Hartz IV

Bewohner hausen in Schrottimmobilie – Jobcenter zahlt Miete

Thomas Saller vor seinem Wohnhaus an der Friedenstraße.

Thomas Saller vor seinem Wohnhaus an der Friedenstraße.

Foto: Kerstin Bögeholz / FUNKE FotoServices

Oberhausen.  Die Zustände im Wohnhaus an der Friedenstraße in Oberhausen beschreiben die Mieter als „menschenunwürdig“. Das Jobcenter zahlt dennoch die Miete.

Das Treppenhaus ist dreckig und stickig. Die Fußmatte ist herausgerissen, die Eingangstür ist kaputt, fällt nach jedem Öffnen mit einem unschönen Knall unsauber zurück in den Rahmen. Abschließen könne man sie schon seit Jahren nicht mehr, berichten die Mieter. Die Klingeln funktionieren auch nicht mehr, die Briefkästen sind beschmiert und größtenteils aufgebrochen. Es gibt nichts zu beschönigen: Thomas Saller lebt in einer Schrottimmobilie.

Und der Oberhausener hat einen schlimmen Verdacht: Den Eigentümern der rund 60 Wohnungen im Haus an der Friedenstraße 8 sei das vollkommen egal. Ihnen gehe es einzig und allein um die Rendite. Schließlich zahle das Jobcenter zuverlässig die Mieten für die hauptsächlich von Hartz IV lebenden Bewohner.

Dem Jobcenter fehlt die gesetzliche Handhabe

Sallers Miete beträgt 260 Euro warm für 28 Quadratmeter. Ab und an flattere auch eine undurchsichtige und in seinen Augen überzogene Nebenkostenabrechnung ins Haus. Seine Beobachtung: Sobald ein alter Mieter auszieht, würden die Mietverträge „angepasst“. Bis zu 400 Euro werden dann für die etwas größeren Wohnungen fällig. „Das ist die Grenze; mehr zahlt das Jobcenter nicht.“

Doch warum zahlt das Jobcenter überhaupt? „Weil uns die gesetzliche Handhabe fehlt, die Zustände vor Ort zu prüfen“, sagt Jobcenter-Sprecher Josef Vogt. Das Mietverhältnis bestehe zwischen Mieter und Vermieter; Mieter könnten selbstbestimmt entscheiden, in welcher Wohnung sie leben möchten. Sofern die Kosten für angemessen erachtet und übernommen werden. Was das Jobcenter sehr wohl prüfen kann, sind die Nebenkostenabrechnungen. „Und da ist uns die Adresse an der Friedenstraße bislang nicht aufgefallen.“

„Das heißt aber nicht, dass wir asozial sind“

Thomas Sallers größtes Ärgernis: Der schlechte Zustand des Hauses werfe auch ein schlechtes Bild auf die Mieter. „Die meisten haben ihr Päckchen zu tragen, vielen geht es nicht gut, wir haben keine Arbeit und kaum Geld“, sagt der Oberhausener. „Das heißt aber nicht, dass wir asozial sind.“ Doch betrachte man das Haus gegenüber dem neuen Jobcenter-Parkhaus an der Linsingenstraße, bekäme man eben genau diesen Eindruck, fürchtet Saller.

Eindringlich schildert er die Folgen der defekten Haustür: Obdachlose schlafen nachts im Eingangsbereich oder im Keller des Wohnhauses, Drogendealer gehen ein und aus, Abhängige nutzen die Abgeschiedenheit, um vor Ort ihre Drogen auch gleich zu konsumieren. „Spritzen liegen herum, die Obdachlosen verrichten ihre Notdurft in jeder Ecke, es ist ekelhaft.“

Einbrecher und Vandalen haben leichtes Spiel

Einbrecher und Vandalen hätten leichtes Spiel. „Wir melden das schon gar nicht mehr der Polizei, die meisten hier haben resigniert“, erzählt der 51-Jährige weiter. Die Zustände seien menschenunwürdig. Auch für eine Nachbarin, die auf den Rollstuhl angewiesen ist. Weil der Aufzug ständig defekt sei, „muss sich die Frau auf allen vieren in die dritte Etage robben“. Auch die Heizungen seien regelmäßig defekt, einmal habe er monatelang kein warmes Wasser gehabt.

Mehrfach habe er bei der Hausverwaltung um Hilfe gebeten. „Ich bekomme immer die gleiche Antwort: Die Mieter sind selber Schuld.“ Auch auf Anfrage unserer Redaktion weist die Verwaltung, die Parat Immobilien GmbH, alle Schuld von sich: Die Eingangstür sei vor Jahren ausgewechselt worden und werde jährlich repariert. „Jedoch werfen sich Bewohner gegen die Tür, da sie den Schlüssel vergessen haben“, heißt es in der schriftlichen Antwort. Auch die Briefkästen seien von den Mietern selbst aufgebrochen worden. Der Eingangsbereich des Hauses werde per Video überwacht, der Vandalismus regelmäßig bei der Polizei angezeigt.

Auch die Verwaltung ärgert sich über die Eigentümer

Aus der Antwort geht jedoch auch hervor, dass selbst die Verwaltung mit dem Verhalten der Eigentümer nicht immer einverstanden zu sein scheint: Die meisten Mieter sind der Verwaltung unbekannt. „Die Eigentümer vermieten selbst die Wohnungen und trotz mehrfacher Beschlüsse in der Eigentümerversammlung sind Mieterwechsel nicht gemeldet.“

Die Verwaltung schließt ihre Stellungnahme mit den Worten: „Wir können dem Mieter nur raten, sich an den Eigentümer zu wenden.“ Die Nachfrage, ob die Eigentümer für die Mieter auch erreichbar seien, blieb bislang unbeantwortet.

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