Schul-Jubiläum

Sophie-Scholl-Gymnasium: Alles Gute, altes Mädchen!

125 Jahre „Sophie“: Der Geschichtskurs von Schulleiter Holger Schmenk hat sich intensiv mit der Vergangenheit der Schule beschäftigt.

125 Jahre „Sophie“: Der Geschichtskurs von Schulleiter Holger Schmenk hat sich intensiv mit der Vergangenheit der Schule beschäftigt.

Foto: Christoph Wojtyczka / FUNKE Foto Services

Für die Bildung ihrer Töchter zahlten Gutbetuchte gern. Das einstige Sterkrader Lyzeum ist heute Gymnasium für alle und feiert 125. Geburtstag.

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Oberhausen. Geschichte zusammenfassen kann ein Kraftakt sein. Zum einen, weil Chronisten manchmal bewusst oder unbewusst beschönigen, was damals womöglich doch nicht so prall war. Zum anderen, weil das Zusammentragen von Zahlen, Daten und Fakten schnell langweilig wirken kann, wenn das Hauptaugenmerk weg vom Mensch und hin zum Datum geht.

Darum muss sich das Sophie-Scholl-Gymnasium in Sterkrade allerdings keine Sorgen machen — denn dessen Schüler aus der Klasse zehn schufen keine toten Zahlenberge zum 125. Bestehen ihrer Schule. Nein, sie lernten fleißig zu Hause und erzählen anschaulich weiter, was ihre Generation nicht vergessen sollte.

„Mich hat beeindruckt, dass die Schule vor langer Zeit eine der ersten war, die sich gegen Rassismus und zum Beispiel früh für die Digitalisierung eingesetzt hat“, sagt Malik Aydin (15) und lehnt sich entspannt im Stuhl zurück. Um ihn herum sitzen seine Mitstreiter, alles Schüler der zehnten Klasse, die im Leistungskurs Geschichte favorisieren. Bereits vor Monaten fragte Schulleiter Holger Schmenk, ob sie nicht ein wenig in den alten Dokumenten und Jahrbüchern des Sophie-Scholl-Gymnasiums samt Vorläufer stöbern wollten. Sie wollen. „Die Berichte der Zeitzeugen fand ich am spannendsten“, ergänzt zwei Sitze weiter Pia Chlebowski (16) und erntet ein kollektives Kopfnicken ihrer Mitschüler. „Das war spannend.“

Oberhausener Sophie-Scholl-Gymnasium nur für Mädchen

Wenn die Gründungsväter und Frauen sprechen könnten, sie würden sich sicher darüber wundern, warum beide Geschlechter nebeneinander im Klassenraum sitzen. Denn 1894 wird das Sophie-Scholl-Gymnasium als Evangelisches Lyzeum Sterkrade gegründet und Jungs sind in der Mädchenschule tabu. Das ist ungewöhnlich, weil Mädchen damals selten eine gute Schulbildung erhalten und diese dazu noch sehr teuer ist. Am Lyzeum werden fünf Jahrgänge in einer Klasse auf Wunsch der Väter unterrichtet, die im Bergbau sind und bei der GHH gut verdienen. Die Schule wird um 1900 privatisiert und vom Bezirk Düsseldorf anerkannt, jedoch bleibt das Geld -trotz der Förderer- stets knapp.

Anna Schminder hat das Sophie-Scholl-Gymnasium ganz bewusst ausgewählt, als sie vor ein paar Jahren die Grundschule verließ. Denn anders als vor hundert Jahren haben alle Schüler gleiche Chancen und am „Sophie wird großen Wert auf die künstlerische Ausbildung gelegt“. Querflöte spielt die 16-Jährige zwar nicht mehr, mit den eigens ausgesuchten Instrumenten „waren wir in der fünften und sechsten Klasse aber wie ein kleines Klassen-Orchester“.

Rekord-Rektorin arrangierte sich mit Nazis

Aus der Reihe tanzte bei der ersten Rektorin Anna Becker wahrscheinlich niemand, denn von ihr bleiben indes zwei Sachen in Erinnerung. Erstens: Sie sorgte in ihren 42 Dienstjahren (Rekord) für eine größere Schule, bei der ab 1910 (aus Geldnöten) auch Jungen zugelassen wurden. Und zweitens dafür, dass ihre Lehrer ab 1934 dem Nazi-Lehrerbund angehörten. Ein dunkles Kapitel, das vielleicht erklärt, warum die Schule später nach der Ikone des Widerstands gegen Hitler benannt wurde.

Nach dem Krieg, genauer 1957, wächst an der Tirpitzstraße dann der Neubau in die Höhe, wo das 1960 in Sophie-Scholl-Gymnasium umbenannte Gebäude nach mehreren Anbauten und Zusammenlegungen beheimatet ist. 1977 kommen die Jungen zurück. Schulleiter Holger Schmenk ist Geschichtslehrer und weiß eigentlich alles über seine Schule — das Werbung fürs „Sophie“ in der Grundschule stattfindet, hört aber auch er von seinem Kurs zum allerersten Mal.

Eine Schule für die ganze Familie

„Ja, ohne eine gewisse Person wäre ich heute nicht hier“, sagt der 15-jährige Marvin Haberstroh und grinst Mitschülerin Pia an. Sie kann sich ihr Lachen kaum verkneifen. „Okay, ich war’s.“ Ihren Lehrer freut das natürlich. „Deshalb haben wir bewusst keine Festschrift aufgesetzt“, sagt Holger Schmenk. „Wir verstehen uns als Familienschule, die sich um die Belange ihrer Schüler intensiv bemüht und deren Eltern und Großeltern oft sogar schon das Sophie besucht haben.“ Der Funke überspringt also Generationen und Klassenräume — für 125 Jahre ziemlich modern. Hut ab, altes Mädchen.

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