Friedensdorf

Hilfe im Friedensdorf – Celso fliegt heim nach Angola

Im Taschenlager, wo Celso sich Kleidung und Mitbringsel für die baldige Heimreise aussuchen darf, wird mit allen Tricks gearbeitet: Die Luft aus dem Ball muss raus. Dann kann er vielleicht noch hineingequetscht werden.

Im Taschenlager, wo Celso sich Kleidung und Mitbringsel für die baldige Heimreise aussuchen darf, wird mit allen Tricks gearbeitet: Die Luft aus dem Ball muss raus. Dann kann er vielleicht noch hineingequetscht werden.

Foto: Kerstin Bögeholz

OBERHAUSEN.  Für rund 50 angolanische Kinder aus dem Oberhausener Friedensdorf geht es bald zurück nach Hause. Der 12-jährige Celso ist einer von ihnen.

Im Taschenlager ist die Aufregung ganz stark zu spüren. Hier, im Keller eines der Gebäude im Friedensdorf, wo sich Kleidung kunterbunt in schlichten Stahlregalen bis unter die Decke stapelt, dürfen sich Celso und Aureo aussuchen, was ihnen gefällt – vorausgesetzt, es ist noch Platz in ihrer knallblauen Plastiktasche, die sie als einziges Gepäck mitnehmen dürfen, wenn es am 13. November zurück nach Angola geht. Rund 50 Kinder fiebern diesem Datum an der Rua Hiroshima entgegen, sie fliegen genesen wieder zu Mama, Papa, Geschwistern und Freunden.

Acht Operationen in drei Jahren

Celso kennt die Prozedur im Taschenlager schon von seinem ersten Besuch in Deutschland. 2016 war er schon einmal für ein halbes Jahr hier. Seit Mai dieses Jahres wurde er erneut behandelt wegen seines linken Beins. Nachdem er sich mit neun Jahren beim Fußballspielen den Oberschenkel gebrochen hatte, entzündete sich der Knochen, der in Angola notdürftig mit einem Nagel fixiert worden war. Inzwischen lag Celso achtmal auf dem Operations-Tisch. Da sein krankes Bein nicht mitwachsen konnte, ist es stark verkürzt. Der 12-Jährige muss eine Schiene und eine Schuherhöhung tragen.

Kurze Hosen, Pullover, T-Shirts und ein Ball stecken schon in Celsos Rückkehr-Tasche. Friedensdorf-Mitarbeiterin Stephanie Busch hilft ihm dabei, alles so platzsparend wie möglich zu verstauen. „Da wird gestopft bis kurz vorm Platzen“, erklärt sie lachend und zeigt auf die prall gefüllten „Koffer“ im Regal hinter ihr. „Das sind kleine Tresore für die Kinder. Hier dürfen sie alles reintun, was sie mitnehmen wollen.“ In bis zu zwei Jahren Aufenthalt sammelt sich jedoch einiges an und dann müssen ja noch die Kleider hinein, mit denen die Kinder angereist sind. „Die Sachen bekommen die Eltern auf jeden Fall zurück“, sagt Busch, „dafür haben sie oft viel Geld ausgegeben.“ Ist die Tasche zu – im Idealfall, ohne dass der Reißverschluss gerissen ist – wiegt sie stolze 15 bis 20 Kilogramm. Und es stecken sogar noch Geschenke für die ganze Familie darin. Bei Celso eine Cap und T-Shirts für seine Schwester.

„Ich bin lieber hier als im Krankenhaus“, erzählt Celso beim Rundgang durch sein „Dorf“. Überall wuseln Kinder herum, mit vielen kann er sich in seiner Muttersprache Portugiesisch unterhalten. Schulpflichtig ist er wie alle anderen nicht, doch auch hier gibt es eine Tagesstruktur: ein Lernprogramm, gemeinsame Aktionen und Mahlzeiten. Und den Besuch in der „Reha“. Heute hat Ludwig Winter dort Dienst, ein Orthopäde im Ruhestand, der einmal pro Woche ehrenamtlich die kleinen Patienten untersucht. „Wir haben hier viel mit Knochenentzündungen zu tun“, sagt er, „die durch Bagatellunfälle, Blutübertragungen und Verletzungen ausgelöst wurden.“

Die Zukunft bleibt ungewiss

Für Celso, der ja dieselbe Diagnose hat, würde der Arzt sich eine Rückkehr nach Deutschland für eine weitere Operation in zwei Jahren wünschen. „Es wäre gut, dann eine Beinverlängerung zu machen.“ Doch ob der Junge ein drittes Mal dieses Privileg erhält, stehe in den Sternen. Überhaupt hat Ludwig Winter bei seinem Job im Friedensdorf eines gelernt: „Man darf nicht unsere Verhältnisse übertragen.“

Gleich nebenan ermuntert Ergotherapeutin Minori Nakaoku die kleine Lemba dazu, aufzustehen aus dem Rollstuhl und ein paar Schritte zu gehen. Sie schafft es – und strahlt. Die Angolanerin ist ebenfalls zum zweiten Mal im Friedensdorf. Sie leidet unter einer Autoimmunerkrankung, ein Infekt zerstörte alle ihre Finger und beide Unterschenkel. Bei ihrem ersten Aufenthalt 2015/2016 mussten diese amputiert werden. Als sich die Stümpfe entzündeten, kam sie im Mai erneut nach Deutschland.

Minori Nakaoku konnte Lemba mobilisieren, ihre Muskeln trainieren und die Schienen anpassen. Dennoch bleiben bei ihr Sorgen zurück wie bei allen ihren kleinen Patienten: „Wer macht für sie neue Prothesen, wenn sie wächst?“

Die Zukunft der Friedensdorf-Kinder bleibt ungewiss. Doch für jedes war die Reise in die Fremde ein großer Gewinn, trotz großem Heimweh: Sie wurden medizinisch behandelt, wie es ihre Eltern ihnen niemals hätten bieten können, sie haben eine neue Sprache gelernt, Freunde aus aller Welt gefunden. Celso spricht so gut Deutsch, dass Erzieherin Gabriele Bucksteeg ihm empfiehlt, diese Fähigkeit zu Hause zu nutzen. Doch Celso hat bereits genaue Vorstellungen von seinem Traumberuf: „Ich will Doktor von Knochen werden.“ Die Erlebnisse in der Fremde, sie haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

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