle die Sprache spielt, wie sich das Vokabular verschiebt. Menschen werden Verdinglicht und mit Spott überzogen. Später wird die Situation noch weiter eskaliert. Dann wird live ein Spieler aus dem Irak dazu geschaltet. Begonnen habe er mit Ballerspielen vor gut zehn Jahren. Weil der reale Krieg ihm zu gefährlich erschien, wollte er das Haus nicht mehr verlassen. Er schießt mit Hilfe eines Nachtsichtgerätes, die Befehle werden rüder. Für die Menschen gibt es kein Entrinnen. Durch Drohnen, über die demnächst auch die Bundeswehr (aber noch unbewaffnet) verfügt, bekommt das noch einmal eine andere Qualität. Völlig losgelöst von einer Kampfsituation können die Drohnen in der Wüste von Nevada bedient werden.

Am Anfang des Stücks sieht man Bas van Rijnsoever und Claudio Ritfeld als Künstler zu den zarten Klavier-Klängen von Claude Debussy’s „Clair de Lune“ im friedlichen Wettbewerb. Wer kann aus Alltagsgegenständen eine wacklige, aber so eben ausbalancierte Installation konstruieren? Das Unbehagen steigt, auch über die eigene Rolle als Zuschauer in dieser sich unaufhaltsam drehenden Eskalationsspirale. Am liebsten griffe man ein, tut es aber dann doch nicht. Auch die Künstler agieren zunehmend schroff, benutzen sich gegenseitig für ihre ad-hoc Kunst. In diesem Zusammenhang reicht es schon, dem Partner eine Decke über den Kopf zu werfen, ihm ein harmloses Sprungseil in die Hand zu drücken und ihn auf einen Eimer zu stellen, um im Kopf die Bilder der Folterszenen aus dem amerikanischen Gefangenenlager von Abu Ghraib im Irak wachzurufen. Kapuzenmann heißt das Werk dann auch noch. Man geht mit einem spürbaren Kloß im Hals und der Abend wirkt nach.

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