Oberhausener Stadtgeschichte

Joseph Rossaint - nach der Messe in Gestapo-Haft genommen

Kaplan Rossaint, hier inmitten der Sturmschar, die er in Oberhausen begründet hatte. Fotoquelle:Geschichtswerkstatt

Kaplan Rossaint, hier inmitten der Sturmschar, die er in Oberhausen begründet hatte. Fotoquelle:Geschichtswerkstatt

Oberhausen.   Der einstige Kaplan in St. Marien wurde wegen angeblichen „Hochverrats“ vor 80 Jahren vom Volksgerichtshof zu elf Jahren Zuchthaus verurteilt.

Vor 80 Jahren fand vor dem Volksgerichtshof in Berlin ein Verfahren sein Ende, das unter dem Begriff „Berliner Katholikenprozess“ in die Geschichte eingegangen ist. In die Geschichte des Widerstandes gegen das NS-Regime, in die der kirchlichen Rolle in Widerstand und Beistand, und wegen einer Hauptfigur – Kaplan Dr. Joseph Rossaint – auch in die Geschichte der Stadt Oberhausen.

Engagierte Jugendarbeit

Der katholische Geistliche war von 1927 bis 1932 Kaplan an St. Marien und hatte sich in dieser Zeit einen hervorragenden Namen in der Seelsorge besonders unter Erwerbslosen, Jugendlichen und Kindern gemacht, bevor er nach Düsseldorf in die Pfarrei St. Mariä Empfängnis versetzt worden war. Gerade mit seiner außergewöhnlich engagierten Jugendarbeit hatte Rossaint sich als Bezirkspräses des Katholischen Jungmännerverbandes, Gründer der „Sturmschar“, frühes Mitglied im Friedensbund Deutscher Katholiken und (bis 1933) Mitglied der Zentrumspartei einen Namen gemacht, der weit über Konfessions- und Religionsgrenzen hinaus bekannt war.

Als die Geheime Staatspolizei (Gestapo) ihn im Januar 1936 unmittelbar nach einer Messe verhaftete, war das der Startschuss für eine mit der Zeit immer forschere Gangart der Nazis speziell gegen die katholische Kirche und deren Jugendarbeit. Diese hatte sich störrisch der verordneten HJ-Politik gegenüber verhalten und sich so Eigenart und Unabhängigkeit bewahrt.

Nazis warfen Hochverrat vor

Rossaint hatte Kontakte zu Personen, die der Kommunistischen Partei angehörten. Daraus konstruierten die Nazi-Behörden den Vorwurf des „Hochverrats“, die zutiefst religiösen und pazifistischen Motive Rossaints wurden heruntergespielt, teils lächerlich gemacht. Im April 1937 kam es zum dreiwöchigen Prozess, den Goebbels persönlich zu einem der ersten „Schauprozesse“ im Dritten Reich inszenierte.

Rossaint galt als Hauptangeklagter und wurde zu elf Jahren Zuchthaus verurteilt – immerhin vier weniger als von der Staatsanwaltschaft gefordert. Sein vom Erzbistum Köln bezahlter und aus Essen stammender Verteidiger Dr. van Almsick hatte die Verfolgung staatsfeindlicher Ziele durch Rossaint in Abrede gestellt.

Gleichwohl bejubelte die Nazi-Presse das Urteil und sah in dem Geflecht der Beziehungen zwischen den Angeklagten (darunter der in Oberhausen geborene und in Remscheid tätige Kaplan Karl Kremer) und zahlreichen Zeugen einen Beweis für die „katholisch-kommunistische Einheitsfront“, wie das NSDAP-Organ „National Zeitung“ unter der Überschrift „Hochverrat katholischer Priester“ auf der ersten Seite der reichsweiten Ausgabe mitteilte.

Keine politische Betätigung erwünscht

Rossaint kam ins Zuchthaus Lüttringhausen, das er im April 1945 verließ. Seine Kirche hatte ihn nicht weiter unterstützt, sein Glaube schon. Als er nach einer Erholungszeit wieder den kirchlichen Dienst aufnehmen wollte, stellte Kölns Erzbschof Frings Bedingungen, die Rossaint nicht akzeptierte: Politische Betätigung wollte er sich nicht untersagen lassen, und vergessen hatte er nicht, dass die allermeisten Mitbrüder sein Verhalten missbilligten – Kontakt zu Kommunisten („Bolschewisten“) war zutiefst verpönt.

So blieb Rossaint Priester, ließ sich nie in den Laienstand zurückversetzen und kümmerte sich als Mitgründer und späterer Vorsitzender und Ehrenpräsident der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes bis zu seinem Tod im April 1991 um die Aufarbeitung der dunkelsten Zeit deutscher Geschichte.

Die Stadt Oberhausen verlieh ihm 1987 den Ehrenring, am Pfarrheim von St. Marien gibt es eine Bronzeplakette, die an Rossaints Wirken in Oberhausen erinnert. Zum hundertjährigen Bestehen der Gemeinde in den 50er Jahren hatte er lediglich eine vorgedruckte Einladung ohne jedes persönliche Wort erhalten – die Kirche mied den Kontakt zu einem ihrer herausragenden Vertreter.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben