Traditionslokal

Zum Tode „Enzo“ Leones: Eine Geschichte von Liebe und Pizza

Trägt Trauer: Für Rosetta Leone ist ihr Mann im Restaurant allgegenwärtig. So viele schöne Erinnerungen schwirren an diesem Ort für sie herum. Fotos:Gerd Wallhorn

Trägt Trauer: Für Rosetta Leone ist ihr Mann im Restaurant allgegenwärtig. So viele schöne Erinnerungen schwirren an diesem Ort für sie herum. Fotos:Gerd Wallhorn

OBERHAUSEN.   Vincenzo Leone führte jahrzehntelang mit seiner Frau Rosetta das Restaurant „Salvatore“. Nach seinem Tod geht dort die Familiengeschichte weiter.

Der Duft von knusprigem Pizzateig empfängt die Gäste des Ristorante „Salvatore“ an der Helmholtzstraße, doch wer mit offenen Augen und weitem Herzen das urgemütliche Lokal betritt, kann sehen und fühlen, was hier noch in der Luft liegt: die Lebensgeschichte einer italienischen Einwandererfamilie, die begonnen hat mit der schüchternen Liebe eines jugendlichen Käfer-Fahrers. Vincenzo Leone hieß dieser und Rosetta seine Angebetete. Am 28. September hat der Tod die beiden getrennt – nach 41 Ehejahren, die sie allesamt gemeinsam im „Salvatore“ verbracht haben. Jenem Ort, an dem sie sich auch kennenlernten.

Damit es überhaupt zu der Romanze kommen konnte, musste zunächst einmal der Onkel von Rosetta Leone, ein gewisser Salvatore De Rosis, am 15. Oktober 1968 die älteste Pizzeria des Ruhrgebiets eröffnen. Nunja, eigentlich ist es die zweitälteste, räumt „Mamma Leone“ ein, das „Pino“ an der Mülheimer Straße sei schon vorher dagewesen, aber der habe längst geschlossen. An der Helmholtzstraße werden bis heute die Pizzen in den Ofen geschoben, über 30 Variationen stehen auf der Karte, ein kleiner Teil nur des typisch italienischen Menüs.

Begonnen hat der Namensgeber des Lokals jedoch mit Currywurst, Pommes und Schnitzeln. „Die Vermieter wollten nicht, dass hier italienisch gekocht wird, das kannte man damals ja nicht“, erzählt Patrizia Leone. Die 31-Jährige, eigentlich Logopädin, arbeitet zusammen mit ihrem Mann Michele Lomuto im Familienbetrieb. „Mein Mann hat immer zu den Kindern gesagt, schaut euch hier alles an, lernt alles, und dann könnt ihr ja immer noch einen anderen Beruf auswählen“, erzählt Rosetta Leone. Und so sind Daniele (40), Alessandra (37) und Patrizia (31) zu Gastronomie-Experten herangewachsen. Für diese Berufung hat sich jedoch nur Patrizia entschieden. „Aber die anderen helfen immer, wenn es viel Arbeit gibt“, nimmt die 59-Jährige ihre beiden anderen Kinder in Schutz.

Fremdes Oregano

Dreizehn Jahre jung war die Restaurant-Chefin, als sie ihren Onkel in Deutschland besuchen durfte. Sie half im Imbiss – und fühlte sich wohl. „Oberhausen war so schön“, sagt sie. „Ich hoffe immer, dass es nochmal so wird.“ Das junge Mädchen blieb und half dem Onkel dabei, den Deutschen die Küche ihrer Heimat schmackhaft zu machen. „Am Anfang haben wir Pizza gebacken und alle probieren lassen.“ Oregano fanden die Gäste befremdlich und auch der „stinkende“ Knoblauch war gewöhnungsbedürftig. Der Rest ist Geschichte: Die Deutschen lieben ihre Pizza längst heiß und innig und Onkel Salvatore, inzwischen verstorben, durfte seinen Laden vergrößern zu einem richtigen Restaurant.

In diesem heuerte Vincenzo Leone als Koch an, nachdem er vorher immer nur im Käfer vorbeigeschaut hatte. Nach ihrer Hochzeit 1976 übernahmen die jungen Leute das Ruder. Mit großem Erfolg. Bis heute kommen nicht nur Stammgäste, manche in der zweiten Generation, sondern auch Stars und Sternchen. Christoph Schlingensief sieht Rosetta Leone noch am Fenster sitzen und an seinem Buch schreiben, Schauspieler Claus Theo Gärtner aß hier, Sänger Adel Tawil, „Naddel“ und Komiker Diether Krebs. Sie alle wurden genauso herzlich bedient wie jeder andere Gast auch.

Nachmittags laufen jetzt Patrizia Leones dreijährige Zwillinge genau so um die Tische herum wie sie einst selbst mit ihren Geschwistern. Oma Leone steht dann in der Küche und kocht Mittagessen. Ihr Mann „Enzo“ hat diese Atmosphäre trotz Krankheit bis zum Schluss genossen. Denn dies ist nicht nur ein Restaurant, es ist der Lebensmittelpunkt einer fröhlichen Familie. Und das bleibt, auch wenn einer von ihnen gehen musste.

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