Theater

Impulse-Festival liefert eine große Bandbreite

Bei „Enjoy Racism“ entscheidet die Augenfarbe, ob man in den Keller oder in den Konferenzraum kommt. Ein spannendes soziales Experiment.

Bei „Enjoy Racism“ entscheidet die Augenfarbe, ob man in den Keller oder in den Konferenzraum kommt. Ein spannendes soziales Experiment.

Foto: Linda Pollari

mülheim.   Die Stücke des Theater-Festivals im Juni zeigen ein riesiges Spektrum. Viele neue Gruppen, besonders internationale Koproduktionen, sind dabei.

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Nach den Stücken kommen die Impulse, nach den besten deutschsprachigen Uraufführungen die besten Produktionen der freien Szene, die sich zunehmend auch durch internationale Koproduktionen auszeichnet und auch Akteure aus unterschiedlichen Ländern zusammenarbeiten lässt. Man muss nur einen Blick auf die Liste der Standorte der zehn ausgewählten Produktionen schauen, die vom 13. bis 24. Juni im Ringlokschuppen zu sehen sind: Johannesburg, Mumbai, Sofia und Brüssel, um nur einige zu nennen.

Start ist am 13. Juni mit einem Kontrapunkt aus der Schweiz

Für Haiko Pfost (45), der die künstlerische Leitung des Festivals für die nächsten drei Jahre übernommen hat, macht diese Internationalisierung die Arbeiten in den Metropolen immer ähnlicher - wie ein BigMac, der überall gleich schmeckt. Aber die freie Szene arbeitet auch ganz konzentriert lokal, recherchiert zu aktuellen Themen.

Als Kontrapunkt beginnt das Festival deshalb am 13. Juni mit der Auftragsarbeit „Dorf Theater“ von Corsin Gaudenz. Das Laientheater in der Schweiz lebt - 1120 Vereine in der zentralen Schweiz sind der Beweis und jedes einzelne verleiht dem Ort auch Identität. Professionelle Schauspieler bringen Vielfalt und Eigenheiten des Dorftheaters auf die Bühne. Die Fassung spielt mit den Konventionen eines Eröffnungsabends. Grußworte sind ebenso Bestandteil wie der zwanglose Teil am Büffet hinterher.

Eine Jury wählte die Produktionen aus 25 Stücken aus

„Im Zentrum der Arbeit stehen die künstlerischen Notwendigkeiten und Bedürfnisse, der sich alles unterzuordnen hat, nicht ein Apparat, dessen Strukturen das Ergebnis bestimmen“, sagt Pfost. Diese Offenheit der Szene sei auch ein Garant für die ästhetische Erneuerung des Theaters.

Ausgewählt hat die zehn Produktionen eine sechsköpfige Jury um Pfost, zu denen neben den Theaterprofis mit Jennifer Bartsch und Stefanie Dörr zwei passionierte Besucherinnen des Ringlokschuppens gehörten. Sie hatte den Anspruch, jede Produktion zumindest von einem regionalen Scout live oder in Aufzeichnung wahrzunehmen. Es mögen Hunderte gewesen sein. Auf einer Shortlist landeten die interessantesten 25. Die Auswahl zeigt: Die üblichen Verdächtigen sind nicht übermäßig stark vertreten. Das liegt auch daran, dass mit einem neuen Blick auf die Kunst geschaut wurde. Und dass dieser abgesehen von Pfost rein weiblich war, wird die neue Perspektive auch geschärft haben. She She Pop ist so ein alter Bekannter. „Oratorium“ heißt der Beitrag, der die soziale Spaltung thematisiert. Die Gruppe macht sichtbar, was sonst im Verborgenen liegt.

In allen Stücken steckt eine große Aktualität

Vieles ist im Bereich eines sozialen Experimentes angesiedelt. Als einen „aufwühlenden Abend“ kündigt Pfost „Enjoy Racism“ von Thom Truong an. Die Augenfarbe ist ausschlaggebend, ob man in den Keller oder in den Konferenzraum gelangt. Wer hier selektiert, ist eine schwarze Frau mit geweißtem Gesicht, die nur das praktiziert, was ihr widerfahren ist. „Irgendwann endet das immer in der Revolution im Keller“, meint Pfost. „All Eyes on you“ von Teresa Vittucci ist eine Auseinandersetzung mit Sex-Chats und Voyeurismus.


Ein eher mentales Experiment erwartet die Zuschauer bei „The Guardians of Sleep“ von David Weber-Krebs. In Kleingruppen geht’s am Tablet los. „Die Reizüberflutung mündet in ein kollektives Schlaferlebnis. Ein Gefühl wie auf Drogenentzug, aber die gemeinsam erlebte Zeit erscheint auch als Schatz“, kündigt er an. Wie rechte Ideologen die Geschichte verklären, sie zu Mythen instrumentalisieren und sich doch in der Opferrolle stilisieren thematisieren Mădălina Dan und Agata Siniarska sehr geschickt in „Mothers of Steel“.

Das verstörende Verhältnis zwischen Kunst und Realität

Ein moralisches Dilemma aus sechs unterschiedlichen Perspektiven fächert Flinn Works in „Global Belly“ auf. Es geht um Leihmutterschaft und die Logik des Marktes, ethische Fragen werden gegen juristische gestellt, einen Ausweg überlässt das Stück dem Zuschauer.

„Apollon“ ist der Sühnegott. In dem Stück von Florentina Holzinger, in dem neoklassisches Ballett mit Body Art und Trashkultur kollidiert, üben sechs Frauen Selbstermächtigung durch radikale Körperkunst, von Kickboxen bis Gewichtheben. Wo befindet sich das Publikum, in einer Freak-Show oder in einem okkulten Fitness-Studio?


Machtverhältnisse in Subkulturen ist Thema in „Pink Money“, zwei Männer auf der Suche nach ihrer Männlichkeit stehen im Mittelpunkt bei „Consumption as a Cause of Coming Into Being“ von Roland Rauschmeier und Alex Bailey. Und das Verhältnis zwischen Kunst und Realität lotet Julian Hetzel in „The Automated Sniper“ auf verstörende Weise aus.

>>> Vorverkauf startet im AprilDer Vorverkauf für das Festival beginnt am 14. April, dann geht auch die Internetseite mit dem Spielplan und vielen weiteren Informationen unter www.impulsefestival.de online. Abgesehen vom spielfreien Montag wird jeden Tag etwas passieren. Am Wochenende werden im Schuppen fünf Bühnen gleichzeitig bespielt.

In Düsseldorf wird im Festivalzeitraum ein Stadtprojekt und in Köln eine Akademie mit vielen Workshops abgehalten.

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