Literatur-Festival

Aus dem Appell „Wir müssen reden“ wird nur bemühte Debatte

„Wir müssen reden“: Gila Lustiger (v.l.) und Ralph Erdenberger übernahmen den Großteil der Debatte neben Sozialarbeiter Burak Yılmaz. Den Schülern waren nur wenige Worte zu entwinden.

„Wir müssen reden“: Gila Lustiger (v.l.) und Ralph Erdenberger übernahmen den Großteil der Debatte neben Sozialarbeiter Burak Yılmaz. Den Schülern waren nur wenige Worte zu entwinden.

Foto: Morris Willner

Oberhausen.  Beim zweiten „Lit.Kid.Ruhr“- Vormittag im Theater warnen Autorin Gila Lustiger und Sozialarbeiter Burak Yılmaz vor „Verrohung“ auf dem Schulhof.

Ja-nein-weiß-nicht: So einsilbig, wie Pubertierende nun mal sein können, kann der Appell „Wir müssen reden!“ zur Zumutung werden. Und dann von eigenen Verletzungen reden zu sollen – oder davon, andere in der Klasse oder auf dem Schulhof beleidigt und gedemütigt zu haben – das konnte kaum gelingen.

Ralph Erdenberger als routinierter WDR-Moderator und die Autorin Gila Lustiger mühten sich mit Nachdruck, aus dem Appell eine Debatte zu machen. Schließlich ging es bei diesem zweiten „Lit.Kid.Ruhr“- Vormittag im Saal 2 des Theaters um den neuen Antisemitismus, darum, dass „Jude“ und „Opfer“ wieder als Beleidigungen eingesetzt werden.

Sie sei hier, erklärte die 55-jährige Literatin auf dem Heimweg nach Paris, „weil mich Antisemitismus zu Tode trifft“: Ihr Vater, der in Schlesien aufgewachsene Historiker Arno Lustiger, hatte als Jugendlicher fünf NS-Lager durchlitten. „Er wollte uns nie etwas erzählen“, sagt seine Tochter, „hat uns beschützen wollen.“

Brief an den Vater in Auschwitz

Das Verhalten, andere zu diskriminieren, erklärt sich Gila Lustiger so: „Keiner stigmatisiert andere, wenn es ihm gut geht. Menschen erniedrigen Mitmenschen, um sich selbst groß zu fühlen.“ – „Wir feiern Täter für ihre Gewalt und verlachen die Opfer“, erkannte Burak Yılmaz, der Sozialarbeiter in Duisburg-Marxloh und Dritte auf dem Podium.

„Ganz klar“, so Gila Lustiger: „Man diskriminiert, weil man schwach ist. Stark ist, wer gelassen durchs Leben geht.“ Doch wie Schwäche, Wut und Hass zu Instrumenten eines neuen Nazismus werden – diese Analyse blieb die eher psychologisch gestimmte Debatte schuldig. Burak Yılmaz verwies nur darauf, dass die „sogenannten sozialen Medien“ ihren Anteil an der Verrohung haben.

Bewegend war dann die kurze Hommage der Wahlpariserin Lustiger an Marceline Loridan-Ivens, die vor wenigen Tagen 90-jährig in Paris gestorbene Filmemacherin. Sie las aus dem „Brief“ an Szlama Rozenberg, ihren Vater, von dem Marceline in Auschwitz getrennt wurde: „Ich habe nur so wenig Zeit gehabt, mir einen Vorrat von dir anzulegen.“

Gila Lustiger verwies auf das Ende der Zeitzeugen-Ära: „Es gibt nur noch 250 Menschen auf der Welt, die von Auschwitz berichten können.“ Burak Yılmaz besucht regelmäßig die KZ-Gedenkstätte mit Jugendlichen aus Marxloh, um der Verrohung entgegen zu treten.

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