Theater

Theater an der Ruhr lässt verstorbene Geflüchtete sprechen

Das Kollektiv Ma'louba am Theater an der Ruhr findet starke Bilder (hier aus dem Stück „Ya Kebir“) für die Situation der Opfer von Diktatur und Gewalt. Ihr neues Stück „Reine Formsache“ greift physische und psychische Grenzen auf.

Das Kollektiv Ma'louba am Theater an der Ruhr findet starke Bilder (hier aus dem Stück „Ya Kebir“) für die Situation der Opfer von Diktatur und Gewalt. Ihr neues Stück „Reine Formsache“ greift physische und psychische Grenzen auf.

Foto: Gianmarco Bresadola

Mülheim.  In „Boat Memory“ inszeniert Roberto Ciulli in Mülheim Geschichten von Geflüchteten durch die Augen einer Gerichtsmedizinerin. Die Premieren.

Als „großen Zauberkasten“ lobte die Kritik unlängst die gleich aus mehreren Gründen spektakuläre Premiere von Enzensberger „Untergang der Titanic“ im Theater an der Ruhr. Am Raffelberg ruht man sich darauf nicht aus: Im November und Dezember legt das TAR zwei Premieren nach: In „Reine Formsache / Borders“ und „Boat Memory“ werden abermals gesellschaftliche Fragen laut nach ihren inneren und äußeren Grenzen.

Syrisches Kollektiv Ma’louba kritisiert Diktatur und Gewalt

Das syrische Künstlerkollektiv „Collective Ma’́louba“ greift seit ihrer Gründung am TAR vor zwei Jahren kritische Themen auf, die in ihrer von Bürgerkrieg und Religion zerstörten Heimat so nicht möglich wären: Spontanen Applaus von Frauen aus dem Publikum erntete etwa eine schallende Ohrfeige in der letzten Produktion „Days in the sun“, als sich so eine junge Frau gegen die Demütigungen ihres Partners wehrte.

Und gleichzeitig beschäftigen die Fragen des Kollektivs zum Stand von Gleichberechtigung und Emanzipation von Lebensweisen nicht nur die Gesellschaft in Syrien. Zwei weitere Stücke lieferten Ma’louba ab: „Your Love is fire“ und „Ya Kebir“. Im letzteren zeigten die Theatermacher, wie Diktatur und politische Gewalt bis in die Familien hinein wirkt.

Auch „Reine Formsache“ lotet physische und psychische Grenzen aus. Obwohl noch wenig bekannt ist über die Produktion, erscheint zumindest die Thematik angesichts der erneuten Auseinandersetzungen im Norden des Landes aktueller denn je. Regisseur Mudar Alhaggi arbeitet dafür zum ersten Mal mit seinem Landsmann, dem Theatermacher Wael Ali zusammen. Auch Ali ist für ein politisches Theater bekannt: In „Unter einem hängenden Himmel“, etwa thematisierte er die paradoxe Situation zwischen Künstlern, die ihre Kunst im Exil ausüben müssen, und der oft brutalen Realität in ihrer Heimat.

Den Namenlosen ihre Würde wiedergeben

Vom Meer, dem drohenden Untergang – aber auch von der Hoffnung erzählt Roberto Ciullis neues Theaterstück Boat Memory. Und dennoch erzählt es ein „Flüchtlingsdrama“ auf ganz unerwartete Weise. Denn Grundlage der Inszenierung ist der Roman „Gestrandet“ des marokkanischen Autors Youssouf Amine Elalamy. Darin erzählt er die Geschichten von 13 Menschen, die bei der Flucht in einem Boot umgekommen sind, aus verschiedenen Perspektiven.

„Am Ende Zahlen, keine Stimmen, Namenlose. Viele trugen ein winziges Säckchen Erde mit sich, fest ins T-Shirt eingenäht, Erinnerung an die Heimat. Wo die war, lässt sich nicht sagen. Die Körper wurden aus dem Mittelmeer geborgen“, heißt es in Ciullis Theatervariante „Boat Memory“.

Dort kommen die Betroffenen nicht direkt selbst zu Wort: Die Mailänder Professorin für Gerichtsmedizin, Cristina Cataneo, und ihre Mitarbeiter haben den Auftrag angenommen, die Identität von Leichen festzustellen. Es sind Menschen, die mit Booten aus Libyen und anderswo versuchten, vor dem Krieg in ihrer Heimat zu fliehen, nach Europa zu kommen, und dabei ums Leben kamen. Doch Cataneo rekonstruiert ihre Geschichte aus den Leichen und Fundstücken. Sie will ihnen auf diese Weise ihre Namen und ihre Würde zurückzugeben.

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