#mehralskohle

Wenn die Feuerwehr in Richtung Zeche Alstaden raste

Margot Wippmann an ihrem Küchentisch in Alstaden. Die 77-Jährige sieht sich alte Fotos aus dem Familienalbum an.

Foto: Thomas Gödde

Margot Wippmann an ihrem Küchentisch in Alstaden. Die 77-Jährige sieht sich alte Fotos aus dem Familienalbum an.

Oberhausen.   Margot Wippmann hat an den Bergbau nicht nur romantische Erinnerungen. Für das Projekt „Mehr als Kohle“ erzählte sie von ihrer damaligen Angst.

Als sich Margot Wippmann neulich mit ihren Freundinnen zum Kaffeeklatsch getroffen hat, förderten die Damen keine Kohle. Sie schwelgten also nicht in Erinnerungen an die gemeinsame Zeit unter Tage und die heraufgeholten Tonnen schwarzen Goldes – wie das gleichaltrige Männerrunden an der Theke auch heute noch gerne tun. Eben „Kohle fördern“, nur mit Worten.

Die Runde um die 77-jährige Oberhausenerin sprach vielmehr über dreckige Wäsche, abwesende Männer in Dauerschichten. Über das Warten am Zechentor, damit der Inhalt der Lohntüte nicht beim Kneipenwirt landete, so dass bei der Familie Schmalhans Küchenmeister angesagt war. Und über die Gefahren, die so ein Job im Bergbau mit sich brachte, redete das Kaffeekränzchen. „Ich habe immer Angst gehabt“, sagt Margot Wippmann.

Ihr Mann hat von 1956 bis 1965 als Elektriker über Tage auf der Zeche Alstaden gearbeitet. Aber immer wieder, gerade bei Störungen, musste auch er einfahren. Oder bei Wartungsarbeiten. Der Mann auf der Zeche, die Frau zu Hause, „wenn dann das Martinshorn zu hören war und die Polizei mit der Feuerwehr aus der Stadt kam und die Bebelstraße in Richtung Zeche Alstaden runter raste, wurde ich als junge Frau unruhig“, erinnert sich Margot Wippmann.

„Ich habe mir meine Einkaufstasche geschnappt und bin zum Lebensmittelladen gelaufen.“ Bange Fragen, „’hast Du was gehört, ist etwas auf der Zeche passiert’“ – ein Szenario, das mehr als einmal vorkam. „Obwohl wir alle kein Telefon hatten, sprach sich ein Unfall schnell herum.“

Ihrem Mann ist zum Glück nichts Schlimmes passiert, aber trotzdem sei es eine große Erlösung gewesen, als er später einen Job bei RWE in Mülheim bekam – nicht nur wegen des weitaus weniger gefährlichen Arbeitsplatzes. Sondern weil er dort auch keine Wechsel- oder Nachtschichten mehr hatte. Spätestens ab Mitte der Woche sei mit dem Mann nicht mehr „gut Kirschen essen“ gewesen, „der hat einfach zu wenig Schlaf bekommen“.

In den beengten Wohnverhältnissen, zwei kleine Zimmerchen unter dem Dach, war es dann schwierig, die nötige Ruhe herzustellen. Das kleine Töchterchen, 1964 geboren, wollte krabbeln, ja, und ein Baby weint ja auch mal. „Wir sind dann stundenlang spazieren gegangen im Ruhrpark oder haben die Großmutter besucht.“

Diese Geschichte gibt's hier als Multimedia-Reportage

Arbeiten an Sonn- und Feiertagen, nachts – bei 30 Monatstagen waren 33 Schichten selbstverständlich. Dabei verhehlt Margot Wippmann nicht, dass ihr Mann damals natürlich wegen des Verdienstes auf der Zeche angefangen hat, er, der bei einer kleinen Firma Elektriker gelernt hatte, konnte im Bergbau mehr für die Familie erwirtschaften als im Handwerk als Geselle.

Die Füße rabenschwarz

Sie selbst hat beim Kaufhof in Oberhausen gelernt, aber wie damals üblich: Die Mutter blieb zu Hause. Später ging sie stundenweise wieder bezahlt arbeiten, aber in der Ehe, mit zwei kleinen Kindern (1968 kam ihr Sohn zur Welt), war der Haushalt ihre Aufgabe. Zum Beispiel Wäsche waschen, ohne die modernen Waschmaschinen von heute, ohne Trockner, „und raushängen konnte man die wegen der Rußflocken nicht immer“. Jeden Abend habe sie ihr kleines Mädchen gebadet, deren Füße vom Laufen über die Wiese rabenschwarz gewesen seien. Alles lange her, aber immer noch sehr präsent.

„Nein, ich bedauere das nicht, das die letzte Zeche in diesem Jahr schließt“, schüttelt Wippmann den Kopf. Unter der Erde zu arbeiten, „das hätte ich mir nie als Arbeitsplatz vorstellen können“. Die Solidarität unter den Männern, unter den Bergmannsfrauen, unter den Nachbarn sei groß gewesen, „das war toll“, in diesem Sinne bewahrt die Oberhausenerin romantische Erinnerungen. Trotz allem meint sie aber: „Das Leben ist heute härter. Heute ist es doch viel schwieriger, an die entsprechenden Stellen und an vernünftig bezahlte Arbeit zu kommen.“ Familien im Ruhrgebiet 2018, das ist ein anderes Kapitel.

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