Geschichte

Das kurze Leben des Richard Göbel

Richard Göbel 1944 als Geschützführer in Bayreuth. Mitte März 1944 war er dorthin verlegt worden. Kurz zuvor hatte er seinen Heimaturlaub  bei seiner Frau und seinem damals einjährigen Sohn in Oberhausen verbracht.

Foto: TOM GÖBEL

Richard Göbel 1944 als Geschützführer in Bayreuth. Mitte März 1944 war er dorthin verlegt worden. Kurz zuvor hatte er seinen Heimaturlaub bei seiner Frau und seinem damals einjährigen Sohn in Oberhausen verbracht. Foto: TOM GÖBEL

Oberhausen.   Er lebte von 1913 bis 1945. Eine Spurensuche anhand von Feldpostbriefen und Zeitzeugen-Berichten. Heimaturlaub bei seiner Frau in Oberhausen

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Richard Göbel wurde am 26. April 1913 in Osterfeld geboren, er fiel am 27. April 1945 als Soldat der Deutschen Wehrmacht in den Kämpfen um Berlin. Sein 32 Jahre junges Leben von 1913 bis 1945 umfasste zwei Weltkriege, die erste Demokratie auf deutschem Boden und den Aufstieg und Fall des Nationalsozialismus. Sein in München lebender Enkel, Thomas Göbel, hat die Lebensgeschichte seines Großvaters zu seinem Forschungsprojekt gemacht und ist dazu auch in Oberhausen auf die Suche gegangen. Hier Auszüge seiner Spurensuche.

Richards Eltern, Anna und Heinrich Göbel, waren 1911 nach Osterfeld in die Provinzialstraße 94 gezogen. Heinrich Göbel hatte 1910 bei der GHH Hauptverwaltung eine Anstellung gefunden. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs setzte seinem beruflichen Aufstieg ein jähes Ende. Mit dem Landwehr Infanterie Regiment Nr. 9 wurde er als Infanterist bei der Schlacht von Tannenberg im August 1914 eingesetzt. Später kämpfte er in den Karpaten, der Ukraine/Galizien und im Baltikum. Vater und Sohn sollten sich erst Anfang 1919 wiedersehen, als er entkräftet und lungenkrank aus dem Osten nach Osterfeld zurückkehrte. Überliefert hat sich, dass der kleine Richard am Abend der endgültigen Rückkehr des Vaters seine Mutter beim Zubettgehen fragte: „Ist das unser Vater?“.

Freiwillig im Reichsarbeitsdienst

Nach persönlich schweren Jahren, fand Heinrich Göbel erst Anfang 1926 bei der GHH wieder feste Anstellung. Einher ging der Umzug der inzwischen fünfköpfigen Familie in die Brackstraße. Im März 1934 machte Richard Göbel sein Abitur am Reform Realgymnasium und begann nach einem halben Jahr freiwilligen Reichsarbeitsdienstes im Frühjahr 1935 sein Studium der Ev. Theologie in Münster. Die Polarisierung innerhalb der Studentenschaft war besonders bei den Theologiestudenten stark ausgeprägt, denn anders als in anderen Fachschaften waren sie zusätzlich noch durch den Kirchenkampf der „Deutschen Christen“ gegen die „Bekennende Kirche“ geprägt. Richard Göbel hatte sich früh der „Bekennenden Kirche“ zugewandt und theologische Kurse außerhalb der offiziellen Vorlesungen besucht.

Die Gestapo beobachtete diese Vorgänge mit Argusaugen. Von der Uni wurde Richard Göbel, gemeinsam mit elf anderen Studenten, ob des Besuches von Bekenntnisveranstaltungen schließlich mit einem Verweis belegt. Um der zunehmenden, staatlichen Repression an der Universität Münster auszuweichen, setzte er im Herbst 1937 sein Studium an der Kirchlichen Hochschule in Bethel fort.

Werkstudent auf Zeche Sterkrade

Im Spätsommer 1938 kam Richard Göbel abermals mit dem Staat in Konflikt. Während der sog. „Sudetenkrise“ arbeitete er als Werkstudent in der Zeche Sterkrade. In Europa standen die Zeichen Ende September 1938 wieder auf Krieg. Nur durch das „Münchner Abkommen“ konnte der Frieden noch einmal bewahrt werden. Wie überall im Reich, hatte sich auch die Belegschaft der Betriebswerkstatt der GHH versammelt, um Hitlers Sportpalastrede zu hören. Im Anschluss entwickelte sich ein handfester Streit zwischen Richard Göbel und einigen noch verbliebenen Arbeitern, insbesondere dem SA-Mann Josef Görtz aus Sterkrade, dem Hilfsarbeiter Wilhelm Köhler und dem NSDAP Mitglied Ernst Grafen. In den späteren Vernehmungsprotokollen der Gestapo wird klar, dass Richard Göbel sich über Hitler und den Chefideologen der NSDAP, Alfred Rosenberg, herablassend geäußert hatte. „Der Reichskanzler lügt“ und „Rosenberg ist ein Phantast“ waren weitreichende und gefährliche staatspolitische Äußerungen, die ihm wegen Vergehen gegen das Heimtückegesetz eine dreimonatige Haft in Düsseldorf-Derendorf einbrachten.

