Segelflieger

Abenteuer Segelfliegen: Im Cockpit über die Schwarze Heide

Nahezu lautlos gleiten Segelflugzeuge durch die Luft. Der Flugsportverein (FSV) Oberhausen/Duisburg besitzt insgesamt sechs Maschinen.

Nahezu lautlos gleiten Segelflugzeuge durch die Luft. Der Flugsportverein (FSV) Oberhausen/Duisburg besitzt insgesamt sechs Maschinen.

Foto: Christoph Wojtyczka / FUNKE Foto Services

Oberhausen/Dinslaken.   Im FSV Oberhausen/Duisburg lernt ein Oberhausener Ehepaar, ein Segelflugzeug zu beherrschen. Unser Reporter hat sich mit ins Cockpit gesetzt.

Es dauert kaum etwas mehr als einen Wimpernschlag und der Flieger beschleunigt auf 100 Stundenkilometer. In einem steilen 45-Grad-Winkel geht’s nach oben, der Horizont verschwindet für einen Moment, ehe wir Sekundenbruchteile später eine Höhe von knapp 300 Metern erreichen. Nur noch das Schleppseil ausklinken und wir sind vogelfrei. So rasant ist ein Windenstart mit einem Segelflugzeug. Nichts für schwache Nerven und empfindliche Mägen. Dafür braucht man kein Motorflugzeug, das einen im Schlepptau in luftige Höhen befördert.

Segelflieger sind auch gute Meteorologen

Der Reporter sollte eine Vorstellung davon bekommen, wie es sich anfühlt, in einem Segelflugzeug zu fliegen, ehe er über die Menschen schreibt, die dies Woche für Woche in ihrer Freizeit tun. So wie Patrick und Saskia Haloschan aus Sterkrade, die sich im April beim Flugsportverein Oberhausen/Duisburg angemeldet haben und nun drauf und dran sind, ihre Segelfluglizenz zu machen. Mitnehmen dürfen die beiden mich noch nicht, deshalb hat mich der erfahrene Flugsportler Andreas Pust in die nagelneue 160.000-Euro-Vereins-Maschine eingeladen. Nun gleiten wir am Pfingstsonntag im Zweisitzer rund um den Flugplatz Schwarze Heide.

Ein Tag, der gutes Segelflugwetter verspricht. Die Thermik könnte wahrlich besser sein, lässt mich Pilot Andreas oben in der Luft wissen. Damit meint er besondere Aufwinde, die sich durch Sonneneinstrahlung am Boden bilden und als warme Luft nach oben steigen. Segelflieger, lerne ich, sind immer auch gute Meteorologen. Und prompt klappt hinter mir ein kleiner Hilfsmotor aus. „Das hilft uns, bei diesen Verhältnissen an Höhe zu gewinnen“, erklärt mein Vordermann, der ständig Himmel und Boden in den Blick nimmt. Er sucht nach Schäfchenwolken (Cumuluswolken), die am Vormittag noch auf sich warten lassen. Sie geben Hinweise auf gute Thermik.

Mit den Aufwinden in die Höhe

Denn beim Segelfliegen geht es vor allem darum, diese speziellen Aufwinde zu nutzen, um immer höher zu steigen. Nach ein paar Minuten ist der Motor schon wieder eingeklappt und der eigentliche Spaß beginnt.

Andreas schraubt das Flugzeug spiralförmig immer weiter nach oben, begleitet vom Piepen des Variometers. „Wenn der Ton höher wird, bedeutet es, dass wir steigen, wenn er tiefer wird, sinken wir“, erklärt er das Instrument. Alles klar. „Aber ein paar Minuten Geradeaus-Flug wären auch nicht schlecht“, gebe ich zu verstehen. So langsam ist mir doch etwas flau im Magen.

„Segelfliegen ist wie Kurzurlaub“

Knapp eine Stunde zuvor habe ich dem Oberhausener Ehepaar Haloschan noch tiefenentspannt bei der Vorbereitung der Maschine über die Schulter geschaut. Landeklappen, Seiten-, Höhen- und Querruder wurden überprüft, Flügelenden (sogenannte Winglets) gesteckt und die Instrumente auf Funktionstüchtigkeit gecheckt. Dabei hat Tochter Leah (8) noch fleißig mitgeholfen, die am liebsten mitfliegen will, aber noch zu klein für das Flugzeug ist.

Regeln sind Regeln – und gewissenhafte Vorbereitung gehört beim Segelflugsport einfach dazu. Beruhigend: Ohne Fallschirm fliegt hierzulande niemand einen Gleiter. Hoch oben über der Schwarzen Heide gibt mir das ein zusätzliches Sicherheitsgefühl. Zeit durchzuatmen und das schier endlose Panorama zu genießen: Im Süden erkennen wir den sonst so wuchtigen Gasometer als Miniatur, eine Kurve weiter der Rhein als schimmernd blaue Wasserlinie, die sich durch die Landschaft schlängelt. Einfach nur überwältigend.

