Eine Thunfischdose macht Musik

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Sägen, Schleifpapier, Thunfischkonserven: im Werkraum der Max-Kölges-Schule wirbeln die Späne, es riecht nach Klebstoff. Seit mehreren Wochen werken hier sechs fleißige Jungs: Hälse werden an Dosen befestigt, Seiten aufgezogen, Verstärker angeschlossen. Geklimper ertönt zwischen dem Kratzen der Sägen und Feilen. Baut man eine Ukulele aus Thunfischdosen, erhält man ein Instrument, das Tunalele genannt wird.

Dieses außergewöhnliche Instrument können die Schüler im Rahmen eines „Nachhaltigkeit-Projekts“ selber herstellen. Kursleiter des Wahlpflichtkurses ist der Mülheimer Tischlermeister und Gitarrenbauer Dirk Jungbluth. Seit Jahren engagiert er sich ehrenamtlich an der Schule, vor zwei Jahren hat er bereits in einem Workshop Ukulelen gebaut. Dieses Mal geht er es anders an: mit nachhaltigem Arbeiten und Recyceln. Den Klangkörper der Tunalele bilden leere Konserven von nachhaltig gefangenem Thunfisch, der Hals ist aus recycelten Fensterrahmen.

Die Hälse der Tunalelen sind schon fast fertig. „Die Schüler sollten sie selber anpassen“, meint Jungbluth, da sei Kreativität gefragt. Robin-Steven Ndombe aus der Klasse 9b feilt ein „R“ aus einem Perlmuttstück: „Das Perlmutt stinkt.“ Die Initiale wird nachher in den Hals eingearbeitet. Metin Bölükbasi, ebenfalls aus der 9b, hat seinen Buchstaben schon eingearbeitet, er versucht mit Schleifpapier Unebenheiten am Hals zu entfernen. „Schleifen, schleifen, schleifen“, sagt Jungbluth, sei in dem Stadium das wichtigste. Der Musiker müsse sich nachher wohlfühlen, wenn er auf dem Instrument spielt.

Rücksicht auf Meereslebewesen

Ein Instrument aus recyceltem Material herzustellen, diese Idee kommt von der Firma Followfish in Hamburg. Die Aktion passt zu dem Gründungskonzept der Firma, die weitgehend natürlich gefangenen Fisch (teilweise sogar mit einer Angel) verkauft, mit Rücksicht auf die Umwelt und andere Meereslebewesen.

Das brachte Christine Stehle, freie Werbetexterin aus Mülheim, auf die Projektidee und sie setzte sich mit Jungbluth in Verbindung: „Ich wusste, dass er verrückt genug ist, so etwas auch wirklich umzusetzen.“ Sie betreut nun die Organisation und Pressearbeit.

Followfish sponsert dem Kurs die Thunfischdosen. Ohne Spenden wäre das Projekt nicht durchsetzbar. Ein Glück, dass die Idee dahinter so verrückt ist: Tengelmann sicherte bei einer Anfrage sofort finanzielle Unterstützung zu, sagt Jungbluth begeistert, sie haben die Followfischdosen selber in den Regalen.

Weltweit gibt es erst zwei Tunalelen. Eine davon hängt Jungbluth um den Hals, er spielt darauf hawaiianische Melodien. Und wer wird die Nummer drei gebaut haben? Das ist der Anreiz der Jungs, während sie in ihre Arbeit versunken sind: Metin schleift, Robin klebt Holz in seine Dose, daran wird später der Hals der Tunalele befestigt. Oliver Junk aus der Klasse 10a entfettet seine Thunfischdose. Der Geruch von Spiritus und Klebstoffen mischt sich in der Luft.

In dem Projekt lernen die Schüler wichtige soziale Kompetenzen. Genauigkeit, Pünktlichkeit, Durchhaltevermögen. „Hier kommt es auf den Millimeter an, sonst passt das ganze Ding nicht zusammen.“, so Jungbluth. Der Workshop bietet den Schülern die Möglichkeit ihre Fähigkeiten kennenzulernen und früh zu sehen, was ihnen Spaß macht. „Die Jungs lernen hier, dass sie eine Hand haben“, betont Jungbluth. Alles ist Handarbeit, da merken sie sofort, ob es ihnen liegt.

Oliver wusste schon vor dem Kurs, dass er gerne Tischler werden möchte, das hat er bei einem Praktikum festgestellt. Und auch Robin ist sich zumindest sicher, dass er etwas Handwerkliches machen möchte. Auch Metin hat Spaß am Werken mit Holz, er ist sich aber sicher, dass er Elektriker wird.

Heute im Fernsehen

Die Jungs sind aufgeregt. Ihr Projekt hat riesige Aufmerksamkeit erzeugt. Greenpeace hat über sie berichtet und das Fernsehen war da. Der WDR hat angekündigt, das Projekt am heutigen Montag in der Lokalzeit vorzustellen. In ein paar Wochen werden ihre Instrumente dann vor der Schule, den Eltern und der Presse vorgestellt, dazu wird ein Überraschungsgast auftreten, der auf der Tunalele spielen wird, der Schulchor tritt auf und es wird Thunfischhäppchen geben. Auf die freut sich Robin besonders!

„Die ganze Truppe steht hinter der Aktion, seit dem ersten Tag“, sagt Jungbluth zufrieden. Es mache viel Spaß zusammen.

Kann denn einer auch auf dem Instrument spielen, das er gerade selber baut? Gitarre spielt keiner, aber: „Ich möchte es unbedingt lernen!“, sagt Metin und mit ein paar Griffen, die Jungbluth ihm zeigt, erkennt man schon „Smoke On The Water“ von Deep Purple.

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