Kriminalität

Polizei setzt immer häufiger erfolgreich Fotofahndung ein

Eine Kamera an einem Bürogebäude.

Eine Kamera an einem Bürogebäude.

Foto: Janne Kieselbach

Mülheim.   Hochauflösende Kameras im Alltag steigern die Erfolgsaussichten von Foto-Fahndungen. Freigabe aber nur bei Straftaten von erheblicher Bedeutung.

Manchmal lächeln sie auch. Flirten mit der Kassiererin, schäkern mit dem Sitznachbarn, setzen am Tresen eine heitere Unschuldsmiene auf, aber danach sind dann Geld und EC-Karte weg, der Schmuck verschwunden, während in der Registrierkasse Blüten statt Bares liegen. Und die Polizei fragt die Opfer: Wie sah der denn aus?

Das dann oft folgende Gestammel („Tja, wie sah der aus?“) und manche Allerwelts-Beschreibung können sich die Betroffenen mittlerweile oft sparen. Denn die sprunghafte Zunahme der Zahl von Überwachungskameras in Geschäften und im öffentlichen Straßenraum liefert immer öfter auch die Möglichkeit zur Foto-Fahndung – wenn gar nichts mehr geht.

Das Bild als „das letzte Mittel

Letzteres ist Bedingung. Erst wenn die Polizei keine anderweitigen Ermittlungs-Ansätze mehr sieht, greift sie zum Bild, „das letzte Mittel“, sagt Sprecherin Judith Herold. Eines, über das keine amtliche Statistik geführt und das – im Gegensatz etwa zur Telekommunikationsüberwachung – nicht einzeln erfasst wird. Mit dem die Polizei aber, wie Herold erklärt, „sehr gute Erfahrungen“ gesammelt hat.

Nicht nur, weil die Bürger über das soziale Netzwerk Facebook und den Kurznachrichten-Dienst Twitter per Handy-Blick massenhaft „mitfahnden“. Sondern auch, weil der Fahndungsdruck die Gesuchten nervös macht: „Viele melden sich dann von allein.“

Jüngstes Beispiel: Vor knapp zwei Wochen stellte sich ein junger Mann, der einige Tage lang mit Hilfe eines Fotos gesucht worden war. Er hatte bereits Mitte September eine 22-jährige Mülheimerin auf einem Parkplatz an der Dümptener Straße sexuell belästigt. Kaum war das Bild in der Welt, gingen auch mehrere Hinweise ein.

Täter stellt sich nach wenigen Tagen

Ein anderer aktueller Fall, der bundesweit für Schlagzeilen sorgte: dieser 18-jährige blonde Bursche aus Gelsenkirchen, höchstwahrscheinlich Mittäter von Vergewaltigungen, dessen Bild überall veröffentlicht wurde, und der dann wenig später auf der Wache erschien. Die Polizei zieht die Fahndung mit Bild dann zurück.

Wie das erste Beispiel zeigt, dauert es mitunter Wochen oder gar Monate, bis nach einer Tat die Suchmaschinerie in Gang kommt. Dann wendet sich die Polizei an die Staatsanwaltschaft, diese prüft und leitet das Ersuchen in den allermeisten Fällen weiter ans Amtsgericht. Zuständig für Delikte, die in Mülheim begangen worden sind, ist die Staatsanwaltschaft Duisburg, Ermittlungen übernimmt das dortige Amtsgericht.

Stets handelt es sich um Einzelfall-Entscheidungen

Insgesamt fünf Juristen sind als Ermittlungsrichter für den gesamten Landgerichtsbezirk tätig. Sie entscheiden: Darf das Foto an die Medien weitergereicht, kann es bei Facebook gezeigt werden? Stets handelt es sich um Einzelfall-Entscheidungen. Eine Straftat „von erheblicher Bedeutung“ muss vorliegen, was alles unter einem Jahr Höchststrafe ausschließt.

Sehr häufig wird die Fotofahndung, zumindest im Bereich Duisburg, aber noch nicht eingesetzt. Es seien „weniger als zehn Fälle im Monat“, berichtet Dr. Rolf Rausch, Sprecher des Amtsgerichts. Den größten Anteil machen nach seinen Angaben Versuche aus, mit gestohlenen Bankkarten eine Abhebung vorzunehmen. „Denn die Kameras an den Geldautomaten sind mit einer so hohen Auflösung ausgestattet, dass eine Fahndung mit Bild große Erfolgsaussichten hat.“

Bei Bagatellen werden Bilder nicht veröffentlicht

Gleiches gelte etwa für Tankstellen, die per Video überwacht werden. Doch aufgrund der gesetzlichen Hürden werden die Bilder bei Bagatellen nicht veröffentlicht.

Man müsse abwägen, erklärt Rausch, denn eine Fotofahndung sei „ein ganz gravierender Eingriff in das Persönlichkeitsrecht“. Daher reicht in der Regel auch ein kleiner Diebstahl nicht aus. „Wenn jemand in die Tankstelle kommt und ein Snickers klaut, werden wir das Bild sicher nicht freigeben. Anders sieht es aus, wenn jemand mit vorgehaltener Waffe Geld fordert.“

Manche Fälle lösen sich ganz einfach: Kürzlich machten zwei Smartphone-Diebinnen in Essen mit dem geklauten Gerät gleich ein Selfie und lächelten in die Kamera. Als das Foto in der Cloud der Bestohlenen auftauchte, freute sie sich auch.

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