Gegenkultur

Hypnotische Klänge zu beinharten Beats im Zentrum Altenberg

Das italienische Duo „Schonwald", hier die Sängerin Alessandra Gismondi, beim „Kalte Sterne Festival“ im Zentrum Altenberg.

Foto: Sven Thielmann, Essen

Das italienische Duo „Schonwald", hier die Sängerin Alessandra Gismondi, beim „Kalte Sterne Festival“ im Zentrum Altenberg. Foto: Sven Thielmann, Essen

OBERHAUSEn.   Das „Kalte Sterne Festival“ zog mit Düster-Sounds Fans aus halb Europa an die Hansastraße. Attraktive Videos geben minimalistischer Musik Farbe.

Kultursoziologen hätten ihre Freude gehabt beim bestens besuchten „Kalte Sterne Festival“ im Zentrum Altenberg. Konnte man dort doch am Ostersonntag diverse Entwicklungslinien von Dark Wave, Post-Punk und Shoegaze studieren. Samt eines Publikums, das recht augenfällig zu einem größeren Teil den zumindest optischen Habitus einer rebellischen Jugend aus den 1980er Jahren hinübergerettet hat.

Die Schuhe immer im Blick behalten

Auch musikalisch war der düster-stimmungsvoll illuminierte Abend ein retrospektives Erlebnis der besonderen Art. Schließlich liegen die großen Zeiten des Dark Wave schon gute 30 Jahre zurück, was die Kinder der Erfinder auch in Oberhausen jedoch nicht darin hinderte, genüsslich in hypnotischen Beats, sphärischen Synthi-Klängen und massiven Guitar-Soundwalls zu schwelgen. Kenner des Psychedelic Rocks erkannten da immer wieder Traditionslinien.

Der Opener, das italienische Duo „Schonwald“, dekorierte seinen Auftritt obendrein mit monochromen Video-Projektionen, deren flirrende Op-Art-Motive zusammen mit den strömenden Klängen eine rauschhafte Wirkung entfalteten. Was es mit dem Shoegazing auf sich hat, zeigte dabei Gitarrist Luca Bandini, der seltsam elegant zu seinen flächigen Sounds über die Bühne schwebte und dabei immer seine Schuhe (aha!) im Blick behielt.

Kopfgeldjäger vor dem Gemetzel

Ein eher irritierendes, die meisten Zuhörer jedoch faszinierendes Kontrastprogramm bot William Maybelline mit seinem Solo-Projekt „Qual“, das sich aus brachialen Basics einer Sample-Machine speiste. Als der Sänger von „Lebanon Hanover“ sich zu Beginn seiner Performance schwarze Handschuhe überstreifte, wussten die Western-Spezialisten im Saal Bescheid. Typische Attitüde berüchtigter Kopfgeldjäger vor dem gnadenlosen Gemetzel. Prompt folgte eine kalte, zornige Inszenierung düsterer Texte, zu denen der Mann im schwarzen Kampfanzug mit einer Eisenkette auf den armen Bühnenboden einprügelte.

Eine Station später fuhr man nicht schwarz mit der KVB, sondern ließ sich von „The KVB“ und ihrer deutlich gewitzteren Kombination aus psychedelischen Synthi-Sounds (Kat Day) und sphärischer Shoegaze-Gitarre (Nicholas Wood) hinwegtreiben. Was auch angesichts der künstlerisch attraktiven Video-Spielereien, die den minimalistisch-beatbetonten Tracks des englischen Duos sinnfällig Farbe gaben, einen fast schon intellektuell anspruchsvollen Reiz entfaltete. Entsprechend großer Jubel im Saal.

Ein Feuerwerk alter Hits zum Abschied

Und dann lernte man, warum im Publikum mit Zungen aller Länder gesprochen wurde: holländisch, französisch, spanisch, englisch. Kristoffer Grip, Sänger der schwedischen Cold-Wave-Combo „Agent Side Grinder“, ist nämlich auf Abschiedstour und steigt in den nächsten Tagen aus dem legendären Quintett aus. Das demonstrierte lustvoll auf feinen alten Analog-Synthezisern, dass man auch handgemacht ein Publikum mit prickelnden Soundscapes begeistern kann. Ein Feuerwerk alter Hits, die verblüffend unnostalgisch tönten und das „Kalte Sterne Festival“ würdig krönten.

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