Mein Adrenalinpegel ist mittlerweile nicht mehr so hoch wie beim Start. Ich genieße diese unglaubliche Ruhe. Denn kein Propeller, keine Turbine stört das wunderbare Gefühl des Fliegens, getragen nur von den Winden. „Für mich ist das wie Kurzurlaub“, sagt Andreas Pust, der auf Streckenflügen schon einmal gut 500 Kilometer am Stück unterwegs ist, in Höhen von bis zu 2700 Metern. Von so hoch oben lässt es sich etliche Kilometer weit gleiten, wie auf einer unsichtbaren Rutsche aus Luft, nur um sich dann wieder Richtung Himmel zu schrauben. Möglich macht das die hervorragende Aerodynamik der Segelflugzeuge.

Pilotenausbildung soll gegen Flugangst helfen

Flugschüler Patrick Haloschan erzählt am Boden, dass sich ein unglaubliches Gefühl der Entspannung bei ihm einstellt, wenn er in einem Segelflugzeug sitzt. „Man bewegt sich in den Elementen, wird mit einem einmaligen Blick in die Weite belohnt. Alle Probleme des Alltags, alles was einem im Beruf beschäftigt, bleibt am Boden und ist schnell vergessen.“ Mit 14 Jahren hat ihn das Segelflugfieber schon einmal gepackt. Jetzt, ein Vierteljahrhundert später, will er die Pilotenausbildung abschließen. Ein bisschen sind aber auch die Kinder dafür verantwortlich.

Tochter Leah und ihr elfjähriger Bruder Noah wollen mit den Eltern endlich mal in den Urlaub fliegen – also mit einer großen Passagiermaschine. Papas Fliegerleidenschaft war wieder entfacht, jedoch wollte Mama Saskia da nicht mitmachen. „Ich hatte früher richtig Flugangst“, erzählt sie. „Mein Mann hat mich dann zum Segelfliegen überredet. Jetzt versuche ich damit, meine Angst zu überwinden.“ Bei den ersten Segelflugstarts habe sie kaum atmen können, so langsam gewöhnt sie sich aber ans Fliegen. Wenn es so weitergeht, steht im Herbst dann der erste Urlaubsflug mit der Familie an.

Landung auf der Wiese

Mein Kurzurlaub zwischen Dinslaken und Oberhausen endet mit einem gekonnten Landeanflug von Pilot Andreas Pust. In unserem schwan-weißen Zweisitzer mit einer majestätischen Flügelspannweite von 18 Metern gleiten wir die letzten hundert Meter Richtung Flugplatz. Aber nicht die asphaltierte Landebahn haben wir im Blick, wir setzen der Maschine zuliebe auf der weicheren Wiese daneben auf. Es rumpelt ein wenig, als wir mit den Rädern auf dem Boden aufsetzen, dann kommen wir nach wenigen Metern bereits zum Stehen. Welch ein erhabenes Gefühl, so schwebend leicht durch die Lüfte zu gleiten, aber genauso schön ist es, am Ende des Tages wieder Boden unter den Füßen zu spüren.

„Segelfliegen ist ein Teamsport“

Etwa 100 Mitglieder im Alter von 16 und 80 Jahren zählt der Flugsportverein (FSV) Oberhausen/Duisburg. Von den etwa 20 aktiven Segelfliegern packen am Wochenende alle mit an, damit der Flugbetrieb überhaupt losgehen kann. Die Wochenenden sollte man sich als Flugsportler auf jeden Fall freihalten. Gerade im Sommer verbringt man gute zehn Stunden auf dem Flugplatz.

Der Tag beginnt in der Regel mit dem „Morgenbriefing“, bei dem sich alle Flieger über die aktuellen Wind- und Wetterbedingungen informieren. Auch am Abend wird der Flugtag nochmal reflektiert und über eventuelle Probleme gesprochen. Dann geht’s für alle an die Vorbereitung der Maschinen.

Kein elitärer Sport

„Segelfliegen ist ein Teamsport. Damit einer in die Luft gehen kann, brauchen wir mindestens fünf Leute“, erklärt Birgit Hennig-Friebe, Fachschaftsleiterin Flugsport beim Stadtsportbund Oberhausen.

Benötigt werden ein Startleiter, der zur Flugaufsicht in einem selbstgebauten Tower sitzt; Helfer, die die Schleppwinden fahren, mit denen die Flugzeuge in die Höhe gezogen werden, und Leute für den Transport der Flugzeuge.

Im Verein sind alle per Du, Mann und Frau arbeiten Hand in Hand. „Segelfliegen hat nichts Elitäres – vom Handwerker bis zum Studenten ist hier jeder vertreten“, sagt Birgit Hennig-Friebe.

Drei Doppelsitzer, zwei Einsitzer und ein Motorsegler gehören dem Verein. Zehn ehrenamtlich tätige (und lizensierte) Fluglehrer teilen ihre Begeisterung mit dem Flieger-Nachwuchs. Im Vergleich zu Sportarten wie Reiten oder Golf ist der Segelflugsport bezahlbar: 300 Euro kostet der Beitrag für Jugendliche im Jahr, 460 Euro Erwachsene (im Schnupperjahr 360 Euro). Dazu kommen Kosten von 3,50 Euro je Start und jährliche Untersuchungen beim Fliegerarzt. Weitere Infos zur Segelflugausbildung und zu Schnupperflügen auf www.fsv-obdu.de .

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