Nachruf

Warum Hilmar Hoffmann für Oberhausen ein Glücksfall war

Hilmar Hoffmann vor wenigen Jahren im Arbeitszimmer seines Hauses in Frankfurt. In der Bankenhauptstadt sorgte er von 1970 bis 1990 als Kultur- und Freizeitdezernent für einen Imagewandel Frankfurts – als Museen- und Kulturstadt.

Hilmar Hoffmann vor wenigen Jahren im Arbeitszimmer seines Hauses in Frankfurt. In der Bankenhauptstadt sorgte er von 1970 bis 1990 als Kultur- und Freizeitdezernent für einen Imagewandel Frankfurts – als Museen- und Kulturstadt.

Foto: imago

oberhausen.   Seine Wirkungszeit in Oberhausen liegt schon lange zurück, doch seine Ideen hallen immer noch nach – und prägen das Image der Ruhrgebietsstadt.

Seit vielen Jahrzehnten war der jetzt 92-jährig gestorbene Hilmar Hoffmann nicht mehr in Oberhausen präsent, tauchte mit seinem nach hinten gekämmten schlohweißen Haar nur noch bei zentralen Jubiläen des von ihm gegründeten weltweit ersten internationalen Kurzfilmfestivals auf: 2012 beim 50. Jahrestag des Oberhausener Manifests für einen neuen frischen deutschen Film und 2014 bei der 60-Jahr-Feier des Festivals.

Doch die anhaltende Wirkung seiner fast zwanzig Jahre währenden Arbeit in Oberhausen in den 1950er und 60er Jahren für die Stadt und für die Menschen im Ruhrgebiet kann gar nicht überschätzt werden. „Was wir heute hier kulturpolitisch machen, baut auf dem auf, was Hilmar Hoffmann in Oberhausen entwickelt hat“, sagt der jetzige Kulturdezernent Apostolos Tsalastras.

Unüberwindbare Hürden?

Der 1951 bundesweit jüngste Leiter einer Volkshochschule in Deutschland hat in Oberhausen nicht nur das international so legendäre, politisch so streitbare und provokante Kurzfilm-Festival geschaffen, sondern als Kultur- und Sozialdezernent in der Arbeiterstadt seine These „Kultur für alle“ umgesetzt.

In Zeiten, als der Besuch eines Theaters oder Opernhauses fast ausschließlich für Gutbetuchte und formal Bessergebildete selbstverständlich war und die unsichtbaren Hürden auf den Weg zur Kultur für Durchschnittsbürger unüberwindbar schienen, da war die Haltung Hoffmanns eine Revolution. Kunst und Kultur sollten nicht banalisiert und auf Biegen und Brechen popularisiert werden, um Massen zu erreichen, sondern alle Bürger sollten in der Schule ästhetisch und musisch gebildet werden, damit sie kulturelle Botschaften lesen, verstehen und sich daran bereichern können.

Am Puls der Zeit: Oberhausen ist ein Begriff

Jahrzehntelang mahnte der Sozialdemokrat Regierungen jeglicher politischer Couleur, mehr für kulturelle Bildung von Schülern zu tun – und sah glasklar, wie begrenzt der Einfluss von Kulturpolitikern ist. „Ich glaube, dass die Kulturpolitik zu spät ansetzt, nämlich im Erwachsenenalter. Solange nicht erreicht wird, dass kulturelle Bildung im Stundenplan auftaucht, werden sie keine Klientel schaffen, die im Erwachsenenalter ins Theater oder ins Museum geht“, sagte Hoffmann.

In den manchmal recht wirren Umbruchzeiten der 1960er Jahre schaffte Hoffmann es mit seinem Kurzfilmtage-Festival, am Puls der Zeit zu sein – Oberhausen war und ist dadurch Intellektuellen, Politikern und der Filmszene ein Begriff als quirliger, unangepasster Ort der Querdenker und Linksalternativen.

Treffpunkt von Ost und West

Mit Blick auf den Anfangsgeist des Festivals als Treff von Künstlern aus Ost und West schreibt der heutige Kurzfilmtage-Leiter Lars Henrik Gass: „Hoffmann beendete mit dem Festival den Kalten Krieg, als der noch international tobte, indem er die Filme aus den sowjetischen Ländern nach Oberhausen einlud.“ Hoffmann sei damals auf dem richtigen, zukunftsweisenden Weg gewesen. „Das erkannte eine ganze Generation von Leuten schon weit vor den sozialen Umbrüchen um 1968 – und strömte nach Oberhausen, als die anderen die Signale noch nicht vernahmen, als Veränderung noch nicht en vogue war.“

Fragt man Gesprächspartner von Hoffmann, so war er nicht nur ein begnadeter Anekdoten-Erzähler, sondern vor allem jemand, der seinem Gegenüber offen und interessiert lauschte. „Die Fähigkeit zuzuhören, war der Kern seiner politischen Kultur. Lieber tausendmal umsonst geredet als einmal geschossen“, schreibt Lars Henrik Gass. Und Tsalastras meint: „Er hat sich mit dem ernsthaft auseinandergesetzt, was man berichtet hat. Er wollte wissen, was aus seinem Kind, dem Festival, geworden ist.“

Hilmar Hoffmann stand für einen breiten Kulturbegriff: Er hörte Musik von Jimi Hendrix genauso wie er Andy Warhol, Sandro Botticelli oder Goethes „Faust“ schätzte – und sah privat gerne Krimis im Fernsehen. So förderte er als Frankfurter Kulturdezernent die alternative Szene und die Hochkultur. Er rief dort das erste kommunale Kino Deutschlands ins Leben, gründete mit 15 Museen das Frankfurter Museumsufer am Main. „Er verstand sich als derjenige, der denjenigen, die Kunst machten, die nötige Freiheit gab. Das bleibt stilprägend: sich selbst in den Hintergrund zu stellen und schützend vor die Kunst. Alles andere gehört sich nicht für Leute, die Kultur verwalten“, meint Gass.

Ein sehr erfolgreicher Spenden-Sammler

Dazu gehörte für Hoffmann auch, dafür zu sorgen, dass für Kultur Geld in die Kasse kam: Er war ein sehr erfolgreicher Spenden-Sammler bei wohlhabenden Unternehmen und Firmenchefs.

Kunst und Kultur sah Hoffmann nicht als Sahnehäubchen im Alltag, sondern wertete sie als elementaren Teil des Lebens – mit heilender Kraft. Zur aufkeimenden Hasswelle gegen Flüchtlinge sagte Hoffmann zu seinem 90. Geburtstag: „Hier zeigt sich, dass es bei diesen Menschen wahrscheinlich keine kulturellen Institutionen gegeben hat, die diese aufgeklärt haben.“

Im Rathaus der Stadt Frankfurt liegt in diesen Tagen ein Kondolenzbuch aus. Beerdigt werden wollte Hoffmann in aller Stille im Familienkreis. Der Termin ist geheim.

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