Notfallmedizin

Leitende Notärzte sind in Mülheim ohne Arztkoffer im Einsatz

Fünf der insgesamt sieben Leitenden Notärzte in Mülheim: Dr. Heribert Pütz-Hellweg, Dr. Carola Holzner, Andreas Blume, Horst Franzen und Thomas Franke (v.l.).

Fünf der insgesamt sieben Leitenden Notärzte in Mülheim: Dr. Heribert Pütz-Hellweg, Dr. Carola Holzner, Andreas Blume, Horst Franzen und Thomas Franke (v.l.).

Foto: Martin Möller / FUNKE Foto Services

Mülheim.  Der Leitende Notarzt organisiert das Chaos bei größeren Einsätzen und Unfällen vor Ort. Seit 25 Jahren gibt es diese Funktion in Mülheim.

In besonderen Notlagen und bei Unfällen, bei denen viele Betroffene von den Rettungsdiensten versorgt werden müssen, muss ein Leitender Notarzt vor Ort sein, das ist gesetzlich vorgeschrieben. Dieser Mediziner behält den Überblick am Unfallort und koordiniert die ärztliche Versorgung. In Mülheim gibt es diese Funktion seit 25 Jahren. Das aktuelle Team, bestehend aus zwei Ärztinnen und fünf Ärzten, muss rund um die Uhr, an 365 Tagen im Jahr, abwechselnd in Bereitschaft sein. Neben ihren normalen Tätigkeiten im Krankenhaus oder in der Praxis.

Der Leitende Notarzt behält am Unfallort in Mülheim den Überblick

„Der Vorteil eines erfahrenen Leitenden Notarztes vor Ort ist, dass er den Überblick behält und das Geschehen steuert, damit das Chaos vom Unfallort nicht in die Krankenhäuser verlegt wird“, erklärt Dr. Heribert Pütz-Hellweg plastisch seine Rolle. Pütz-Hellweg ist der dienstälteste Leitende Notarzt in Mülheim, seit der Gründung des Teams vor 25 Jahren ist er dabei, er organisiert die Dienstpläne seiner Kollegen. Der Kardiologe ist Oberarzt in einer Essener Herzklinik und muss, wenn er Bereitschaft hat, etwa wenn mehr als vier Verletzte gleichzeitig betroffen sind oder der Einsatzleiter der Feuerwehr Alarm gibt, seinen Arbeitsplatz verlassen, um den medizinischen Einsatz zu koordinieren.

„Man kann zwar medizinisch arbeiten, muss aber auch wegkönnen“, erklärt Thomas Franke, der als Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes zum Team gehört und Leiter der zentralen Notaufnahme im St. Marien-Hospital ist. „Man muss in der Bereitschaft Tätigkeiten machen, die man auch unterbrechen kann“, sagt Horst Franzen, niedergelassener Kardiologe. Sechs bis acht Mal im Jahr komme das vor, ergänzt Dr. Carola Holzner, an der Uniklinik Essen Ärztin in der zentralen Notaufnahme. „Wir haben im Schnitt alle zwei Monate einen Einsatz.“

Leitende Notärzte tragen keine Kittel, sondern Einsatzkleidung

Der Leitende Notarzt versorgt am Unfallort nicht die Verletzten – „was schwer genug fällt“, wie Pütz-Hellweg einschiebt. Sein Job ist die Organisation. „Damit das beste Ergebnis für die vielen Betroffenen erzielt wird.“ Der Leitende Notarzt war zum Beispiel vor Ort, als es Anfang Oktober an der Gustav-Heinemann-Gesamtschule Reizgasalarm gab und viele Schüler untersucht und betreut werden mussten.

Brände, Explosionen, Kohlenmonoxidvergiftungen: Der Leitende Notarzt, der jeweils eine 24-Stunden-Bereitschaft hat, organisiert an der Einsatzstelle den Transport der Schwerverletzten in Spezialkliniken, in Druckkammern, organisiert spezielle Behandlungen, sagt Thomas Franke. Der Leitende kommt nicht im weißen Kittel und mit Arzt-Köfferchen. Er (oder sie) trägt Schutzkleidung, Helm, schwere Einsatzstiefel. „Man muss sich bei Bereitschaft in der Stadt aufhalten“, erklärt Franke. Wenn der Alarm kommt, wird er vom Einsatzwagen abgeholt, am Steuer sitzt der organisatorische Leiter des Rettungsdienstes, der im Duo mit dem Arzt die Unfallstelle für die Feuerwehr managt.

Die Mediziner müssen in Mülheim leben und sich hier gut auskennen

Die sieben Leitenden Notärzte – zwei teilen sich eine Stelle – müssen sich in der Stadt gut auskennen und in Mülheim leben. „Man muss auf Ressourcen zurückgreifen können“, sagt Franke. „Lokale Kenntnisse sind von erheblicher Bedeutung.“ Im Notfall muss es schnell gehen, auf Zuruf, man muss sich (aus)kennen. Damit das so bleibt, müssen die Leitenden Notärzte auch ganz normale Notarzt-Einsätze fahren, abends oder am Wochenende, betont Dr. Pütz-Hellweg. Ein Dienst pro Monat sei Pflicht.

Warum macht man das? Finanziell sei die Vergütung eher bescheiden, sagt Franke. Für Bereitschaftsdienste liege die Entschädigung bei unter 5 Euro brutto in der Stunde. Ist der Leitende im Einsatz, werde die Stunde tariflich wie im Krankenhaus vergütet. Horst Franzen, seit 20 Jahren leitender Notarzt, schätzt die berufliche Herausforderung: „Man weiß ja nie, was kommt, man muss sich immer wieder auf eine neue Situation einstellen.“ Dazu komme die besondere Qualifikation als Notfallmediziner, die regelmäßige Weiterbildung. „Es ist ja auch ein Vertrauensbeweis“, ergänzt Dr. Holzner. Denn nicht jeder/r ist für diese Aufgabe geeignet.

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