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Moderne Zeiten, analoge Methoden

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rotokolle, Korrespondenzen, Mitschriften, Manuskripte von Reden - unzählige dieser Unterlagen werden im Stadtarchiv aufbewahrt. Seit einigen Tagen sind es noch einige mehr. Denn Ulrike Flach, bis zur letzten Bundestagswahl FDP-Abgeordnete und zum Schluss auch Parlamentarische Staatssekretärin im Gesundheitsministerium, hat bereits jetzt das Material, das sich in ihrem Parlamentarierleben angesammelt hat, dem Archiv übergeben und damit auch der Forschung zur Verfügung gestellt. Ihre Begründung: „Ohne eine Institution wie das Stadtarchiv ist vieles schnell für die Nachwelt verloren.“ Und das will sie offenbar nicht. Archivleiter Kai Rawe hat sich gefreut: „Eine sehr schöne Bereicherung für unsere Bestände.“ Wenn sich alle freuen, ist dann also alles gut?

Doch da gibt es dieses typische Bild von der Kanzlerin auf der Regierungsbank: Angela Merkel konzentriert sich nicht auf den Redner, sie plaudert auch nicht mit anderen Ministerin - die Regierungschefin starrt konzentriert auf ihr Handy und tippt. Ein Symbol für die Veränderung der Kommunikation: Früher wurden Briefe geschrieben, Aktenvermerke und Notizen gemacht - heute tippt die Kanzlerin eine SMS. Der Unterschied: Die alten Papierquellen wurden gesammelt und gingen dann ins Archiv, aber heute: Niemand druckt eine SMS aus. Wie geht das Archiv mit dieser digitalen Wende um? War Ulrike Flach vielleicht die letzte, die noch einen Papierstoß abgeliefert hat? Sollten Politiker der Gegenwart tatsächlich ihre Mails und Kurzmitteilungen aufbewahren - und was wäre, wenn sie dann dem Archiv einen USB-Stick übergeben?


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as ist eigentlich nichts Neues. Sondern ein altes Problem, mit dem sich Archivare schon immer auseinandergesetzt haben
, sagt Rawe. Sind es die wirklich wichtigen Dokumente, die den Weg ins Archiv schaffen? Es gab ja schon immer Geheimgespräche. Da lief kein Band mit, kein Protokoll wurde geschrieben. Das ist nicht anders als bei der SMS der Kanzlerin. Als Archivar muss man sich aber noch eine andere Frage stellen: Welche Quelle ist eigentlich wesentlich? Und da sei es zunächst einmal gleichgültig, ob es sich um eine Kanzlerinnen-SMS oder eine mittelalterliche Königs-Urkunde handelt.

Historiker nennen solche Unterlagen: Quellen. Und die sprudeln bekanntlich. Wenn es gut läuft, dann sprudeln aus diesen Dokumenten für den Historiker Antworten. Freilich hängt das von seinen Fragestellungen ab. Nur durch die Frage, die an eine Quelle gestellt wird, wird diese interessant. Und jeder hat andere Fragen. I n den Dokumenten eines Abgeordneten sind etwa Einladungen zu Abendveranstaltungen zu finden und die Speisekarten sind vielleicht auch darunter. Auch solche Dinge können je nach Frage sehr interessante Quellen sein. Man kann etwa daraus schließen, wie Abgeordnete ihre Abende verbringen, wen sie dort treffen und auch die Speisenauswahl sagt etwas aus. Dann kann die Speisekarte tatsächlich interessanter sein als die Kanzlerinnen-SMS.

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eswegen gibt es bei uns auch keine Hierarchie der Quellen, betont Rawe. Unterlagen von Politikern werden nicht besser behandelt als die von Lieschen Müller. Es kommt immer wieder vor, dass Bürger uns etwas vorbeibringen. Wir haben zum Beispiel kürzlich viele Feldpostbriefe bekommen. Oder jemand, der ein altes Bauernhaus gekauft hat, findet auf dem Dachboden Fotos und Tagebücher von der Bauernfamilie und übergibt uns das dann.
Trotzdem betont Rawe: Wir nehmen auch nicht alles. Aber es gibt keine elitäre Auslese. Es geht darum, dass die Quelle etwas Typisches über die Gegenwart aussagt, aus der sie stammt. Das kann zum Beispiel die Mitgliederzeitschrift eines Fußballvereins sein, die Postkarte aus Bad Tutzing ist es eher nicht. Aber das ist eben unsere Aufgabe als Archivare, hier eine Entscheidung zu fällen.

