Impulse-Festival

Geschäft mit dem Kinderwunsch als intelligente Performance

Das internationale Geschäft mit Leihmüttern im Kreuzverhör: Was spricht dafür, was dagegen? Drei Frauen plädieren.

Das internationale Geschäft mit Leihmüttern im Kreuzverhör: Was spricht dafür, was dagegen? Drei Frauen plädieren.

Foto: Robin Junicke

Mülheim.  „Global Belly“ meistert intelligent Leihmutterschaft. „Apollon“ ist ein derbes Spiel mit Geschlechterrollen, „Mothers of Steel“ lassen kalt.

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Theaterproduktionen der freien Szene bieten nicht immer die klassische Situation mit der deutlichen Trennung zwischen Zuschauer und Publikum. Das war schon beim Impulse-Auftakt mit „Pink Money“ erkennbar. Für „Global Belly“ wird ein intimer Rahmen gewählt, der dem Thema Leihmutterschaft angemessen ist. Es ist nur eine von vier Produktionen, die an diesem Freitag, zum Teil im Doppelpack, im Ringlokschuppen zu sehen ist. Dafür werden im Haus vier Bühnen – inklusive Wodo-Bühne unterm Dach – gleichzeitig bespielt. Eine Herkules-Aufgabe, die wunderbar funktioniert.

Shuttle-Busse aus Köln und Düsseldorf

Als es um 18 Uhr mit den Aufführungen los ging, schien der Andrang noch übersichtlich – aber da waren die Shuttle-Bussen von der Impulse-Akademie aus Köln und dem Stadtprojekt „Wenn die Häuser Trauer tragen“ aus Düsseldorf noch nicht eingetrudelt. Festival-Chef Haiko Pfost hatte noch Zeit und Platz, für das Kamera-Team von 3-Sat über das Festival zu plaudern. Später war es dann für den Nomaden-Food-Truck von Isi Omari auch nicht mehr so easy.

Die 30 Zuschauer bei „Global Belly“, die in fünf Gruppen aufgeteilt, selbst zu Statisten werden, müssen alle gut zehn Minuten in einem Parcours rotieren, der hinter den vier Tafeln verläuft, die wie Werbetafeln einer Kinderwunsch-Agentur erscheinen. Sie erleben mit einem neuen Performer eine andere Situation aus unterschiedlichen Perspektive auf dem Weg zwischen dem Kinderwunsch und der ersehnten Geburt. Flinn Works, eine von den Schwestern Sophia und Lisa Stepf 2007 in Kassel gegründete Performance-Gruppe, hat in mehreren Ländern recherchiert, unter anderem in der Ukraine und Indien, die bei dem florierenden Geschäft eine zentrale Rolle spielen. „Leider bist du nicht schwanger geworden, das heißt, du bekommst kein Geld. Aber ist okay, wir versuchen’s einfach nächsten Monat noch einmal“, heißt es da.

Leihmutterschaft als Ausbeutung

Vorschnell werden hier keine moralischen Urteile gefällt, was eine Stärke ist, sondern die Probleme und Aspekte aufgefächert und klar, dass Lösungsansätze auf ganz anderen Gebieten liegen müssen. Am stärksten ist Global Belly, wenn, wie bei einem Kreuzverhör, unterschiedliche Positionen von unterschiedlichen Sprecherinnen aufeinanderprallen. Für Frauen, die in wirtschaftlich armen Ländern ihren Körper zur Verfügung stellen („eine Art Prostitution“), eröffnet das ungeahnte Chancen. Aber es ist natürliche eine Form der Ausbeutung, man muss sich nur einmal den Mindestlohn vor Augen halten, der einer Frau für diesen neun Monate währenden 24-Stunden-Job zustehen würde. Das ist intelligent, eindringlich und sogar unterhaltsam gemacht.

Ironisches Klagelied über Geschichtsverklärung

Hohe Erwartungen waren an „Mothers of Steel“ von Mădălina Dan und Agata Siniarska geknüpft, ein ironisches Klagelied über Geschichtsverklärung. Das klang interessant. Man kann nachvollziehen, dass historisch gesehen vieles zum Jammern ist, auch die Nato und die EU, genauso wie Lech Walesa. Nahe kommt einem das Schluchzen aber nie, obwohl Emotionen so stark bemüht werden, und die Komik bleibt auch begrenzt.

Frauen, die nicht mehr als Tätowierungen tragen

Eine Tour de Force folgt zum Abschluss bei Apollon von Florentina Holzinger mit Frauen, die nichts weiter als ihre Tätowierungen tragen. Es ist eine Auseinandersetzungen mit Geschlechterrollen, Mythen und einer klassischen Choreographie von George Balanchines von 1928 (gut, dass es Programmhefte gibt!), die zitiert und ironisch gebrochen wird.

Da wird aus dem Stier der Rodeoautomat und aus der Lyra das Henkersbeil. Die Frauen posen wie Männer, vollbringen akrobatische Kunststücke, schlucken pralle Luftballons (was ohne röhrendes Bäuerchen, sorry, nicht klappt) oder eine lange Klinge. Das ist mal lustig, mal eklig, öfter auch beeindruckend.

Karten und Termine

Zum Festival kommt ein internationales Publikum, denn viele Produktionen sind grenzübergreifend und teilweise auf Englisch. Man sieht in den Aufführungen auch Kopfhörer mit Simultanübersetzungen in Englisch und Arabisch.

Karten von „The Automated Sniper“, 19. und 20. Juni, sind noch erhältlich. 18/ erm. 10 €

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