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Mülheimer klären auf: Bei Stipendien zählt mehr als die Note

Marcel Helmchen (links) und Fabian Jaskolla sind beides Stipendiaten. Es geht ihnen dabei mehr als nur ums Geld

Foto: Jaskolla

Marcel Helmchen (links) und Fabian Jaskolla sind beides Stipendiaten. Es geht ihnen dabei mehr als nur ums Geld Foto: Jaskolla

Fabian Jaskolla und Marcel Helmchen sind beides Stipendiaten, was für sie mehr als nur finanzielle Förderung bedeutet. Deshalb werben sie dafür.

Marcel Helmchen und Fabian Jaskolla finanzieren ihr Studium beide über ein Stipendium. An der Schule waren sie zwar überdurchschnittlich gut, Überflieger waren sie aber nicht. Jaskolla hat einen Abi-Schnitt von 1,5, Helmchen von 2,0. Er kennt auch Stipendiaten mit 2,8. „Viele Schüler glauben, dass sie nicht gut genug für ein Stipendium sind und bewerben sich deshalb erst gar nicht“, sagt Helmchen. Aber das sei ein Vorurteil. „Jeder kann ein Stipendium haben“, betonen die beiden und warben dafür kürzlich im Gymnasium Broich vor über 100 Schülern.

Nach ihrer Information gibt es rund 125 unterschiedliche Stipendien, die nicht nur reine Begabtenförderung sind. Ein Stipendium ist aber nicht nur aus finanziellen Gründen interessant. So lerne man viele Menschen kennen, könne ein Netzwerk für die Zukunft knüpfen und von einem reichhaltigen Veranstaltungsangebot profitieren, das Reisen, Workshops und Mentoringprogramme umfasse.

Als CDU-Mitglied bei der Grünen-nahen Stiftung

Helmchen, der mittlerweile im CDU-Kreisvorstand sitzt, hat sich bei der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung beworben. Diese habe den Anspruch, einen breiten gesellschaftlichen Querschnitt zu fördern, vor allem auch Jugendliche aus Nichtakademiker-Haushalten. „Wir beurteilen das Leistungsvermögen nicht anhand der Noten, sondern beziehen die Umstände mit ein, unter denen die Leistungen erbracht wurden“, heißt es auf der Homepage. Die Noten würden dort nur zu 30 Prozent gewichtet, das Engagement aber zu 40 und die Biografie zu 30 Prozent, so Helmchen.

Für ein überzeugtes CDU-Mitglied überrascht die Wahl, hätte man eher auf die Adenauer-Stiftung getippt. „Wohlstand war mir nicht in die Wiege gelegt“, sagt der 19-jährige Politikstudent. Auch den Weg in die Politik fand er ohne familiäres Vorbild. Er wuchs als Einzelkind bei seiner alleinerziehenden Mutter auf, die in der Altenpflege arbeitet, und engagierte sich in diesem Bereich früh und intensiv.

Stipendium „als Ausdruck einer hohen Erwartung“

Bei Jaskolla, dem Vorsitzenden der Grünen, war die den Grünen nahe stehende Heinrich-Böll-Stiftung naheliegender. Auch sie möchte Studierende mit nichtakademischem Hintergrund und Migranten ermuntern. Jaskollas Eltern sind vor 30 Jahren aus Polen nach Deutschland gekommen. Auch gesellschaftliche Verantwortung ist ein wichtiger Punkt. „Ein Stipendium verstehen wir nicht als Belohnung für gute Leistungen, sondern als Ausdruck einer hohen Erwartung“, steht im Netz.

Das Auswahlverfahren lief ganz ähnlich ab. Zunächst muss man einen Fragebogen ausfüllen, der den familiären Hintergrund, das Engagement umfasst. Dann laufen mehrere mündliche Befragungsrunden. Ganz typische Vertreter sind beide nicht. „Ganz klar, bei den Gewerkschaften bin ich das schwarze Schaf.“ Und als engagierter Katholik wurde Jaskolla bei der Böll-Stiftung kritisch beäugt.

Zugegeben, von Böll nie ein Buch gelesen zu haben

Bei beiden wurde kräftig nachgebohrt, wurden auch fiese Fragen gestellt. Bei Fangfragen, bei denen Jaskolla vor Alternativen gestellt wurde, habe er dann auch selbstbewusst geantwortet, das beides falsch sei, habe auch zugegeben, dass er von Böll noch kein Buch gelesen hat. Den Autor lernte er erst später schätzen. „Es war richtig, dass ich meinen Glauben nicht relativiert habe und mich nicht verstellt habe, sondern mich so gegeben habe, wie ich bin“, sagt er .

Er geht davon aus, dass diese Haltung auch honoriert werde. Wäre er gescheitert, hätte sich der Lehramtsstudent beim Cusanuswerk, der bischöflichen Studienförderung, beworben. In der Schlussrunde musste er in einer siebenköpfigen Gruppe eine Aufgabe lösen. „Das war ein toller Teamgeist. Wir wollten es zusammen schaffen und uns nicht gegen- einander ausspielen“, erzählt er.

Fünf hätten es geschafft. Gerade hat er sich auf ein Seminar in Heidelberg zur Leistungsgesellschaft beworben, das wunderbar zu seinem Studium der Sozialwissenschaft passe. Helmchen hofft, an einer Reise nach Israel teilzunehmen: Nahost-Konflikt hautnah. Ganz wichtig ist aber der schuldenfreie Start ins Berufsleben durch das Stipendium. Das beruhigt.

>> HINTERGRUND & HILFREICHE ADRESSEN

Bei einem Stipendium bekommt man das normale Bafög bis zum Höchstsatz von 735 Euro sowie 300 Euro Büchergeld. Auch Auslandsemester und Praxispraktika werden gesondert unterstützt. Die erste Bewerbungsetappe läuft im Internet. Allein die Heinrich-Böll-Stiftung fördert im Jahr rund 1200 Studierende und Promovierende.

Ihren Vortrag halten Fabian Jaskolla und Marcel Helmchen nach einem positiven Auftakt gerne auch an anderen Schulen.
Wichtige Interessen im Netz, die bei der Suche helfen und mit Vorurteilen aufräumen: mystipendium.de oder arbeiterkind.de; stipendienlotse.de. Nur ein Drittel der Studierenden bewirbt sich um ein Stipendium.

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