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nd kann es nicht hier doch eine digitale Wende geben? Wenn die Dokumente, Fotos und andere Quellen digitalisiert werden, dann wird erheblicher Platz gespart. Muss dann überhaupt noch eine Auswahl getroffen werden? Gerade weil jetzt die Menge der Daten so groß ist, die für jeden verfügbar ist, ist es wichtig eine Auswahl zu treffen. Unsere Aufgabe liegt auch darin, einen Überblick zu verschaffen. Das ist unser Service.

Dienstleistung ist für Rawe ein wichtiger Aspekt für die Arbeit des Archives. U ns ist wichtig, dass die Mülheimer sagen: „Das ist unser Stadtarchiv. Und wenn wir eine Frage zu unserer Stadt haben, gehen wir dort hin.“ Rawe ist wichtig, dass eben nicht nur Wissenschaftler und Forscher diejenigen sind, die nach Antworten auf ihre Fragen an die Geschichte im Archiv suchen können. Auch jetzt arbeiten bei weitem nicht nur Historiker in dem Benutzersaal. Auch Familienforscher, die in den Kirchenbüchern nach Informationen über ihre Vorfahren suchen, sind Stammgäste.

Viele Monate hatten wir auch Besuch von einem älteren Herren, der über seinen Fußballverein recherchiert hat. Der hat aus den Tageszeitungen, die bei uns seit 140 Jahren nahezu komplett vorhanden sind, alle Ergebnisse des Vereins herausgeschrieben. Ich finde sowas toll. Denn Rawe will, dass das Archiv offen für jeden ist. Und hier spielt die Digitalisierung dann doch eine Rolle. Sie kann die Benutzerfreundlichkeit erhöhen.

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ir haben schon Teile unseres Archivs digitalisiert und andere werden noch folgen. Unsere Postkarten- und Plakat-Sammlung zum Beispiel ist schon eingescannt. Auszüge dieser digitalisierten Bestände sollen auch demnächst auf unsere Homepage gesetzt werden. Dann kann der Benutzer von zuhause aus recherchieren. Demnächst sollen aber auch Baupläne und Karten digitalisiert werden. Erstens kann man die Pläne, die meist ziemlich groß sind, so besser anschauen. Und zweitens wird dadurch auch das Original geschont.

Wie ist es aber um die Originale bestellt? Ist die Digitalisierung nicht auch der beste Schutz vor der Vergänglichkeit, wenn die Quellen nicht gerade starken Magnetfeldern ausgesetzt sind? Denn in der digitalen Welt können eine Urkunde oder ein alter Brief nicht mehr zu Staub zerfallen. Ü ber solche Fragen wird in allen Archiven im Moment nachgedacht. Und Experten entwickeln auch neue Speichermethoden. Es ist nämlich nicht sicher, ob unsere Speichermedien auch in 100 Jahren noch abrufbar sind.

Ein komplette Digitalisierung des Archivbestandes sieht Rawe im Moment jedenfalls noch nicht.

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ber, das ist Archivleiter Kai Rawe wichtig zu betonen, wäre dies letztlich auch nicht der richtige Weg. Denn: Keine digitale Kopie kann das Original ersetzen. Deswegen werden die Dokumente natürlich nicht weggeworfen. Ihre besondere Wirkung spürt man besonders, wenn Schulklassen bei uns zu Besuch sind. Die Jugendlichen sind immer ganz begeistert, wenn sie eine echte mittelalterliche Urkunde sehen.

In 500 Jahren werden die Unterlagen der ehemaligen Abgeordneten Flach dann vielleicht ähnlichen Enthusiasmus hervorrufen.

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