Aus für den Bergbau

Bergmann Ersin Baytekin schult zum Altenpfleger um

Ersin Baytekin schult zum Altenpfleger um; hier betreut er gerade Hannelore Wientjes im Bischof-Ketteler-Haus.

Ersin Baytekin schult zum Altenpfleger um; hier betreut er gerade Hannelore Wientjes im Bischof-Ketteler-Haus.

Foto: Jörg Schimmel / FUNKE Foto Services

Oberhausen.  27 Jahre unter Tage im Einsatz - und dann als Pfleger ab ins Altenheim? Ersin Baytekin wagt diesen Sprung in eine neue berufliche Zukunft.

Der Papa war auf der Zeche, der Bruder auch. „Junge, wenn die dich nehmen, bist du fein raus!“ Als Ersin Baytekin 16 Jahre alt und mit der Schule fertig war, fühlte er sich wie jemand, der den Sechser im Lotto gewonnen hat, als er mit der Ausbildung zum Bergmann auf Prosper Haniel begann. 27 Jahre war er unter Tage im Einsatz, hat viel malocht und gutes Geld verdient, bis Ende 2018 Schicht im Schacht war.

„Es war nicht einfach, die Arbeit zu verlieren“, sagt der heute 44-jährige Ehemann, Vater von zwei Söhnen, 19 und 23 Jahre alt. „Aber ich wusste, dass es irgendwie weitergehen muss.“ Er sagt auch, dass ihm nur ein halbes Arbeitsjahr gefehlt habe, um mit 49 Jahren seine Karriere unter Tage einfach beenden zu können, ohne dass jemand von ihm verlangt hätte, etwas Neues zu beginnen. Doch wenn es nun schon sein musste – „Ich hatte mich rechtzeitig beim Arbeitsamt gemeldet“ -, dann „auf jeden Fall etwas mit Menschen und etwas mit Zukunft“.

Durch eine Nichte kam er auf die Idee

Als er sein Ziel, examinierter Altenpfleger, seinem Arbeitsvermittler mitteilte, war der tatsächlich etwas erstaunt. Doch die Begründung hatte Baytekin da schon parat. Durch eine Nichte, die in der Branche tätig ist, kam er auf die Idee. Und: „Altenpfleger werden gesucht, besonders auch Männer.“ Daran, dass ihm der Job liegen könnte, zweifelte er nicht. „Ich habe meine beiden Eltern gepflegt, als sie Hilfe brauchten.“

Vom Bergmann zum Altenpfleger – ist ungewöhnlich aber nicht aussichtslos. Doch zunächst musste Ersin Baytekin wie alle, die sich für die Ausbildung zum Altenpfleger interessieren, ein Praktikum ableisten. Im Februar begann die „Bewährungsprobe“ im Seniorenzentrum Bischof-Ketteler-Haus des Katholischen Klinikums (KKO). Gut, dass es so schnell los ging für den Mann, der nichts mehr hasst als Langeweile. Die hatte er nicht, lernte kennen, wie knapp besetzt die Schichten sind. Aber er punktete schnell durch Talent im Umgang mit den Bewohnern des Hauses. Nicht nur sie, sondern auch Anna Chrobok, Koordinatorin für die Aus-, Fort- und Weiterbildung am KKO, erkannte sofort, dass hier jemand arbeitete, den sie unbedingt behalten wollte.

Gewissenhaftigkeit, Wertschätzung, Empathie und Teamfähigkeit

„Er bringt alle Fähigkeiten mit, die man in dem Beruf braucht: Gewissenhaftigkeit, Wertschätzung, Empathie und Teamfähigkeit. Ich war sofort davon überzeugt, dass er der Richtige ist für die dreijährige Ausbildung. Als er dann noch eine Extraschicht anbot, weil wir doch so schlecht besetzt wären, war ich vollkommen von ihm überzeugt, obwohl ich ihm natürlich sagen musste, dass das nicht geht.“

Ersin Baytekin wollte nun direkt loslegen, kümmerte sich um einen Platz an der Fachschule für Altenpflege der Awo, der ihm auch prompt zugesagt wurde. Doch „Ich will, sie wollen mich“ reichte in diesem Fall nicht aus. Das Ausbildungsgehalt hätte für Baytekin und seine Familie nicht gereicht, ohne Hilfe zum Lebensunterhalt zu beantragen. Dazu war und ist der stolze Bergmann nicht bereit. Doch es wurde, der guten Zusammenarbeit und dem neuen Qualifizierungs-Chancengesetz sei Dank, eine Lösung gefunden.

„Ich bin zum Glück nicht der Älteste in der Klasse“

„Natürlich muss ich Abstriche machen“, sagt Baytekin. Aber die sind, weil er als Hilfskraft im Ketteler-Haus einen Arbeitsvertrag hat und gleichzeitig die Ausbildung begonnen hat, für ihn erträglich. Die Ausbildung gliedert sich in Schul- und Praxisblöcke. Wie ist es für den 44-jährigen Familienvater, wieder die Schulbank zu drücken? „Ich bin zunächst mal froh, dass ich nicht der Älteste in der Klasse bin. Ich habe drei bis vier Wochen gebraucht, um mich einzugewöhnen. Und ich gebe zu, ich musste erst mal Lernen lernen. Das war ich nicht mehr gewöhnt. Und es ist schon komisch, wenn dein Sohn zur Arbeit geht und du zur Schule.“

„Mir hilft auch meine Lebenserfahrung“

Mittlerweile hat er sich eingewöhnt und ist überzeugt, dass er das Ziel erreichen wird. „Sonst hätte ich schon die Fahne hochgezogen, ich werde es zu Ende bringen.“ Viele Klausuren, die Zwischenprüfung und das Examen liegen noch vor ihm. Doch als talentierter Praktiker hat er jetzt schon bei allen, die für die Ausbildung verantwortlich sind und vor allem bei den Senioren im Ketteler-Haus einen Stein im Brett. „Mir hilft auch meine Lebenserfahrung.“

„Und, möchtest du von ihm gepflegt werden?“, fragt die Kollegin, der ich von meinem Treffen mit Ex-Kumpel Baytekin erzähle. Meine Antwort: „Auf jeden Fall.“

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