Theater-Probe

Angst und Hoffnung des Flüchtenden aus dem KZ

Kaum zu erkennen: Theater-Musiker Martin Engelbach. Sieben wagen in „Das siebte Kreuz“ die Flucht durch die Kanalisation. Nur einer entkommt.

Foto: Anthony Palmer

Kaum zu erkennen: Theater-Musiker Martin Engelbach. Sieben wagen in „Das siebte Kreuz“ die Flucht durch die Kanalisation. Nur einer entkommt.

OBERHAUSEN.   Lars-Ole Walberg inszeniert „Das siebte Kreuz“ nach Anna Seghers. Sechs Schauspieler zeichnen einen Querschnitt der Gesellschaft von 1937.

Burak Hoffmann spricht jetzt noch langsamer, stockender. Selbst als Zuschauer, der vom Rang aus dieser Probe für „Das siebte Kreuz“ zusieht, ahnt man, wie dem Flüchtenden jetzt das Herz bis zum Hals schlagen muss: Gleich klopft Georg Heisler, dem KZ entkommen, in Frankfurt bei „seiner“ Leni an – doch die weist ihn brüsk zurück. Mit den sechs Schauspielern vom Oberhausener Ensemble feilt Lars-Ole Walburg an jeder Nuance dieser entscheidenden Szene: „Das größte Glück ist möglich – und die größte Enttäuschung wird uns erwarten.“ Die Premiere beginnt am Freitag, 9. März, um 19.30 Uhr.

Wie ein Springteufelchen hechtet Daniel Rothaug hervor: „Jeder, der ihn trifft, steht vor einer Entscheidung: Helf ich ihm oder helf ich ihm nicht?“ Die hohe, etwas keifende Stimme lässt sofort erkennen, wer hier spricht: Als „Kritikerpapst“ der FAZ hatte Marcel Reich-Ranicki den Roman von Anna Seghers in seinen berühmten „Kanon“ aufgenommen. „Es ist ein moralischer Konflikt nach dem anderen“, deklamiert mit gestischer Emphase seine Bühnen-Figur. Und wie Georg Heisler hatten der damals 23-jährige MRR und seine Frau Teofila den NS-Terror nur überleben können, weil mutige Helfer sie versteckten.

Für Lars-Ole Walburg dürfte die durchaus komisch angelegte Autorität Reich-Ranicki eine Hilfe sein im Umgang mit einer Autorin, „die überhaupt keinen Humor hatte“, wie der 53-Jährige konstatiert. Als Kind der DDR bekennt Walburg sein „sehr gespaltenes Verhältnis“ zur Kulturpolitikerin Anna Seghers (1900 bis 1983), die ein Vierteljahrhundert als Präsidentin des Schriftstellerverbandes der DDR stramm auf Parteilinie agierte. Die obligatorische Schullektüre „Das siebte Kreuz“, sagt Walberg, „hatte ich als Krimi abgespeichert – fürs Theater nicht schlecht.“

Denn Buch- wie Bühnen-Erzählung bleiben dicht beim jungen Kommunisten Georg Heisler, der zunächst mit sechs weiteren Häftlingen 1937 einem Konzentrationslager bei Worms entkommt – und dem als Einzigem die Flucht bis in die rettenden Niederlande gelingt.

„Wir sind heute so voll mit Wissen über das dritte Reich“, sagt Walburg, der in seinem ersten Berufsleben Kulturjournalist fürs Fernsehen war. Ihm geht es um Heislers Flucht, die zugleich – Reich-Ranicki hat’s pointiert beschrieben – ein Test ist für all jene, die vor der Entscheidung stehen, dem Fliehenden zu helfen. Bei Leni, seiner großen Enttäuschung, hat Heisler im Hausflur die schwarzen Schaftstiefel stehen sehen: Leni ist mit einem SS-Mann liiert. Und doch beschwört er sich selbst: „Sie wird mich nicht verraten. Sie darf mich nicht kennen.“

Der Intendant des Schauspiels Hannover inszeniert „Das siebte Kreuz“ für Oberhausen, wie Walburg sagt, „weil Seghers sich traute, einen Querschnitt der Gesellschaft zu zeigen“. Und die bestand, zwei Jahre vor dem Weltkrieg, eben auch aus sehr vielen Profiteuren des Dritten Reiches. „Selbst das Bild im Ausland war geprägt von Respekt.“ Auf der Bühne sprechen die Verfolger als Chor, der die Dringlichkeit dieser Flucht betont. Dazu lässt Martin Engelbach Tick-Tock-Beckenschläge wie ein Uhrwerk insistieren.

Georg Heislers Flucht als „Krimi“: Die dramatischen Zutaten hat das Ensemble parat.

Karten für die Premiere kosten von 12 bis 32 Euro. Tel: 0208 - 8578 - 184.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik