Jazzkarussell

Oberhausen: Helge Schneider überrascht Jazz-Fans im Gdanska

Helge Schneider gab mit seinem Trio ein Geheimkonzert beim Jazzkarussel im Oberhausener Gdanska.

Helge Schneider gab mit seinem Trio ein Geheimkonzert beim Jazzkarussel im Oberhausener Gdanska.

Foto: Frank Oppitz / FUNKE Foto Services

Oberhausen.  Beim Jazzkarussell war ein gewisser Johnny Spitz angekündigt. Als plötzlich Helge Schneider in die Tasten griff, begann ein grandioses Konzert.

Wohl dem, der beim jüngsten Jazzkarussell auf das geheimnisvollen Trio eines gewissen Johnny Spitz scharf war. Denn der entpuppte sich im bestens gefüllten Gdanska nicht nur als alter Bekannter aus der heimischen Jazzszene, sondern auch als fantastischer Pianist eigener Gnaden.

Neugier zahlte sich hier klar aus. Denn für wahrlich bescheidende zehn Euro bekam man als Intermezzo seiner aktuellen Tour „Die Wiederkehr des blaugrünen Smaragdkäfers“ den famosen Helge Schneider in quasi privatem Ambiente zu erleben. Und dies von seiner allerbesten Seite. Nämlich als lässig swingenden Jazzer am frisch gestimmten Bechstein – übrigens in der eher selten zu sehenden Bühnenordnung à la Oscar Peterson.

Schneider am Piano: Wilde Klangassoziationen, schräg-originelle Harmonien

Will sagen: Am diesem Abend hatte der 64-jährige Entertainer nicht den Schalk im Nacken, sondern zwei grandiose Begleiter links hinter sich. Die folglich die 88 schwarz-weißen Tasten jederzeit im Blick hatten, was für den fabelhaften Spielfluss voller gewitzter Hakenschläge auch unbedingt vonnöten war. Denn was Helge Schneider aus diversen Perlen des Great American Songbooks machte, war alles andere als eine bloß muntere Präsentation alter Standards wie dem unverwüstlichen „Sweet Georgia Brown“.

Nutzte der gewiefte Pianist doch die jedem Jazzfan bekannten Themen lediglich als Sprungbrett für wilde Klangassoziationen, die er mit Verve und sagenhaftem Gespür für schräg-originelle Harmonien souverän ausbreitete. Was sein Drummer Thomas Alkier mit leichthändiger Eleganz auf Toms und Cymbals reaktionssicher strukturierte. Während Ira Coleman, der schon vor über 40 Jahren in Köln mit Helge spielte, um später solche Superstars wie Wayne Shorter, Herbie Hancock oder DeeDee Bridgewater zu begleiten, am warm-singenden Bass schöne Gegenlinien in die faszinierende Klavierpracht wob.

Weltklasse-Niveau: Publikum im Gdanska spendet dem Jazz Trio Szenenapplaus

Und was gab es da nicht alles zu entdecken: Jede Menge listig eingeschmuggelte Zitate wie das berühmte Thema des „Lullaby of Broadway“ etwa, das im zweiten Set des unterhaltsamen Abends dann in voller Schönheit ausgekostet wurde. Kunstvoll zerlegte Melodien wie das verträumte „Softly as a morning sunrise“ in schwelgerischer Grandezza, hübsch groovend auch ohne knackige Tom-Shots Bobby Timmons’ immergrünes „Moanin’“ oder ein heiter fließendes „All The Things You Are“ fernab Jarrett’scher Analytik. Und natürlich mit „Round Midnight“ auch eine erfrischend unkonventionelle Huldigung von Helge Schneiders Lieblingspianisten Thelonious Monk.

Immer wieder Szenenapplaus für die drei hinreißend interagierenden Jazzer, die völlig entspannt das Jazzkarussell auf Hochtouren swingen ließen und das Gdanska in einen veritablen Jazzclub allererster Güte verwandelten. Denn Helge Schneider demonstrierte dort völlig unprätentiös, dass er ein begnadeter Improvisator ist, der sich auch ohne intellektuellen Überbau in der Weltspitze der Piano-Trios behaupten könnte.

Dass er seinen fabelhaften Auftritt mit Schneewittchens wunderbarem Schmachtfetzen „Someday My Prince Will Come“ als Wunschzugabe eines alten Freundes krönte, hatte eine kleine ironische Note. Denn an diesem Abend gab es bereits einen strahlenden Prinzen an den Tasten – und lauter glückliche Jazzfans im Saal, die nun hoffentlich öfter das Gdanska füllen werden.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben