Dokumentarfilm

Mülheimer Film erzählt von der Hoffnung auf Begnadigung

Rainer Komers in seinem Styrumer Atelier, wo er den Film mit seinen Partnern Michel Klöfkorn (Ton) und Gregor Bartsch (Schnitt) bearbeitet hat.

Rainer Komers in seinem Styrumer Atelier, wo er den Film mit seinen Partnern Michel Klöfkorn (Ton) und Gregor Bartsch (Schnitt) bearbeitet hat.

Foto: Oliver Mueller

Mülheim.   Rainer Komers hat seit Jahren Kontakt zu Spoon Jackson, der seit 41 Jahren in Haft ist. „Barstow, California“ ist der Versuch einer Annäherung.

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Nach über 41 Jahren in Haft kann Spoon Jackson auf eine Begnadigung hoffen. Vermutlich wird der kalifornische Gouverneur Jerry Brown bei seinem Ausscheiden vielen Lebenslänglichen die Freiheit schenken, dann könnte der 61-Jährige dazu gehören. Er hat 1977 in einem häuslichen Streit einen Menschen umgebracht, das leugnet er nicht, doch dafür das ganze Leben hinter Gittern zu verbringen ist unmenschlich und nur eine andere Form der Todesstrafe.

Einladung zu mehreren Filmfestivals

„Die USA können nicht im Ernst Länder wie China für deren Menschenrechtsverletzungen kritisieren, solange sie selbst einer der schlimmsten Übeltäter auf diesem Gebiet sind“, schreibt der Afroamerikaner an den Mülheimer Filmemacher Rainer Komers, dessen neuer Film „Barstow, California“ nach mehreren Festivaleinladungen im Ausland nun im ausverkauften Duisburger Filmforum seine Deutschlandpremiere erlebte. Jackson steht im Mittelpunkt, ohne je im Bild zu sehen zu sein.

Zur Tatzeit war er Heranwachsender, nicht vorbestraft, er bestreitet vehement einen Vorsatz und wurde vor der Tat von einem dritten Beteiligten angeblich angeschossen – doch gegen den wurde nie ermittelt. Stolz und unbeherrscht wie er als Jugendlicher war, hat Jackson dann die Geschworenen beschimpft und beleidigt, erzählt der 74-jährige Filmemacher, was ihn wohl um die letzten Sympathien gebracht habe.

Inhaftierter fand zur Poesie

Das Besondere an Jackson ist, dass er Gedichte schreibt, die Komers ins Deutsche übertragen hat, und seine Lebensgeschichte in einer Autobiographie reflektiert hat, die zu den Filmbildern zu hören ist. „Aus einer Laune heraus belegte ich zwei Poetik-Kurse. Ich hatte vorher noch nie ein Gedicht gelesen, noch hätte ich gedacht, dass sie mir gefallen könnten“, schreibt er, er habe geglaubt, Dichtung sei etwas für Frauen, Spießer oder Spinner und darin Gefühlsduselei und Schwächliches gesehen. Komers erzählt die Anekdote, dass Jackson Ende der 80er Jahre bei einem Theaterprojekt in „Warten auf Godot“ gespielt hat, ein Stück, „das Lebenslänglichen auf den Leib geschnitten scheint“, wie Komers lächelnd anmerkte. Doch Jackson musste überredet werden und dann lernen laut und deutlich zu artikulieren. Der Regisseur stand im Kontakt mit dem damals noch lebenden Samuel Beckett und zeigte ihm Gedichte des Gefangenen, die der Nobelpreisträger aufmerksam las und mit „gut“, „das ist sehr gut“ kommentierte.

Bewegungslose Kamera

Der Film beginnt mit der schwarzen Leinwand. Nur das Klirren eines Schlüsselbundes und das schwere Scheppern, wenn Metall auf Metall trifft, ist zu hören. Kein Zweifel, im Kopfkino laufen sofort Bilder einer zugeschlagenen Gefängniszellentür. Viele Einstellungen entspringen einem sensiblen fotografischen Blick. Komers findet mit Bedeutung aufgeladene Bilder, wie zu Beginn den Dornbusch in Nahaufnahme, dabei verzichtet er nahezu komplett darauf, die Kamera zu schwenken oder Motive heranzuzoomen. Das wirkt anachronistisch. Es sind Bilder aus einem abgehängten Nest am Rande der Route 66, das bessere Zeiten gesehen hat. Beängstigend ist das Trainingscamp für Elitesoldaten. Auch Jackson hatte sich am Tag der Tat bei den Marines gemeldet.

Über 20 Jahre ist es her, dass Komers keinen Fernseher mehr hat. Darin sieht er eine der besten Entscheidung seines Lebens, denn seitdem hört er aufmerksam auf WDR 3 Hörspiele, fand Interesse an der Musique concrète, die Alltagsgeräusche aufnimmt. So entstand sein ganz eigener, kommentarfreier Dokumentarfilmstil, in dem Visuelles und Akustisches gleichrangig sind. So sind auch in „Barstow, California“ immer wieder die singenden Züge zu hören, auch wenn der gigantische Verschiebebahnhof, in dem alle paar Minuten endlose Züge mit Containern aus Fernost einfahren nicht im Bild sind. Von dieser Stringenz hat Komers sich leider gelöst.

Eindrucksvolle Stimme, wortlastiger Film

Der Film ist wortlastig, mit über 400 Untertiteln. Erklingt Jacksons Bariton-Stimme ist das eindrucksvoll, stellt Komers selbst Fragen, kann es banal klingen. Den Hochsicherheitstrakt im legendären Folsom Prison hat Jackson verlassen, kann vielleicht schon bald E-Mails schreiben. Einen PC hat der 61-Jährige bislang noch nie gesehen.

>>Komers hat seit 15 Jahren Kontakt zu Jackson. Vor zwei Jahren sind sie sich begegnet. Der Lyrikband „Felsentauben erwachen auf Zellenblock 8“ ist in der Edition Offenes Feld erschienen.

Es gibt eine Online-Petition für seine Begnadigung: www.change.org/p/governor-brown-please-give-stanley-spoon-jackson-a-poet-41-years-in-prison-a-chance-to-freedom

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