Im Fadenkreuz der Gestapo

Mit seinen öffentlichen Einlassungen geriet er ins Fadenkreuz der Gestapo. Nach seiner Entlassung versuchte er noch einmal die Wiederaufnahme seines Studiums, diesmal an der Universität Marburg, doch Polizei und Hochschulverwaltungen waren schneller. Richard Göbel wurde mit einem dauernden Verweis von allen Hochschulen belegt, ein Studium war im nationalsozialistischen Deutschland nicht mehr möglich. Die über ihn parallel angelegte Gestapo-Akte, eine der wenigen tausend in Deutschland nach dem Krieg erhalten gebliebenen, hat Enkel Thomas Göbel eingesehen. Der Fall seines Großvaters wurde bis an höchste Stellen in Berlin protokolliert und die Gestapo nahm aktiv Einfluss auf die Entscheidungen der Hochschulbehörden.

„Nun geht es an die Front“

Bevor staatliche Stellen ihn weiter drangsalieren konnten – der Name Richard Göbel befand sich bereits in einer Namenskartei für potentielle Verhaftung und Verbringung in ein Konzentrationslager – kam die Einberufung zur Luftwaffe im März 1940. Richard Göbel wurde bis Ende 1944 in der Luftverteidigung deutscher Städte eingesetzt. Ab 1942 war er Geschützführer eines 8,8 cm Flakgeschützes und kam in Nürnberg in umfangreichen Kontakt mit Gymnasiasten und Oberschülern, den Luftwaffenhelfern. In den Jahren 2005 – 2008 ist es Thomas Göbel im Rahmen seiner Forschungen gelungen, noch ca. 100 ehemalige LwH zu finden, die in obigen Städten und Flakbatterien eingesetzt waren. Da er in den Flakbatterien als sog. Luftwaffenhelferbetreuer tätig war, ergaben sich engere persönliche Kontakte zu den Jungen. Viele beschrieben ihn rückblickend als „gütig und besonnen“ und einen „väterlichen Freund“.

Mit der weitgehenden Auflösung der Flakartillerie zur Jahreswende 1944/45 wurde Richard Göbel zur Festungs-PAK versetzt und für den hoffnungslosen Endkampf ausgebildet. Im März 1945 kam er nach Berlin. In seiner letzten überlieferten Nachricht schrieb er: „Nun geht es an die Front! Ein neuer Abschnitt im Soldatenleben beginnt! Er ist auch bedeutsam fürs ganze Leben. Wie, was, wo, wohin stehen bei Gott!“. Mit dem Angriff der Rotenarmee am 22./23. April wurde seine Einheit im Bereich Britz/Buckow aufgerieben, Überlebende flüchteten zurück ins Zentrum. Göbel schreibt: „Welchen Weg mein Großvater nahm, ist nicht mehr ermittelbar. Seine Leiche wurde schließlich im Frühjahr 1946 am Großen Zoobunker aus einem Grab mit elf weiteren Soldaten exhumiert. Identifiziert werden konnte er anhand seiner Taschenbibel. Durch die Hilfe Berliner Freunde gelang es, seine sterblichen Überreste von Berlin aus auf das Familiengrab umzubetten. Insofern ist ihm das Schicksal vieler anderer Soldaten erspart geblieben, als unbekannter Soldat keine passende Ruhestätte zu bekommen.“

>>>Info: Der Autor dieser Geschichte

„Ich, Thomas Göbel, geboren 1968, bin der Enkel von Richard Göbel und habe vor fast 15 Jahren begonnen, mich mit seinem Leben intensiver zu beschäftigen. Ausgangspunkt war ein Bündel von etwa 100 persönlichen Briefen, hauptsächlich Feldpost, die Jahrzehnte ohne größere Beachtung im Familienbesitz lagerten. Über die Zeitspanne meiner Forschungen ist ein umfangreiches Manuskript entstanden, das im Kern versucht, den Bogen zu spannen, die allgemeine Geschichte von 1914 bis 1945 aus der Perspektive meines Großvaters und anderer Zeitzeugen zu erzählen. Während ich mich in den ersten Jahren intensiv mit dem Luftkrieg über Deutschland und den Kämpfen um Berlin beschäftigt habe, rückte Richards Heimatstadt Oberhausen in den letzten Jahren zunehmend ins Blickfeld meiner Forschungen. Die anfänglich schwierige Spurensuche in Oberhausen und Unterstützung durch Heimatforscher wurde durch die Bekanntschaft mit André Wilger von der Geschichtswerkstatt und Dr. Magnus Dellwig vom Stadtarchiv sehr bereichernd.“

>>> Info: Weitere Informationen

Weitere Informationen sind auf der Projekt-Website http://richard.tom-goebel.de zu finden. Thomas Göbel freut sich über Kontakt zu Oberhausenern, die ebenfalls zum Thema forschen – auch im Rahmen von Familienforschungen.

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