Interview

Stadtarchiv-Chef verlässt Mülheim „mit einem weinenden Auge“

Elf Jahre lang hat Dr. Kai Rawe (49) das Mülheimer Stadtarchiv geleitet. Im Dezember wechselt er nach Bochum, wo er studiert hat und seit vielen Jahren lebt. Geboren ist Rawe in Altena.

Elf Jahre lang hat Dr. Kai Rawe (49) das Mülheimer Stadtarchiv geleitet. Im Dezember wechselt er nach Bochum, wo er studiert hat und seit vielen Jahren lebt. Geboren ist Rawe in Altena.

Foto: Martin Möller / FUNKE Foto Services

Mülheim.  Für Dr. Kai Rawe wird es ernst: Er verlässt das Mülheimer Stadtarchiv, wechselt nach Bochum. Aber den Vorsitz des Geschichtsvereins behält er.

Keine drei Wochen mehr, dann räumt Dr. Kai Rawe sein Büro. Elf Jahre lang hat er das Mülheimer Stadtarchiv geleitet, nun wechselt er in gleicher Position nach Bochum. Im Interview wirkt der 49-Jährige so, wie viele ihn kennen und mögen: gut aufgelegt, eloquent, engagiert. Er verspüre aber auch ein „mulmiges Gefühl“, weil der Abschied nun nahe rückt - so eröffnet Rawe das Gespräch.

Sie haben sich immerhin freiwillig in Bochum beworben.

Dass ich zu einem größeren Archiv wechseln kann, noch dazu in die Stadt, in der ich seit langem wohne, ist beruflich ein Glücksfall. So eine Chance hätte ich vielleicht nie mehr bekommen. Ich verlasse Mülheim aber nicht, um wegzugehen, sondern ich gehe mit einem ehrlich weinenden Auge.

Wechsel nach Bochum ist ein beruflicher Glücksfall

Werden Sie künftig auch neue Aufgaben haben, die es in Mülheim nicht gab?

Was wir hier nicht haben, ist die institutionelle Anbindung an die Universität. In Bochum gibt es Lehrveranstaltungen des Stadtarchivs für angehende Historiker. Das ist eine interessante Facette, die ich gerne kennenlernen möchte. Die Kernaufgaben sind aber vergleichbar, Themen wie Digitalisierung, Bestandserhaltung. Wir haben seit dem Umzug in die ehemalige Augenklinik vor sechs Jahren auch verstärkt eigene Ausstellungen gemacht. Das bringe ich als Erfahrung mit für das Stadtgeschichtliche Museum in Bochum.

Sie arbeiten schon seit 2006 hier im Haus und kennen die Sammlung sehr genau. Wenn im Mülheimer Stadtarchiv Feuer ausbrechen würde, und Sie könnten nur drei Stücke retten, welche wären das?

Das kann ich so nicht sagen. Alles hat seine Berechtigung, ob es ein Ratsprotokoll von 1973 ist oder eine mittelalterliche Urkunde. Es gibt keine Archivarien erster, zweiter, dritter Klasse.

Was hat Ihnen bei Ihrer Arbeit in Mülheim besondere Freude gemacht?

Was mir unwahrscheinlich gut gefallen und großen Auftrieb gegeben hat, war 2011 unsere erste Ausstellung im Haus Ruhrnatur mit Postkarten aus Mülheim. Wir hatten aber auch schon großartige Projekte mit Schulen, zum Beispiel mit der Grundschule Heinrichstraße, deren Projekttage teilweise bei uns stattfinden. Das sind dann Kinder aus der dritten oder vierten Klasse. Mit pubertierenden Jugendlichen ist es natürlich etwas anderes, die lassen sich schwerer motivieren.

Aha-Erlebnisse bei der Arbeit mit Jugendlichen

Das kann man sich vorstellen...

Aber auch da gibt es Aha-Erlebnisse: Wenn wir hier konkrete Quellenarbeit anbieten, macht es manchmal bei den größten Chaoten „Klick“ - wenn sie erfahren, dass auch in Mülheim früher eine Synagoge stand oder Lehrer aus ihrer eigenen Schule in der Nazi-Zeit deportiert worden sind.

Werden die Schulprojekte fortgeführt, wenn Sie nicht mehr in Mülheim sind?

Auf jeden Fall. Das sollte Standard sein bei einem „Haus der Stadtgeschichte“. Außerdem bin ich hier nicht der Einzige, der das macht. Das Projekt „Stolpersteine“ betreut beispielsweise meine Kollegin.

Fast 14 Jahre waren Sie in Mülheim tätig. In dieser Zeit hat sich die Stadt massiv verändert. Was würden Sie sagen: eher positiv oder negativ?

„Die“ Stadt gibt es ja gar nicht. Es gibt den Stadtraum, die Stadtgesellschaft, es gibt immer Baustellen. Aber in den vergangenen Jahren ist auch einiges ins Rollen gekommen, was der Stadt gut getan hat. Es gibt auf der anderen Seite, auch für uns spürbar, das Problem der städtischen Finanzen. Und da ist die Lage nicht besser geworden. Im Gegenteil. Das beeinflusst auch unseren Arbeitsalltag.

Wie ist die finanzielle Lage in Bochum?

Wirtschaftlich geht es der Stadt etwas besser als Mülheim. Das hat sich gewandelt. Nach den großen Werksschließungen von Nokia und Opel gibt es inzwischen eine hoffnungsvolle Entwicklung, was qualifizierte Arbeitsplätze angeht.

Sehr viel Wertschätzung trotz der Finanzkrise in Mülheim

War die Finanzkrise der Stadt Mülheim für Sie auch ein Grund, sich anderswo zu bewerben?

Nein, sicher nicht. Ich habe die Erfahrung gemacht: Trotz aller Schwierigkeiten der Finanzlage gibt es viele Kolleginnen und Kollegen im Kulturbetrieb, die sich bemühen, etwas Gutes für die Stadt auf die Beine zu stellen. Dort habe ich sehr viel Wertschätzung und gegenseitige Unterstützung erfahren.

Am nächsten Mittwoch, 20. November, halten Sie im Stadtarchiv Ihren Abschiedsvortrag. Er heißt „Wiedersehen macht Freude! Ein Streifzug durch Mülheims Stadtgeschichte“. Um 19 Uhr geht es los. Was erwartet die Gäste?

Ein Art Rundumschlag, ein Parforceritt durch fast 800 Jahre Stadtgeschichte. Unser ältestes Stück ist ja eine Urkunde aus dem Jahr 1221. Wer mir also noch mal die Hand schütteln möchte, ist herzlich willkommen.

Gibt es anschließend eine Abschiedsfeier?

Das ist nicht geplant. Üblicherweise erfolgt auch keine offizielle Verabschiedung durch die Stadt. Ich bin nicht der Nabel der Welt. Wenn ein Abteilungsleiter die Stelle wechselt, ist das kein Grund für einen offiziellen Festakt des OB. Mir ist es aber ein sentimentales Anliegen, mich in angemessener Form zu verabschieden. Daher hoffe ich, dass viele zu dem Vortrag kommen. Andererseits: Ich bin ja nicht aus der Welt.

Wird man Sie auch künftig noch in Mülheim sehen?

Ganz sicher. Ich breche hier nicht alle Brücken ab. Ich werde auch künftig beobachten, wie sich das Haus hier entwickelt, werde natürlich weiterhin persönliche Kontakte pflegen und Veranstaltungen besuchen. Außerdem bin ich Vorsitzender des Mülheimer Geschichtsvereins. Und das werde ich vorläufig auch bleiben.

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