70 Jahre verheiratet

Gnadenhochzeit: Jede gute Ehe braucht einen liebenden „Boss“

Auch nach 70 Jahren Ehe sind Irene (90) und Karl-Heinz (93) Gust noch zärtlich zueinander. Ihr Wunsch zur Gnadenhochzeit: „Dass unser Leben so weitergeht.“

Auch nach 70 Jahren Ehe sind Irene (90) und Karl-Heinz (93) Gust noch zärtlich zueinander. Ihr Wunsch zur Gnadenhochzeit: „Dass unser Leben so weitergeht.“

Foto: Nikolina Miscevic

Oberhausen.  Auch nach 70 Jahren Ehe lieben und necken sich Irene und Karl-Heinz Gust wie am ersten Tag. Die Romanze begann 1946 mit einem Walzer-Rendezvous.

Die Queen und Prinz Philip hatten sie schon, wenige andere unroyale, aber loyale Paare ebenfalls: die Gnadenhochzeit. Abgeleitet von „Gottes Gnaden“ erleben 70 Jahre Ehe auch in Oberhausen Paare selten so ein Jubiläum. Irene (90) und Karl-Heinz Gusts (93) Beziehung beginnt mit einem Walzer und hält den Takt der Liebe bis heute ein — dabei wäre es beinahe nicht zum beachtlichen Familienstammbaum (drei Kinder, elf Enkel, acht Urenkel) gekommen.

Arrangierter Rendezvous-Reigen

Rückblick: Es ist 1946 und Karl-Heinz steht mit schicken Schuhen vor einer Tür. Laute Musik dröhnt nach draußen. Seine Freunde haben plötzlich kalte Füße und kneifen vor der Tanzschule. Doch für den 19-Jährigen gibt’s kein zurück, denn zu der Zeit tanzen eben alle – vor allem die hübschen Mädchen wie Irene, damals zarte 16. Sie erinnert sich: „Er hat das geschickt gedeichselt und mit dem Tanzlehrer so abgesprochen, dass wir zusammen tanzen – das gefiel mir schon.“

Der charmante Ex-Matrose verliebt sich sofort in das junge Mädchen aus dem Kurs und fährt sie, ganz Gentleman, nach Hause. Autos gibt es so gut wie keine, daher sitzt Irene auf der Stange seines Fahrrads, als Karl-Heinz sie vorm Elternhaus in Duisburg absetzt. Die Eltern beobachten den jungen Karl-Heinz erst aus dem Fenster, bald darauf aus der Nähe. Er gefällt. Von da an geht’s schnell: Nach der Verlobung 1947 geben sich die Gusts 1949 das Ja-Wort.

Wer ist hier der Boss?

„Wir haben uns immer geliebt“, sagen beide unisono im heimischen Wohnzimmer. Auf dem Couchtisch steht ein Glas Wasser. „Du musst trinken“, bittet Irene liebevoll ihren Karl-Heinz. „Eigentlich hat nie einer etwas ohne den anderen gemacht“, erzählt Tochter Elke, 68, die ihren Eltern gegenüber sitzt. Vermutlich sei das ein Teil des Geheimnisses ihrer langen Ehe. Die klare Rollenverteilung möglicherweise ebenso: „Bei uns Zuhause war Papa der ,Boss’“.

Das Grundstück in Buschhausen, auf dem ihr Haus steht, erspäht Eisenbahner Karl-Heinz Gust Anfang der 1950er von seiner Lokomotive aus. „Da werden wir bauen“, prophezeit er seiner Frau Irene. Gesagt, getan: 1956 ziehen sie in die eigenen vier Wände ein. Trotz „wilder Fahrten“ - so werden unregelmäßige Schichten bei der Bahn genannt – unternimmt Karl-Heinz Gust viel mit seinen Kindern. Während andere Kollegen über den Kinderlärm am Tage klagen, geht er sommers mit Elke, Rainer und Anja schwimmen und winters rodeln. Die Familie hält fest zusammen.

Ein Wunsch und ein Tipp für Frischvermählte

Auf der Gartenbank ihres Hauses nimmt Karl-Heinz seine Irene sanft in den Arm. Er wirkt zufrieden, sie lächelt und neckt ihn, als wären beide Anfang 20. Seinen größten Wunsch zur Gnadenhochzeit formuliert Karl-Heinz Gust deshalb so: „Es wäre schön, wenn das Leben so weitergeht und wir gesund bleiben.“ Vielleicht kann Pfarrer Frank Meißburger von der Emmauskirche ein gutes Wort für die zwei einlegen, wenn er zum Jubiläum einen Gottesdienst im Hause Gust abhält. Gott allein sollte man eine gute Ehe aber nicht überlassen. Schlechte Zeiten müssen nicht sein, findet Karl-Heinz Gust. Sein Tipp: wechselseitiges Wohlwollen. „Wenn’s nicht so schön war, haben wir nachgeholfen.“ Und wenn der Boss das sagt…

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