Demokratie Leben

Sophie-Gymnasium: Wie aus Schülern mutige Bürger werden

Schauspieler Jürgen Albrecht als Herr Schröder zeigt auf, wie man wirr und konzeptlos Gefühle als Fakten und Lügen als Argumente verkauft.

Schauspieler Jürgen Albrecht als Herr Schröder zeigt auf, wie man wirr und konzeptlos Gefühle als Fakten und Lügen als Argumente verkauft.

Foto: Kerstin Bögeholz / FUNKE FotoServices

Oberhausen.  Zuviel Courage? „Geht nicht!“, meint das „Sophie“. So lernen achte Klassen des Gymnasiums, wie sie widersprechen und rechte Parolen entlarven.

Hakenkreuze? Lustig. KZ? Zum Totlachen. Der Zeitraum der „Woche der Demokratie“ im Sophie-Scholl-Gymnasium ist bitter – doch das Attentat von Halle und die Belustigung über die Gräuelsymbole und -Orte der Nazis durch junge Menschen zeigt: Diese Woche ist nötig. Im dritten Jahr infolge sollen die Achtklässler des „Sophie“ lernen mutig zu sein, sich einzumischen, zu widersprechen und sich zu wehren, wenn Menschen Menschenfeindliches sagen – oder tun. Das Schauspiel-Duo „Zuvielcourage“ kommt da gerade recht.

Für Herrn Schröder (gespielt von Jürgen Albrecht) ist die Sache klar. „Zuerst fliegen die Kippen aus dem Fenster und danach zünden die Flüchtlinge unsere Häuser an.“ Hm. Die Achtklässler staunen über so viel Dummheit. Frau Mutig kontert: Der Hausmeister mit Besen und weniger stilechten Gummihandschuhen suche einen Sündenbock für seine Ängste. Ein paar Kinder finden das lustig, die meisten aber schweigen. „Beleidigungen bringen bei solchen Diskussionen gar nichts“, erklärt Karin Kettling alias Frau Mutig der 8e.

Schüler sind dem Lehrplan weit voraus

Die zehn Minuten Theater im Klassenzimmer sind lehrreich, weil die Schüler ihrem Lehrplan voraus sind. „Das Demokratieverständnis wird in der Projektwoche gefestigt – sonst kommt das Thema vor der Neunten immer zu kurz“, sagt Stephanie Vogel (32), zuständig für politische Projekte.

Seit zwei Jahren ist das „Sophie“ zudem offiziell „Schule ohne Rassismus“, ein Titel, dem die Schule gerecht werden will. Das Ziel: „Die Kinder sollen einschreiten, wenn Unrecht geschieht – auch bei Fremden. Da habe die Pädagogin kaum Bedenken: „Diese Generation ist viel mutiger und frecher als meine. Sie machen den Mund auf.“

Rassismus in der eigenen Familie

Und so erzählen die Schüler der 8e freiwillig ihre Erlebnisse zum Thema Diskriminierung aus ihrem Alltag. Eine Schülerin schildert, wie oft sie mit der eigenen Familie aneinandergerät, weil „die nicht so gut mit Ausländern können“. Ein junger Mann bemängelt die Berichte in den Medien. Er lese fast nur noch von schlimmen Taten, die Ausländer begangen haben. Mord und Vergewaltigung. „Wenn Deutsche sowas machen, liest man davon nie was.“ Viele Schüler mache es außerdem selbst aggressiv, wenn jemand rassistisch sei. Abstoßend sei das. Die Schauspieler hören aufmerksam zu. Es ist nicht ihr erster Auftritt.

Die Woche der Demokratie läuft indes 2019 in drei Akten: Nummer eins ist das Theater-Seminar mit „Zuvielcourage“. Nummer zwei: Autor Nils Oskamp liest aus seiner Graphic-Novel „Drei Steine - ich sagte meine Meinung gegen Nazis, das hätte mich fast umgebracht.“

Dem folgt am letzten Projekttag ein gemeinsamer Besuch aller achten Klassen der Gedenkhalle Oberhausen gegen das Vergessen der Verfolgten im Nationalsozialismus. Die Mittel würden abermals durch den Förderverein des Sophie beantragt, damit 2020 weiter an der Demokratiebasis der Schüler gefeilt werden darf, bestätigt derweil Stephanie Vogel. Die Geschichten der Schüler zeigen: Es braucht solche Projekte gegen rechte Hetze und für mehr Gerechtigkeit auch in Oberhausen.

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