Zehnjähriges Firmenjubiläum

Bergmann und Kfz-Mechanikerin gründeten Ergotherapiepraxis

Einst Kfz-Mechanikerin und Bergmann, seit zehn Jahren Inhaber einer eigenen Physiopraxis: Bettina und Rüdiger Genz schafften erfolgreich den Berufswechsel.

Foto: Christoph Wojtyczka

Einst Kfz-Mechanikerin und Bergmann, seit zehn Jahren Inhaber einer eigenen Physiopraxis: Bettina und Rüdiger Genz schafften erfolgreich den Berufswechsel.

Oberhausen.   Rüdiger und Bettina Genz leiten seit zehn Jahren eine eigene Praxis. Dabei kommen die Eheleute eigentlich aus ganz anderen Berufsfeldern.

„Jeder meiner Patienten weiß, dass ich Bergmann bin.“ Rüdiger Genz ist stolz auf seine beruflichen Wurzeln. 25 Jahre arbeitete der 56-Jährige als Hauer hauptsächlich auf der Zeche Lohberg, bevor er eine Umschulung antrat. Mittlerweile führt er seit 2008 gemeinsam mit seiner Frau Bettina und den zwei Kindern eine eigene Praxis für Ergotherapie auf der Falkensteinstraße und für Logopädie und Podologie auf der Virchowstraße. Eine echte Familienangelegenheit.

Dabei war 2003 die Entscheidung, beruflich eine neue Richtung einzuschlagen, nicht über Nacht gefallen. „Ich habe mit 15 angefangen und war immer sehr gerne Bergmann“, berichtet Genz. Doch die Zusammenlegung der Zechen und das dadurch langsame Wegfallen des Gemeinschaftsgefühls unter den Bergleuten ließen erste Wechselgedanken aufkommen. „Früher sagte man immer: Ich geh’ auf meine Zeche. Später war es nur noch: Ich geh zur Arbeit.“

Mit 37 Jahren, also knapp zehn Jahre vor der Bergmannrente, fiel die Wahl auf die Ergotherapeut-Ausbildung. „Meine Schwägerin ist in diesem Bereich und hat mich neugierig gemacht“, so Genz. Heute hilft er täglich Menschen, eine durch Krankheiten, Schlaganfälle oder Behinderungen verlorene Bewegungsfreiheit wieder zu erlangen.

Dabei war es für Genz nicht nur eine Umstellung, im reifen Alter beruflich wieder bei Null zu starten, sondern auch, mit den Vorurteilen gegenüber des Bergmanns umzugehen. „Wenn man selbst in der Bergbausiedlung groß wird, hat man ein ganz anderes Selbstbild. Während der Ausbildung merkte ich aber mit Schrecken: Ich muss mehr leisten als andere, um die Klischees zu entkräften.“

Dies merkte Genz bereits vom ersten Tag, als er mit seiner Bergmanngruppe vor dem ausbildenden Arzt stand. „Er meinte, es sei eine blöde Idee, Bergmänner umschulen zu wollen. Die könne man nicht an den Mann bringen.“ Doch am Ende der drei Jahre sollte der Skeptiker seine Meinung revidieren. „Er hat sich bei uns allen entschuldigt und gesagt, wir seien der erste Kurs gewesen, der vom ersten bis zum letzten Tag mit vollem Einsatz dabei war.“

Nachdem Genz danach fünf Jahre lang in verschiedenen Praxen arbeitete, eröffnete er 2008 mit seiner Frau Bettina den eigenen Betrieb.

Die hatte ursprünglich mit 16 Jahren Kfz-Mechanikerin gelernt. „Das war damals ganz modern, dass Frauen in Männerberufe gehen.“ Doch letztlich scheiterte die weitere Ausübung auch daran, dass die Betriebe keine Umkleide für Frauen hatten.

Nachdem die 51-Jährige jahrelang als Tagesmutter und Verkäuferin an der Frischetheke im Supermarkt tätig war, entschied sie sich aus gesundheitlichen Gründen zur Umschulung als Logopädin (Sprachtherapie).

Richtige Entscheidung

Schnell konnten sich die zwei Berufswechsler nicht vor Patienten retten und stellten weitere Therapeuten ein. Auch die Kinder, Michael und Stefanie Genz, stiegen in den Familienbetrieb mit ein. Sieht man sich als geglücktes Beispiel für den Strukturwandel? „Viele aus der Bergbausiedlung haben uns damals davon abgeraten“, so Rüdiger Genz. „Heute sagen sie, wir haben uns genau richtig entschieden. Absitzen ist immer leichter, als Eigenverantwortung zu übernehmen.“

>>> ZEHNJÄHRIGES AUF DER ZECHE BONIFACIUS GEFEIERT

Gefeiert wurde das zehnjährige Bestehen passend zur Bergmannsgeschichte von Rüdiger Genz auf der Zeche Bonifacius (Essen). Rund 60 Freunde, Verwandte, Patienten und Mitarbeiter ließen sich bei einer Führung die Geschichte der Zeche zeigen.

Mittwochs sind die Eheleute Genz übrigens nicht in ihrer Praxis zu finden. Seite letztem April haben sie nämlich einen Großelterntag eingeführt, wo sich um die anderthalbjährige Enkelin gekümmert wird. „Und das war eine sehr gute Entscheidung.“

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