Stoag schult Fahrer

Busfahrer lernen, sich in behinderte Fahrgäste einzufühlen

Wie fühlt sich ein Rollstuhlfahrer in meinem Bus? Die Teilnehmer der Busfahrer-Schulung bekommen eine Ahnung von der Realität in den Bussen.

Foto: Kerstin Bögeholz

Wie fühlt sich ein Rollstuhlfahrer in meinem Bus? Die Teilnehmer der Busfahrer-Schulung bekommen eine Ahnung von der Realität in den Bussen. Foto: Kerstin Bögeholz

Oberhausen.   Alt zu sein oder behindert ist im Nahverkehr oft ein Problem. Die Busfahrer der Stoag müssen das nun regelmäßig testen – und waren überrascht.

Krampfhaft umklammert sie den Haltegriff, ihr Sitznachbar lacht, dabei kann er kaum sehen, was sich vor seiner eigenen Nase abspielt. Beide sind Busfahrer der Stoag und werden an diesem Morgen in einem Linienbus geschult. Wie fühlt sich ein alter oder behinderter Fahrgast im Bus? Womit hat er zu kämpfen, wenn er nichts sieht, hört oder im Rollstuhl sitzt?

Ab 2018 ist diese Schulung europaweit Pflicht, doch so lange wollte die Stoag nicht warten, betont Fahrdienstleiterin Ute Koppers-Messing. Die Fahrer sind motiviert dabei, lachen viel während des praktischen Teils: Kein Wunder, sieht auch ulkig aus, wie sie mit den dicken Brillen, Halskrausen, Gewichten an Armen und Beinen, die Behinderung simulieren, in den Bus kraxeln. Während der Fahrt wird schnell klar: So spaßig ist das nicht, gehandicapt im öffentlichen Verkehr unterwegs zu sein.

Hilfe beim Einstieg

Behinderte und ältere Fahrgäste bedeuten für die Fahrer meist mehr Rücksicht, aber auch mehr Arbeit. Rollstuhlfahrer brauchen Hilfe beim Hintereinstieg. Der Fahrer muss schon aus Versicherungsgründen selbst aussteigen, die Rampe ausklappen und dann wieder nach vorne ans Lenkrad. Das Problem für Rollstuhlfahrer sei aber ein ganz anderes, erzählt Norbert Mellis vom städtischen Beirat für Menschen mit Behinderungen.

„In den Bussen ist zu wenig Stellfläche vorhanden“, sagt Mellis. Er sitzt seit ein paar Jahren selbst im Rollstuhl, fährt oft Bus oder Bahn. „Denn wir haben immer mehr alte Leute, immer mehr Rollatoren in den Bussen. Das ist jetzt schon ein Riesenproblem.“ Für Mellis wären mehr Klappsitze, wie in manchen Zügen längst üblich, eine vernünftige Lösung. „Damit wird man zumindest ein Stück zukunftsorientierter.“

Die Schulungen zur Sensibilisierung der Busfahrer begrüßt Mellis, hat aber in Richtung Verkehrsbetrieb eine dringende Bitte: Das Thema muss Chefsache sein. Den Busfahrern mache er keinen Vorwurf an den teils „prekären“ Situationen im öffentlichen Nahverkehr. „In der Realität bekommen sie die Atmosphäre im Bus vorne nicht mit.“

Glückssache Haltestelle

„Ich kann kaum etwas sehen“, sagt Busfahrer Peter Wolf. Eine schwarze Brille mit minimalem Guckloch, noch dazu verzerrt, sorgt bei ihm für schlechte, altersgerechte Sicht. Reine Glückssache sei es, mit so wenig Augenlicht an der richtigen Haltestelle auszusteigen, erklärt der Busfahrer. Helfen könnte ihm jetzt nur eine vernünftige Lautsprecheransage, aber denkste, die ist selbst für Leute ohne die simulierte Taubheit kaum verständlich.

Das sei Absicht, sagt Fahrlehrer Reiner Kordowski vom Kooperationspartner der Stoag, Fahrschule Krüssmann. Er ist der Übungs-Busfahrer und spricht bewusst undeutlich ins Mikro. Dazu bremst er unerwartet oft, nimmt jedes Schlagloch mit und beschleunigt auch in Kurvenlage weiter. Die Gespräche indes sind laut genug, dazu kommt der Lärm des Motors: Irgendwas mit „RWO“ krächzt es nur noch.

Rollenspiele wie diese helfen den Fahrern, mehr Verständnis für ihre Kunden aufzubauen, betont Kordowski. „Die Busfahrer haben einen stressigen Alltag, daher ist es manchmal schwierig für sie, alle Anforderungen gut zu erfüllen.“

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