Gastronomie / Geschichte

Mülheim: Wasserbahnhof schließt – seine Zukunft ist ungewiss

Abschiedsstimmung im Herbst: Nach mehr als 21 Jahren verlässt das Franky’s-Team den Wasserbahnhof. Am Sonntag bewirtet es auf der Schleuseninsel zum letzten Mal seine Gäste.

Abschiedsstimmung im Herbst: Nach mehr als 21 Jahren verlässt das Franky’s-Team den Wasserbahnhof. Am Sonntag bewirtet es auf der Schleuseninsel zum letzten Mal seine Gäste.

Foto: Michael Dahlke / FUNKE Foto Services

Mülheim.  Nach mehr als 21 Jahren räumt Franky’s den Mülheimer Wasserbahnhof. Er wird saniert. Ob die Gastro jedoch wieder einzieht, ist völlig offen.

Einen großen Bahnhof zum Abschied vom Wasserbahnhof wird es nicht geben. „Was die aktuellen Coronaregeln noch erlauben, machen wir möglich. Danach ist Schluss“, sagt Richard Reichenbach, einer der Geschäftsführer von Franky’s. Der Pachtvertrag läuft aus, weil der Wasserbahnhof saniert werden soll. Es scheint aber nicht einmal klar, ob an dem beliebten Treff an der Schleuseninsel noch einmal Gastronomie betrieben wird.

Reichenbach und sein Team wollten ursprünglich zwei Monate länger bleiben. Sie hatten im Februar noch an eine große Ausstiegsparty am Silvesterabend gedacht. Aber die Coronaviren beenden ihnen und den Gästen diesen Traum. „Am Sonntagabend ist unser letzter À-la-Carte-Tag. Die meisten Stammgäste haben längst gebucht.“ Danach bleiben im beliebten Treffpunkt auf der Schleuseninsel die Küche kalt, die Zapfhähne hochgedreht und die Türen verschlossen.

In der Stadt kursieren Gerüchte: Soll die Gastro Platz machen für Luxuswohnungen?

Stillstand ist im fast 93-Jährigen weißen Gebäude nicht angesagt. Im nächsten Jahr steht eine aufwendige Sanierung an. Doch wie und was am Ende dabei herauskommen soll? Darüber hüllen sich Verwalter und Eigentümer bisher in Schweigen. In der Stadt jedoch wird offen darüber gesprochen, dass hier angeblich anstelle der Gastro Luxuswohnungen entstehen sollen. Klar ist: Der Wasserbahnhof ist längst zu einem Magnet, Wahrzeichen und Werbeträger der Stadt Mülheim aufgestiegen.

Intensive Nutzung hinterlässt ihre Spuren

Einundzwanzigeinhalb Jahre lang haben Richard Reichenbach und Tobias Volkmann den Wasserbahnhof bewirtschaftet. Die Spuren der intensiven Nutzung sind inzwischen unübersehbar. Sie sind ebenso Beleg dafür, wie erfolgreich der Einsatz der Gastronomen dort war.

Eine große Mehrheit der Mülheimerinnen und Mülheimer wünscht sich nach der Restaurierung wieder einen Treffpunkt mit gastronomischem Angebot. „Wir kommen gern zurück und steigen wieder ein – wenn die Bedingungen für uns passen“, betont Reichenbach.

Ein Teil weitsichtiger Stadtplanung

Der Wasserbahnhof ist Teil einer weitsichtigen Stadtplanung, die vor 100 Jahren beginnt. Sie gibt während der Hyperinflation nach dem Ersten Weltkrieg, vielen Menschen in der Stadt Arbeit. Die sinkenden Löhne ermöglichen große Erdbewegungen auf der Schleuseninsel, den Bau zweier Kraftwerke, des Wasserbahnhofs und der Ruhranlagen.

„Die Eigentürmer Bohnes und Pothmann gaben ihre zäh verteidigten Anwesen erst auf, als das Anschüttungsmaterial aus den Bauzügen bereits in die Dachrinnen prasselte. Die Bewohner des früheren Wirtshauses mussten gelegentlich wegen des großen Hochwassers um die Jahreswende 1925/26 mit sanfter Gewalt auf einen Planwagen gebracht werden, dessen Pferde bis zum Bauch im Wasser standen“, steht in einem Rückblick des früheren Stadtarchivleiters Kai Rawe.

Eine Umsteigestation für die Weiße Flotte

Kurz darauf errichten Arbeiter ungefähr dort, wo die baufällige Schleusenkneipe stand, den heutigen Wasserbahnhof – eine Umsteigestation, an dem keine Züge halten. Das markante Gebäude mit kleiner Trinkhalle für Ausflügler entwirft das in Mülheim erfolgreiche Architekten-Duo Großmann/ Pfeifer.

Eine Treppe mit Tunnel verbindet das Oberwasser, wo Fahrgäste mit der Weißen Flotte aus Essen und Kettwig ankommen, und zu den Booten auf dem Unterwasser nach Duisburg wechseln. Eigentlich soll das Haus – einem Schiffsbug nachempfunden – „Ruhrbastei“ heißen. Doch der Volksmund will es anders: „Wasserbahnhof“ gilt immer noch.

Springbrunnen und Blumenuhr sind 1953 Attraktionen

Bereits nach Saisonende im Herbst 1929 starten die Bauarbeiten zur Erweiterung. An der Südseite wird das Gebäude aufgestockt. Im Frühjahr 1930 ist alles fertig. 1945 okkupieren die englischen Besatzer den Wasserbahnhof und nutzen ihn als Kasino. 1949 folgt nach der Rückgabe eine Renovierung. Das Restaurant auf der Schleuseninsel öffnet wieder.

In den 1950er wenden die Motorschiffe der Weißen Flotte am Wasserbahnhof oft im Halbstundentakt. Er ist schnell wieder Ausflugsziel der Mülheimer und ihrer Gäste. Als Attraktionen lässt die Stadt 1953 eine Blumenuhr und einen Springbrunnen anlegen.

Nur noch wenige gebuchte Veranstaltungen

1975 verwüstet ein Großbrand den Wasserbahnhof. Der Wiederaufbau kostet Millionen. Sein aktuelles Aussehen erhält das runde Gebäude mit Anbau in den Jahren 1989 bis 1991. Ausflügler, die von Mülheim nach Kettwig fahren möchten, gehen dort an Bord. Das Restaurant mit Biergarten lädt zum Verweilen ein.

Am Samstag bleibt im Wasserbahnhof die Gesellschaft geschlossen – für eine Hochzeit. Nach dem letzten Bewirtungssonntag wird das Franky’s-Team noch die bereits gebuchten Veranstaltungen mit seinem gelobten Service begleiten, „bevor wir ausräumen und die Möbel in die Halle zum Güterbahnbahnhof Eppinghofen bringen“, erklärt Richard Reichenbach.

Sie bleiben den Bahnhöfen verbunden

In Mintard hat er mit Sandra und Tobias Volkmann im Frühjahr den zweiten Bahnhof am Wasser der Ruhr übernommen. Am der Ruhpromenade befindet sich ebenfalls ein (Bahn-)Steiger für Schiffe. Das Team kommt von Bahnhöfen einfach nicht los. Fehlt noch eine echte Bahnhofsgaststätte.

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