Coronakrise

Altenheime in Oberhausen: Freude und Tränen am Besucher-Zaun

Herbert Wolter (90) unterhält sich am vergangenen Sonntag in der DRK-Seniorenresidenz an der Grenzstraße in Oberhausen mit seinen Kindern Petra und Frank.,

Herbert Wolter (90) unterhält sich am vergangenen Sonntag in der DRK-Seniorenresidenz an der Grenzstraße in Oberhausen mit seinen Kindern Petra und Frank.,

Foto: Martin Möller / FUNKE Foto Services

Oberhausen.  Distanz war oberstes Gebot bei den ersten Besuchen, die zum Muttertag in Pflegeheimen in Oberhausen zugelassen waren. Sie fanden draußen statt.

Sieben Wochen Besuchsverbot in Alten- und Pflegeheimen, sie haben auch in der DRK-Seniorenresidenz an der Grenzstraße in Alt-Oberhausen und im Seniorenzentrum Gute Hoffnung in Sterkrade ihre Spuren hinterlassen. Erstmals dürfen Angehörige wieder kommen, aber meist nur bis an den Zaun der Einrichtung. Das wird unterschiedlich angenommen.

Von 10 bis 16 Uhr alles ausgebucht

An der Grenzstraße betreibt das DRK seit drei Jahren seine neueste Einrichtung mit 74 Pflegeplätzen. Die Anmeldeliste hier ist am Muttertag von 10 bis 16 Uhr ausgebucht. Drei Gesprächsmöglichkeiten gibt es, zwei davon draußen für nicht-bettlägerige Bewohner. Im 30-Minuten-Takt wechseln sich die Angehörigen dabei ab, meist zu zweit. Das Heim hat für diesen Tag 40 Anmeldungen. Helga Grotthaus (71) und ihr Mann Wolfgang (73) haben am Vormittag an einem Tisch vor dem schulterhohen Zaun Platz genommen, der das Grundstück nach hinten begrenzt. Auf der anderen Seite des Zauns sitzt ihnen Anna Trepper (96) gegenüber.

„Meine Mutter ist nach zwei Oberschenkelhalsbrüchen an den Rollstuhl gefesselt“, berichtet Helga Grotthaus später. Bis Mitte März hatte sie sie alle ein bis zwei Tage besucht. Seitdem ging es nicht mehr. Jetzt fällt die Verständigung mit ihr über die Distanz von zwei Metern schwer. Immerhin hat man wieder Kontakt. „Sie vergisst ohnehin nach wenigen Minuten, dass wir da waren“, sagt die Tochter.

Die größte Sorge: Überlebt Mutter die Zeit?

„Die größte Sorge war, dass es mit ihr in dieser Zeit zu Ende geht“, berichten die Eheleute. Aber nach Auskunft von Heimleiterin Susanne Strate-Nürnberg (52) wäre dann ausnahmsweise und unter strengen Hygienevorgaben der Besuch auf dem Zimmer möglich gewesen.

Das Gartentor an der Grenzstraße ist geöffnet. Bewohnerinnen mit Rollator können es noch gar nicht fassen, dass sie nach draußen dürfen. Denn das war wochenlang nur mit einer Betreuungskraft möglich. Eine alte Dame muss sich erst wieder ans Gehen gewöhnen. Nicht allen ist an diesem Tag bewusst, dass sie auch Besuch empfangen dürfen.

Auf einer der Bänke im Garten wartet ein alter Herr auf seinen Besuch. Als seine Kinder Andreas (59) aus Oberhausen und Martina (50) aus Bochum an der Reihe sind, nehmen sie an einem Tisch auf der Terrasse Platz. Ihr Vater (85) hat sich in gebührendem Abstand in den Gemeinschaftsraum des Hauses begeben. Natürlich wird zuerst über Corona gesprochen. Andreas sah bis dahin zwei Mal pro Woche nach dem alten Herrn, seine Schwester etwas seltener.

Sieben Wochen nur telefoniert

„Wir haben am Telefon immer gehört, alles ist gut“, berichtet der Sohn. Jetzt habe man sich selbst überzeugen können. Leider dürfe man offiziell ja nicht mal Fotos von den Urenkeln oder vom Friedhof zeigen. Schließlich ist der Vater Witwer, war vor Corona noch mit dem E-Mobil beweglich. „Wir hoffen, dass er damit auch in ein paar Monaten wieder flott unterwegs ist“, sagen die Geschwister.

Auch in Sterkrade spielt sich der Besuchskontakt am Außenzaun der Einrichtung ab. Sechs Stühle stehen auf der einen Seite. Die Angehörigen müssen auf der anderen Seite stehen. Donata Kruse vom Sozialen Dienst des Hauses passt hier auf. „Regen gibt es erst heute Abend“, sagt sie voraus. Auch unter den 80 Bewohnern hier gibt es bislang keinen Corona-Fall.

19 Angehörige haben ihren Besuch angekündigt. Folglich sind auch spontane Besuche möglich. Silvia Zimmermann (60) aus Kirchhellen wartet am Zaun auf ihre Mutter Lydia Löw (88). Nach dem Mittagessen wird sie nach draußen geführt. Seit Ende 2018 ist sie in der Einrichtung. Hier im Heim, gesteht die Tochter, habe sie zu ihrer Mutter wieder einen „Draht“ gefunden. Umso bedauerlicher sei die lange Trennung. Beim Abschied von der alten Dame kullern die Tränen.

Besonders schwierige Eingewöhnung

Für ein Geschwisterpaar, er 62 Jahre alt und aus Osterfeld, sie 59 Jahre und aus Sterkrade, ist der Besuch noch schwieriger. Denn die Heimunterbringung ihrer Mutter (84) fiel in die Corona-Zeit. „Unsere Mutter ist erst seit acht Wochen hier, musste nach Oberschenkelhalsbruch und Kurzzeitpflege ihre Wohnung aufgeben.“ Die Tochter freut sich, dass die Mutter wieder am Rollator gehen kann, wenn auch mit Begleitung. Der Sturz habe sie trotzdem mitgenommen, sie sei depressiv. Umso schlimmer sei der fehlende Kontakt.

Für Betreuerin Alexandra Meyer (51) waren die vergangenen Wochen die größte Herausforderung der letzten Jahre. Nicht allen Bewohnern tue der distanzierte Kontakt jetzt gut, sagt sie. In acht Wochen könne sich das Krankheitsbild ziemlich verändern. Demenzkranken sei das alles schwer zu vermitteln. „Das war schon herzzerreißend“, sagt sie.

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