Vierter Psychiatrietag

Psychiater warnt vor Cannabis als Medikament

Professor Jens Kuhn, Chefarzt der Psychiatrie am Johanniter Krankenhaus in Oberhausen, sieht den therapeutischen Nutzen von Cannabis kritisch.

Professor Jens Kuhn, Chefarzt der Psychiatrie am Johanniter Krankenhaus in Oberhausen, sieht den therapeutischen Nutzen von Cannabis kritisch.

Foto: Jory Aranda

Cannabis wird zu leichtfertig eingesetzt, meint Prof. Jens Kuhn. Der Chefarzt der Psychiatrie am Johanniter Krankenhaus warnt vor den Folgen.

Droge oder Wundermittel? Gerade Schwerkranke erhoffen sich von Cannabis eine Besserung ihrer Beschwerden. Zu Recht? Der aktuelle Wissensstand über den therapeutischen Nutzen von Cannabis wird am 16. März Thema beim vierten Psychiatrietag in Oberhausen sein. Wir sprachen vorab mit Professor Jens Kuhn, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie am Johanniter Krankenhaus, über Sinn oder Unsinn dieser Entwicklung.

Patienten mit schwerwiegenden Erkrankungen steht seit März 2017 Cannabis als Medizin zur Verfügung. Ärzte dürfen seitdem getrocknete Cannabisblüten oder Blütenextrakte auf Rezept verschreiben, die sich Patienten in der Apotheke abholen können. Für welche Erkrankungen gilt das?

Prof. Kuhn: Da fängt das Problem schon an. Denn diese schwerwiegenden Erkrankungen sind überhaupt nicht definiert. Eingesetzt wird Cannabis derzeit unter anderem bei Multipler Sklerose und bei chronischen Schmerzen, zum Beispiel bei Tumor- oder Rheumapatienten. Außerdem soll es Appetitlosigkeit und Übelkeit während einer Chemotherapie lindern. Aber auch Patienten mit anderen Erkrankungen können im Einzelfall eine Ausnahmegenehmigung von der Bundesopiumstelle zur Verwendung von Cannabiskraut erhalten, vorausgesetzt, andere Therapien blieben erfolglos.

Das hört sich nach einer Legalisierung durch die Hintertür an?

Nein, eine Legalisierung ist das sicherlich nicht. Aber die Hemmschwelle für einen Einsatz ist gesunken – und das ist problematisch.

Wegen der Nebenwirkungen?

Nein. Als verschriebenes Medikament ist Cannabis sogar eher nebenwirkungsarm. Zwar ist die medizinische Wirksamkeit zum Lindern von Schmerzen und Entzündungen der beiden Cannabinoide Tetrahydrocannabinol und Cannabidiol naheliegend. Tatsächlich bewiesen ist sie aber noch nicht ausreichend. Außerdem enthält Cannabis noch weit mehr Cannabinoide – und deren Wirkung auf den menschlichen Körper ist bis heute unerforscht. Darüber hinaus stellen wir selbst bei den zugelassenen Mitteln unkalkulierbare psychische Auswirkungen in der Langzeitanwendung fest.

Welche wären das?

Cannabis verschlechtert eine bereits vorhandene psychische Erkrankung wie eine Depression oder eine Schizophrenie und kann sogar Psychosen auslösen. Besonders problematisch ist der Konsum in jungen Jahren, deshalb wird Cannabis bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen so gut wie gar nicht als Medikament eingesetzt.

Was macht Cannabis für junge Menschen so riskant?

Selbst ein geringer Konsum verändert das Gehirn. Die etwa bis zum 25. Lebensjahr stattfindende abschließende Hirnreife wird negativ beeinflusst. Das wahrnehmungs­gebundene logische Denken, die Arbeitsgeschwindigkeit und die manuelle Geschicklichkeit bleiben verringert. Auch Merkfähigkeit, Konzentration und Leistungsfähigkeit lassen nach. Ferner steigt die Gefahr für psychische Erkrankungen in späteren Lebensjahren. Auf der anderen Seite können sich schwer zu kontrollierende Gefühlsausbrüche entwickeln. Das wirkt sich auf das ganze Leben aus.

Also sollte Cannabis am besten gar nicht mehr eingesetzt werden?

Zumindest sollte sehr zurückhaltend damit umgegangen werden, bis es eindeutigere Studienergebnisse gibt. Denn weiterzuforschen lohnt sich auf jeden Fall. Eventuell könnte Cannabis weiterhin das werden, was viele Patienten sich erhoffen – ein wirksames Heilmittel.

Psychiater aus ganz Deutschland in Sterkrade zu Gast

Der vierte Psychiatrietag Oberhausen-Sterkrade findet am Samstag, 16. März, von 9 bis 15.30 Uhr im Johanniter Krankenhaus Oberhausen an der Steinbrinkstraße 96a statt.

Erwartet werden über 100 Gäste, darunter viele renommierte Psychiater aus ganz Deutschland. Weitere Themen unter anderem: Bedeutung von sportlicher Aktivität im Kontext von Depressionen und Angststörungen, Demenz/Was gibt es Neues?

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