Menschen in O.

Aufstieg aus der Provinz

Rudolf Weinsheimer im Urlaub. Foto: Gerd Wallhorn / WAZ FotoPool

Rudolf Weinsheimer im Urlaub. Foto: Gerd Wallhorn / WAZ FotoPool

Foto: WAZ FotoPool

Oberhausen. Rudolf Weinsheimer war 40 Jahre lang Mitglied der Berliner Philharmoniker. Er war Initiator und Gründer der 12 Cellisten, die er in 25 Jahren zu Weltruhm führte.

Er organisierte die größten Cellokonzerte der Welt, im Jahr 2005 mit 1024 Cellisten im japanischen Kobe und 2010 mit 1023 Spielern in Hiroshima.

Zu seinem 80. Geburtstag erzählt der Mann, dessen Karriere in Oberhausen begann, wie ihm 1955 der gewaltige Sprung von der musikalischen Provinz in die Hauptstadt gelang. Kochtöpfe, Kaffeeduft und die Unterstützung seiner damaligen Zimmerwirtin spielen eine entscheidende Rolle.

Als erstes Theater in Deutschland hatte das Oberhausener Stadttheater 1947 nach dem Krieg wieder den Betrieb aufgenommen. Rudolf Weinheimer war bis 1952 Cellist im Orchester, während er an der Essener Folkwangschule studierte. Parallel zum Orchesterdienst leitete er das Volkshochschul-Jugendorchester bis er 1953 zur Nordwestdeutschen Philharmonie in Herford wechselte.

"Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!"

Es war im November 1955, als während der Rückfahrt von einem Konzert in Wanne-Eickel die Berliner Philharmoniker und deren neuer Dirigent Herbert von Karajan Gesprächsstoff des Herforder Orchesters waren. „Die suchen noch einen Cellisten“, sagte ein Kollege. Es war eine Stichelei, weil zwischen Herford und Berlin Welten lagen.

Doch der Wochenspruch im Schaufenster einer Buchhandlung, „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!“, den Weinsheimer auf dem Heimweg las, motivierte ihn, sich zu bewerben - obwohl er nicht daran glaubte, dass er zum Vorspiel eingeladen würde.

Doch genau dies geschah. Am 1. Mai des Jahres 1956 übergab ihm seine Wirtin den Eilbrief mit der Aufforderung, sich am 1. Juni vorzustellen.

Küchenkonzerte

Weinsheimer hatte also nur einen Monat Zeit, um sich vorzubereiten. Viel zu wenig. Einer Krankschreibung sei Dank hatte er wenigstens Gelegenheit, diese vier Wochen mit Üben zu füllen und so arbeitete er täglich acht bis zehn Stunden lang „um vor dieser Ehrfurcht gebietenden Jury wenigstens das Gesicht zu wahren“.

Doch weil einsames Spiel nicht wirklich voranbringt, bat er seine Wirtin „während der kommenden Wochen jeden Abend eine Stunde lang mein Karajan zu sein“.

Sie willigte ein und so begannen die unvergessenen Küchenkonzerte mit dem Duft frisch gemahlenen Kaffees. „Die Töpfe und Pfannen waren die Philharmoniker.“ Und Frau Wirtin bewies Talent als Kritikerin: „Herr Weinsheimer, ich habe zwar keine Ahnung, aber heute haben Sie anders gespielt als sonst!“ Tatsächlich hatte sie eine Unsauberkeit bemerkt.

Zwölf Kandidaten aus aller Welt

Im Probensaal der Philharmoniker fand die Wahl des neuen Cellisten statt. Zwölf Kandidaten aus aller Welt waren bereits mit dem Einspielen beschäftigt, als Weinsheimer dort eintraf. Der Orchestervorstand begrüßte die Anwesenden und verkündete die Reihenfolge. „Welch eine Erleichterung, als mein Name als zweiter fiel. Nur schwer hätte ich es ertragen, bis zum Nachmittag auf meinen Einsatz zu warten.“

Als er den Saal betrat, erwartete ihn das ganze Orchester sowie der Dirigent Karajan. „Dann geschah das Wunder. Ich wollte gerade anfangen, zu spielen, da öffnete sich die Tür zur Kantine und das Aroma frisch gemahlenen Kaffees erfüllte den Raum. Mir schwanden die Sinne. Karajan verwandelte sich in Frau Windmann, das Orchester in Töpfe und Pfannen.“ Die Nervosität fiel von dem Kandidaten ab, er befand sich wieder in der Herforder Küche. „Als ich aus meiner Besinnungslosigkeit erwachte, hatte ich Boccherinis A-Dur-Sonate so gut gespielt wie nie zuvor.“

Totenstille

Der Erfolg: Er schaffte es als einer von vier Musikern in die zweite Runde. Als er erfuhr, dass es nun galt, Orchesterstellen aus unterschiedlichen Werken vorzutragen, schwand sein Mut. „Passagen aus Strauss’ Don Juan - ein schweres Werk, vor dem mich mein Vater immer gewarnt hatte - nun sollte es über meine Zukunft entscheiden.“

Totenstille herrschte im Aufenthaltssaal, als die Vorspiele beendet waren. „Nie werde ich den Moment vergessen, in dem Ernst Fischer vor uns trat, um das Ergebnis zu verkünden: ,Herr Weinsheimer, die Wahl des Orchesters fiel einstimmig auf Sie!’ Das war der schönste und wichtigste Satz in meinem Leben. Tränen traten mir in die Augen und Schweiß auf die Stirn.“ Das Tor zum musikalischen Olymp stand nun offen.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben