Adventsmarkt

Mülheim: Wie Suchterkrankte ihre Nachbarschaft pflegen

Schönes für die Adventszeit: Nele Hergarten verkauft Selbstgebasteltes der Bewohner der Wohneinrichtung für Suchtkranke.

Schönes für die Adventszeit: Nele Hergarten verkauft Selbstgebasteltes der Bewohner der Wohneinrichtung für Suchtkranke.

Foto: Tamara Ramos / FUNKE Foto Services

Mülheim.  Nur wenige Besucher zur Waldweihnacht am Worringer Reitweg – warum die Bewohner der Einrichtung für Suchterkrankte sich nicht entmutigen lassen.

Es schüttet aus Eimern zur Waldweihnacht am Freitagnachmittag. Und so sind es leider nicht viele Besucher, die sich am Worringer Reitweg eingefunden haben. Die Bewohner und Betreuer der Wohneinrichtung für Suchtkranke haben ihre Stände rund um das Haus mit Lichtern festlich geschmückt – und nehmen es leicht. Morgen ist ja auch noch ein Tag.

Durch das Basteln zur Wertschätzung

Denn schon am Samstagnachmittag geht ihr Adventsmarkt mit viel Selbstgemachtem von 15 bis 19 Uhr in die zweite Runde. Eva und Ida, die ambulant von der gemeinnützigen GmbH Regenbogen betreut werden, zeigen spürbar stolz ihre Produkte. Die eine hat weihnachtliche Szenen in Acryl gemalt, die andere Kerzenhalter und andere Formen aus Holz mit Figuren und Mustern verschönert – eingebrannt.

„Früher in der Schule habe ich immer gesagt bekommen, ,das ist schlecht’, ,das kannst du nicht’“, schildert Ida. Heute bekommt sie Anerkennung, „man wird wertgeschätzt – da hast du Lust, mehr zu machen“. Auch Eva hat ihr Talent fürs Malen spät entdeckt, anfangs war es eine Beschäftigung gegen die Schlaflosigkeit und als Maßnahme gegen den Schlaganfall. „Das hat mir geholfen, meine Motorik wieder zu trainieren“, sagt sie.

Filigraner Schmuck, gehäkelte Sterne für den Weihnachtsbaum, verzierte Kerzen, eine selbst gebastelte Wundertüte mit kleinen Überraschungen, bemalte Postkarten – alles ist von den Menschen der Einrichtung hergestellt worden.

Waldweihnacht soll die Tür zur Nachbarschaft öffnen

Die Anerkennung ist für viele Klienten, auch die Bewohner der Wohneinrichtung, ein wichtiger Faktor, bestätigt Andrea Pfaff, Bereichsleiterin „Arbeit und Beschäftigung“ bei Regenbogen. Hier leben gut 22 Menschen, die suchtkrank und psychisch beeinträchtigt sind. „Es stärkt ihr Selbstwertgefühl, wenn sie anderen Menschen etwas wert sind.“ Und so tragen die vielen kleinen Dinge, die auf dem Adventsmarkt der Waldweihnacht zu finden sind, mit ihrem Preis auch einen symbolischen Wert mit sich.

Die leider noch wenigen Besucher sind allerdings nicht nur wegen der Deko hier, „ich bin mit meiner Frau schon oft hier vorbeigegangen“, sagt ein Mann, gelesen hat er schon was in der Zeitung – „jetzt will ich mal schauen, was hier ist“. Das ist auch das Ziel der Waldweihnacht, die die Einrichtung erst zum zweiten Mal veranstaltet – obwohl es sie bereits seit 20 Jahren hier im Uhlenhorster Wald zwischen Speldorf und Bissingheim gibt.

Denn ganz einfach ist das Verhältnis der Wohneinrichtung zur Nachbarschaft nicht immer – denn schließlich behandelt sie Menschen mit Suchtproblemen. Obwohl Alkohol und andere Drogen auf dem Grundstück verboten sind, „kann es durchaus passieren, dass Spaziergänger auf Bewohner treffen, die das konsumieren“, geht Einrichtungsleiter Peter van Eyll offen mit der Problematik um. Ziel der Einrichtung sei nicht die Abstinenz, sondern der Sucht nicht mehr den Raum zu geben, sie zu reduzieren. „Darin ist unsere Einrichtung wohl einzigartig in Deutschland“, werben van Eyll und auch der Adventsmarkt für Verständnis im Umfeld. „Wir wollen uns daher nicht verstecken, sondern weiter öffnen“, ergänzt Regenbogen-Geschäftsführer Rolf Wöste.

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