Premiere

Ruhrorter: Premiere mit Goethe an einem Unort

Ruhrorter-Premiere von „Ich hielt in meinen Armen das Unmögliche“ in der ehemaligen Verwaltungszentrale von Kaiser’s/Tengelmann.

Foto: Herbert Höltgen

Ruhrorter-Premiere von „Ich hielt in meinen Armen das Unmögliche“ in der ehemaligen Verwaltungszentrale von Kaiser’s/Tengelmann. Foto: Herbert Höltgen

Mülheim.   „Ich hielt in meinen Armen das Unmögliche“: Kunstgruppe Ruhrorter macht Theater mit Geflüchteten und verarbeitet die Erfahrungen der Menschen.

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Der tiefe Bass pulsiert bis in den Bauch. Nebel setzt sich im rohen Betonraum ab wie Bombenstaub. Mittendrin eine Figur im Gegenlicht. Ist das eine Kriegsszene? Eine Geburt?

Der wuchtige Einstieg zum neuen Theaterstück „Ich hielt in meinen Händen das Unmögliche“ der Kunstgruppe Ruhrorter hält den Deutungsraum bewusst offen. Denn die Mülheimer Gruppe, die seit fünf Jahren kontinuierlich Kunst mit und von Geflüchteten auf die Bühne bringt, will durchdringen in eine öffentliche Debatte um Flüchtlinge, in der oft nur noch über die Menschen geredet wird statt mit ihnen.

Nicht nur Geschichten über Flucht und Kriegsgräuel

„Wir haben angefangen als noch niemand über eine Flüchtlingskrise gesprochen hat“, sagt Regisseur Adem Köstereli, der das Ruhrorter Projekt mit dem Theater an der Ruhr ins Leben rief. Er ist auch der Initiator dieses anderen Ansatzes nicht über sondern mit Geflüchteten Kunst zu schaffen, die sich eben nicht einfach in tragischen Geschichten über Flucht und Kriegsgräuel erschöpft.

Vielmehr werden die Erfahrungen der Menschen mit den Mitteln der Kunst verarbeitet, die Inszenierungen haben ihren eigenen ästhetischen Wert. Dazu zählen auch die besonderen Orte, die man für die Aufführungen nutzt: das ehemalige Frauengefängnis, Woolworth.

Für das neue Stück haben sich die Ruhrorter die verlassene Verwaltungszentrale von Kaiser-Tengelmann an der Ruhrorter Straße ausgesucht, die vorübergehend auch als Flüchtlingsunterkunft diente. Es ist ein abgewirtschafteter Unort aus rohem Beton, ein identitätsloses Vakuum, in das die Geflüchteten ihre Inszenierung gesetzt haben.

Goethe als Basis der Auseinandersetzung

Sie kommt geschickt ohne viel Requisite aus, ist aber vielsagend: zwischen den Säulen ein Tonband, Mikrofone, die schwarz gekleideten Akteure begegnen sich, nehmen Positionen zueinander ein. Fast wie ein Kontrapunkt wirkt es da, dass der Deutschen Dichterliebling Goethe die Basis der Auseinandersetzung mit den eigenen Erfahrungen bildet. Der Gegensatz ist allerdings nur scheinbar. „Das war eine Nacht! Wilhelm! Nun überstehe ich alles. Ich werde sie nicht wiedersehn!“ Goethes „Werther“ zwischen Euphorie und Abschied knüpft durchaus an die eigenen Erfahrungen der Geflüchteten an. Direkter noch fügen sich Zitate aus seiner Novellensammlung „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“ ein.

Goethe als Botschafter und kultureller Transmissionsriemen? Das zeigt, wie nah sie eigentlich sind: die deutschen Erfahrungswelten und die der Geflüchteten.

Weitere Vorstellungen an der Ruhrorter Straße 108 sind zu sehen am 8., 9., 10., 16., 17. und 18. Juni. Beginn ist jeweils 19:30 Uhr.

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