Polizei

Jede Sekunde in der Oberhausener Polizei-Leitstelle zählt

Die neue Leitstellentechnik, die mittlerweile fast in allen Polizeibehörden des Landes eingeführt wurde, erleichtert den Polizisten die Arbeit – und kein Notruf kann mehr verloren gehen.

Die neue Leitstellentechnik, die mittlerweile fast in allen Polizeibehörden des Landes eingeführt wurde, erleichtert den Polizisten die Arbeit – und kein Notruf kann mehr verloren gehen.

Foto: Kerstin Bögeholz

Pro Schicht nehmen in der Oberhausener Zentrale drei Polizisten alle eingehenden Notrufe an. Wir haben die Beamten einen Morgen lang begleitet.

In der Ecke des Computerbildschirms blinkt ein rotes, kleines Feld. „Notruf“ steht dort. Das ist das Zeichen für Polizist Dinçer Erdogan, den Anruf entgegen zu nehmen. Das geht in der Oberhausener Leitstelle jetzt einfach per Mausklick. Einen Hörer muss er nicht mehr in der Hand halten, alles geht per drahtloser Übertragung an sein Headset. „Guten Tag, ich möchte einen Verkehrsunfall an der Hagedornstraße melden“, sagt eine Frau. Erdogan erkundigt sich nach dem Namen der Anruferin sowie zu Einzelheiten des Unfalls, ob es Verletzte oder nur einen Sachschaden gibt.

Während er spricht, leuchtet eine rote Lampe über seinem Schreibtisch, ein Zeichen dafür, dass seine Leitung belegt ist. Nach gut einer Minute ist das Wichtigste besprochen, Erdogan schickt einen Streifenwagen zur Unfallstelle in Sterkrade. Drei Schreibtische mit drei Beamten sind in der Leitstelle standardmäßig besetzt. Einen vierten Arbeitsplatz gibt es einen Raum weiter – für Wochenenden und besondere Einsatzlagen wie Karneval, Kirmes oder stark besuchte Fußballspiele. Auf allen Schreibtischen stehen aneinandergereiht fünf Monitore: Sie zeigen das Telefonsystem, die Notrufformulare, alle Streifenwagen und deren Einsatzstatus sowie die laufenden und beendeten Einsätze. Außerdem bieten sie Informationen zur Halterabfrage, zum Einwohnermeldeamt und dem Waffen- sowie Ausländerregister.

„Quengel“-Signal und Blinklicht

Die Atmosphäre in der Leitstelle ist entspannt, aber konzentriert. Es gilt für den nächsten Notruf vorbereitet zu sein. Wenn keiner der Beamten übers Headset spricht, ist es still im Raum. Wählt eine Person die 110, blinkt es gleichzeitig an allen Monitoren. Zusätzlich erhalten alle ein akustisches „Quengel“-Signal. Der erste, der dann auf den Knopf drückt, übernimmt den eingehenden Notruf. Ein Fernseher steht im Raum, um bei besonderen Ereignissen auf Nachrichtensender schalten und so Informationen erhalten zu können, erklärt Dinçer Erdogan, der seit 1995 Polizist ist.

Schon hat Erdogan den nächsten Anrufer in der Leitung: Ein Mann meldet einen Ladendiebstahl im Bero-Center. Er spricht ruhig und abgeklärt, als wäre er solche Anrufe schon gewöhnt. Das System schlägt dem Polizisten auf einem Bildschirm die Nummer „1141“ vor, einen verfügbaren Streifenwagen. Aus einem weißen Feld (unterwegs auf Streife) wird ein gelbes (Vorschlag für den Einsatz). „1141“ nimmt an, das Kästchen färbt sich grün. Sind die Polizisten am Einsatzort eingetroffen, wird es rot. Kurze Zeit später meldet sich „1141“ und fragt nach einer Täterbeschreibung und Fluchtrichtung. „Negativ“, antwortet Erdogan. Die Täter sind unbekannt und flüchtig.

Alle paar Minuten kommt ein neuer Notruf rein

Alle paar Minuten kommt ein neuer Notruf rein, mehr als zwei gleichzeitig sind es zum Zeitpunkt des Besuchs nicht. Den nächsten Anruf nimmt Christoph Hinz an, der seit 1981 bei der Polizei ist. Es geht um einen etwas zurückliegenden Unfall, ein Beteiligter hat gemerkt, dass sein Auto nicht mehr fahrtüchtig ist und bittet um einen Abschleppdienst. „Wir schicken jemanden“, antwortet Hinz, der bequem über das System Firmen anfordern kann, die mit der Polizei zusammenarbeiten. „Das gilt auch für andere Bereiche wie kaputte Türen oder Fenster“, erläutert der Leiter des Führungs- und Lagedienstes, Thomas Holdschlag. So ist für eine defekte Ampel an der Hiesfelder Straße ebenfalls schon eine Firma unterwegs.

Nimmt ein Beamter einen Notruf an, wird die Rufnummer automatisch ins Formular übernommen. Der jeweilige Name wird nach Gehör eingetragen. „Manche sprechen undeutlich, da sind der Name und der Sachverhalt schwierig zu verstehen“, sagt Hinz. „Man kann das System mit einem Videospiel vergleichen, in dem man möglichst alle Ereignisse und Felder, die auftauchen, beseitigen möchte“, erklärt er das Prinzip am Schreibtisch. Möchte eine Streifenwagenbesatzung mit der Leitstelle sprechen, tauchen deren Nummer auf Bildschirmen auf, die angeklickt werden müssen.

Technik ist einfacher zu bedienen

„Das Arbeiten mit der neuen Technik ist angenehmer geworden“, so Dinçer Erdogan. Dann blinkt es wieder: Eine ältere Dame aus Biefang meldet, dass vermeintliche Kripo-Beamte aus Duisburg bei ihr angerufen und sich nach dem Aufbewahrungsort von Geld und Wertgegenständen erkundigt hätten. Als die Frau angibt, das liege bei ihrer Bank, geben die Anrufer vor, dass ein Bankmitarbeiter vertrauliche Informationen der Kunden missbraucht. Das kam der Anruferin suspekt vor, sie wählte den Notruf. „Sie lassen bitte niemanden rein und nennen bei weiteren Anrufen keine Beträge“, rät Erdogan der 77-Jährigen. „Die sind nicht von der Polizei, das sind Betrüger.“ Zur ausführlichen Beratung schickt er einen Streifenwagen von der Wache am Wilhelmplatz zu ihr.

>>> Dienst rund um die Uhr

Vier Dienstgruppen mit jeweils viereinhalb Stellen arbeiten im Schichtdienst in der Leitstelle. Vieles in der Zentrale läuft per Mausklick ab, lediglich kurze Berichte oder Abkürzungen werden über die Tastatur eingeben. So sind in der Einsatzübersicht die Abkürzungen VU für Verkehrsunfall zu lesen, die mit „F“ (Flucht), „S“ (Sachschaden) oder „P“ (Personenschaden) ergänzt werden.

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